Mario Draghi richtet den Blick weg von den dunkelsten Szenarien

Für den Präsidenten der Europäischen Zentralbank sind die Deflationsrisiken «weitgehend verflogen».

Mario Draghis gestriger Medienauftritt sorgte an den Börsen für Freude. Foto: Michael Probst (Keystone)

Mario Draghis gestriger Medienauftritt sorgte an den Börsen für Freude. Foto: Michael Probst (Keystone)

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Der unerwartet rasche Anstieg der Inflationsrate in der Eurozone findet seinen Niederschlag in den jüngsten Prognosen der Europäischen Zentralbank (EZB). Deren Experten rechnen nun im laufenden Jahr mit Preissteigerungen von 1,7 Prozent, nachdem sie noch im Dezember von 1,3 Prozent ausgegangen waren. Im Februar ist die Teuerungsrate euroweit von 1,8 auf 2 Prozent geklettert, womit sie erstmals nach vier Jahren wieder über der EZB-Vorgabe von knapp unter 2 Prozent zu liegen kam.

Trotz dem merklich veränderten Inflationsausblick hat der EZB-Rat auf seiner gestrigen Sitzung keine Anstalten ­gemacht, die Geldspritzen zu reduzieren. Es bleibt also beim bisherigen Fahrplan monatlicher Anleihenkäufe im Volumen von 80 Milliarden Euro bis Ende März und von 60 Milliarden bis (mindestens) Ende dieses Jahres. Insbesondere deutsche Politiker und Ökonomen hatten im Vorfeld des Ratstreffens auf eine vorzeitige Beschneidung des Kaufprogrammes gedrängt. Andernfalls, so befürchten sie, sei die Euronotenbank zu einem späteren Zeitpunkt gezwungen, um so stärker zu bremsen – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die europäische Konjunktur.

Dieser Argumentation widersprach EZB-Präsident Mario Draghi gestern einmal mehr. Im beschleunigten Inflationsanstieg widerspiegle sich kein genereller, in der gesamten Eurozone dauerhaft wirksamer Preisdruck, wie er vor Journalisten ausführte. Im Gegenteil: Um sicherzustellen, dass die Teuerung nachhaltig im Zielbereich verbleibt, ist laut Draghi ein «sehr substanzieller» geldpo-litischer Impuls erforderlich.

Der Sieg rückt näher

Der jüngste Inflationsschub geht denn auch hauptsächlich auf das Konto stark verteuerter Preise für Energie und Nahrungsmittel. Ohne diese beiden Komponenten, die starken Schwankungen unterliegen können, beträgt die sogenannte Kerninflation in der Eurozone lediglich 0,9 Prozent. Dass sich aus Sicht der EZB-Ökonomen derzeit kein beständiger Preisdruck aufbaut, lässt sich an ihren Teuerungsprognosen für die zwei folgenden Jahre erkennen: 2018 sollen die Preise demnach neu um 1,6 Prozent (Dezember: 1,5) klettern und 2019 weiterhin um 1,7 Prozent. Dabei wird unterstellt, dass die EZB ihren geldpolitischen Kurs beibehält.

Gefragt, weshalb die Währungshüter trotz aufgehellter Wachstumsaussichten in Europa auch mittelfristig keinen stärkeren Inflationsdruck erwarten, verwies Draghi auf die Löhne: Da sei «noch keine Bewegung» erkennbar. Erst wenn die Saläre mit stärkerem Tempo zunähmen, so der EZB-Präsident, sei eine zentrale Voraussetzung für eine sich selbst tragende Teuerung erfüllt. Und erst dann ist es laut dem Italiener an der Zeit, «den Sieg an der Inflationsfront zu verkünden».

Grafik: Eurokurs zum Franken Zum Vergrössern anklicken.

Gleichzeitig strich er jedoch heraus, dass die Risiken einer Deflation – sprich: Preisrückgänge auf breiter Front, die in eine eigentliche Abwärtsspirale münden – «weitgehend verflogen sind». Deshalb sei es für die EZB auch nicht mehr nötig, die Option umgehender zusätzlicher ­Stimulierungsmassnahmen offenzuhalten für den Fall, dass sich das wirtschaftliche Umfeld plötzlich verschlechtert. An anderer Stelle sagte Draghi, der EZB-Rat gehe nicht davon aus, dass es geboten sein könnte, die Leitzinsen noch weiter zu senken. Der Hauptrefinanzierungssatz für die Banken liegt gegenwärtig bei 0 Prozent.

Auftrieb für den Euro

Vor allem diese Äusserungen des obersten europäischen Währungshüters dürften dem Euro zu etwas Auftrieb verholfen haben. Am gestrigen Abend lag die Gemeinschaftswährung bei 1.0720 Franken, nachdem sie zu Tagesbeginn noch unter der 1.07er-Marke notiert hatte.

Auch die europäischen Börsen legten im Anschluss an Draghis Medienauftritt zu, wobei Bankaktien überproportional profitierten. Marktbeobachter machten dafür eine Bemerkung des Notenbankpräsidenten verantwortlich, wonach im EZB-Rat nicht über weitere Langfristkredite für Banken zu vorteilhaften Sonderkonditionen – im Fachjargon als TLTROs bezeichnet – diskutiert worden sei. Dass dieses Notfallinstrument nicht über den laufenden Monat hinaus zum Einsatz gelangt, interpretierten die Marktakteure als weiteren Fingerzeig für ein sich aufhellendes Klima.

Letzteres ist laut Mario Draghi ganz wesentlich der «erfolgreichen» Geldpo-litik der EZB zuzuschreiben, die vor genau zwei Jahren mit den Anleihekäufen begonnen hat. In dieser Einschätzung sei sich der Rat einig gewesen, ergänzte dessen Präsident – wohl vor allem mit Blick auf den vielstimmigen Chor seiner Kritiker in Deutschland. Als wichtigsten Erfolg bezeichnete der Notenbanker dabei die Schaffung von mehr als 4 Millionen Arbeitsplätzen im Euroraum.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2017, 22:51 Uhr

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