«Liebe Touristen, fahrt nicht auf unseren teuren Autobahnen»

Sechs Franken für einen Espresso: Welche Folgen der Tourismusboom für die kroatische Adriaküste hat.

Lärm und horrende Preise: Die vielen Touristen vertreiben die Einheimischen aus dem Zentrum Dubrovniks. (Fotos: Reuters/ Marko Djurica)

Lärm und horrende Preise: Die vielen Touristen vertreiben die Einheimischen aus dem Zentrum Dubrovniks. (Fotos: Reuters/ Marko Djurica)

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Von diesem Ort scheint ein ganz besonderer Reiz auszugehen. Lord Byron, der britische Romantiker und Freiheitskämpfer, nannte Dubrovnik eine «Perle der Adria», als er die kroatische Küstenstadt im 19. Jahrhundert besuchte. Sein Landsmann und Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw befand später, wer den Himmel auf Erden sehen wolle, der müsse nach Dubrovnik reisen. Die berühmte Krimiautorin Agatha Christie verbrachte hier ihre Flitterwochen, und 1933 kam Max Frisch. Die Adria schien ihm «unvorstellbar blau», er fand eine «ideale Pension», und während seines dreimonatigen Aufenthalts schrieb der Sportreporter glückstrunken seinen ersten Roman.

Wer derzeit das Glück in Dubrovnik sucht, der findet den Stress. Alteingesessene Bewohner warnen vor dem Kollaps, weil die Anzahl der Touristen, die die Altstadt sehen wollen, von Jahr zu Jahr steigt. Sie erreichen die Stadt mit dem Auto, mit Kreuzfahrtschiffen, Jachten und Flugzeugen. Die Ferienfluggesellschaft Edelweiss teilte diese Woche mit, sie werde 2018 Dubrovnik in ihr Streckennetz aufnehmen.

Die Adria-Metropole wird zum Museum

Der Boom in Dubrovnik kennt keine Grenzen: 2016 kamen über eine Million Gäste, bis Ende 2017 wird mit über vier Millionen Übernachtungen gerechnet. Das hat Folgen für die Einheimischen. Anfang der 90er-Jahre lebten in der Altstadt, die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco steht, etwa 5000 Menschen, nun sind es nur noch um die 1000. Der Ansturm der Touristen, der Lärm und vor allem die horrenden Preise zwingen viele Kroaten, das Zentrum Dubrovniks zu verlassen. Die Stadtmauer, Klöster, Paläste und Kirchen sind fest in der Hand der Touristen aus aller Welt – die Adria-Metropole wird zum Museum.

Unesco-Weltkulturerbe: Dubrovnik in Kroatien.

In den kroatischen Medien sind die Preise das grosse Thema. In den verwinkelten Gassen von Dubrovnik müssten Touristen umgerechnet fast sechs Franken für einen Espresso zahlen, heisst es. Es gebe zudem freche Marktverkäufer, die 120 Franken für ein Kilogramm Fisch verlangten. Buchungsplattformen melden, in Dubrovnik und vielen anderen Küstenstädten Kroatiens sind über 90 Prozent der Unterkünfte ausgebucht. Das Land profitiert von den weltpolitisch unruhigen Zeiten. Aus Angst vor Terroranschlägen meiden sehr viele Westeuropäer die Türkei, Ägypten und Tunesien.

Aufruf zum Autobahn-Boykott

Die Goldgräberstimmung greift um sich – in Hotels, auf Lebensmittelmärkten, in Restaurants, an Stränden. Auch in diesem Jahr gab es Meldungen über unterschiedliche Preise für In- und Ausländer. Kurz vor Beginn der Hochsaison erhöhte der staatliche Autobahnbetreiber die Mautgebühren um satte zehn Prozent. Wer von Zagreb nach Süddalmatien auf der Autobahn fährt, muss nun bis zu 40 Franken hinblättern. So viel koste in anderen Staaten eine Jahresvignette, schimpfen kroatische Medien. Das Newsportal Index.hr hat mit einem ungewöhnlichen Appell zum Boykott der Autobahnen aufgerufen: «Liebe Touristen, fahrt nicht auf unseren teuren Autobahnen und ernährt damit unsere Diebe.»

Die kroatische Küste erlebe die dunklen Seiten des Tourismus, schreibt die in Split erscheinende Tageszeitung «Slobodna Dalmacija». Die Immobilienpreise seien mittlerweile astronomisch, und es gebe Menschen, die sich in ihrer Stadt nicht einmal einen Kaffee gönnen könnten.

Verlorener Luxus der Langsamkeit

Im vergangenen Jahr besuchten fast 16 Millionen Touristen das Adrialand und gaben knapp elf Milliarden Franken aus. Der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandprodukt (BIP) beträgt 18,9 Prozent. Bis 2020 sollen die Einnahmen auf 14 bis 15 Milliarden Euro steigen. Doch schon jetzt sind viele Küstenstädte am Limit. Der Stromverbrauch steigt ins Unermessliche, es fehlen öffentliche Parkplätze, und auf einigen Inseln könnte sogar die Wasserversorgung kollabieren, wenn nicht in die Infrastruktur investiert wird.

Angesichts stetig wachsender Touristenzahlen fehlen Kroatien laut Experten immer mehr Arbeitskräfte – vor allem Köche, Kellner, Zimmermädchen, Reinigungspersonal. Kroatien kannte bisher nur den Inländervorrang, nun wird sogar über die Rekrutierung von Arbeitern in den Nachbarstaaten debattiert. Der Tourismusboom zwingt die Kroaten, den Luxus der Langsamkeit hinter sich zu lassen. In diesem Jahr sollen über 40 neue Hotels eröffnet werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2017, 17:22 Uhr

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