Mehr Marge dank starkem Franken

Obwohl die Importgüter eigentlich günstiger werden sollten, steigen in der Schweiz die Preise für Textilien.

Fast nonstop im Ausverkaufsmodus: Der Schweizer Bekleidungsdetailhandel steht seit Jahren unter Druck. Foto: Doris Fanconi

Fast nonstop im Ausverkaufsmodus: Der Schweizer Bekleidungsdetailhandel steht seit Jahren unter Druck. Foto: Doris Fanconi

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Kleider sind in der Schweiz vergangenes Jahr durchschnittlich 0,6 Prozent teurer geworden. Der Preisanstieg, den das Bundesamt für Statistik (BFS) berechnet hat, mag nicht immens sein, er kontrastiert aber mit dem allgemein sinkenden Preisniveau in der Schweiz. Gemäss BFS sind die Preise 2015 nämlich durchschnittlich um 1,3 Prozent gesunken. Dabei sind mit dem Frankenschock insbesondere importierte Güter günstiger geworden, und zwar um 3,8 Prozent. Das wirft die Frage auf, was mit dem Preisvorteil passiert ist, den die Modeketten und Kleiderhändler beim Einkauf ihrer Waren wechselkursbedingt erzielt haben.

Dass der Währungsgewinn offenbar nicht in Form von tieferen Preisen an die Kunden weitergegeben wurde, zeigt ein Blick in die Geschäftszahlen des schwedischen Modekonzerns H & M. Der börsenkotierte Konzern weist für die Schweiz für den Zeitraum Januar bis Oktober 2015 in Schwedischen Kronen gerechnet ein Umsatzplus von 18 Prozent aus. In Lokalwährungen – sprich Franken – blieb der Umsatz auf Vorjahreshöhe. Davon ausgehend, dass H & M im tendenziell eher schwächelnden Schweizer Modemarkt nicht im grossen Stil Marktanteile hinzugewonnen hat, deuten die Zahlen darauf hin, dass H & M zugunsten einer grösseren Marge auf eine Preissenkung verzichtet hat. H & M Schweiz wollte dazu keine Stellung nehmen und hat auf Anfragen des «Tages-Anzeigers» nicht reagiert.

Währungsrabatt gewährt

Auch bei anderen Modeketten gibt man sich punkto Preispolitik der vergangenen Monate zugeknöpft – oft sind gar keine Angaben zu den Auswirkungen der Frankenstärke auf die Kleiderpreise zu erhalten. Beim spanischen Inditex-Konzern, zu der die Modekette Zara gehört, heisst es nichtssagend, die Preisgestaltung sei auf langfristige Stabilität ausgerichtet und man stütze unternehmerische Entscheide nie auf kurzfristige konjunkturelle Faktoren ab. Tally Weijl wiederum teilte auf Anfrage mit, einen Rabatt von 15 Prozent gewährt zu haben. Das Unternehmen mit Sitz in Basel spricht gleichzeitig aber auch auf von einem in den letzten Monaten gestiegenen Preisdruck in der Schweiz. Auf einen solchen verweist auch der Modekonzern Charles Vögele. Dieser hat den Währungsvorteil nach eigenen Angaben ebenfalls an seine Kunden weitergegeben, und zwar über eine dauerhafte Preisreduktion von 15 bis 20 Prozent auf viele Modelle aus der eigenen Kollektion und verschiedenen Fremdmarken.

Anders als aus dem Ausland heraus operierende Ketten ist Charles Voegele indes in einer schwierigeren Situation, da der Konzern zwei Drittel des Umsatzes im Euroraum macht. Das führt dazu, dass die Frankenstärke entsprechend auf das in Schweizer Währung ausgewiesene Ergebnis drückt. Zudem bezieht Charles Voegele gemäss Mediensprecherin Nicole Borel 90 Prozent der Waren direkt aus Asien und bezahlt diese entsprechend in Dollar. Dies lastet entsprechend auf dem Unternehmen, da der Dollar ja gegenüber dem Euro im vergangenen Jahr ebenfalls an Wert ­gewonnen hat. Diesen Faktor kann die Modebranche indes nicht flächendeckend geltend machen, um nach dem Frankenschock nicht gewährte Preisreduktionen zu begründen – denn die Modebranche rechnet gemäss Eidgenössischer Zollverwaltung hauptsächlich in Euro ab. Laut der Statistik über die Rechnungswährungen des Schweizer Aussenhandels werden über 60 Prozent der Kleider­importe in Euro abgewickelt. Zudem hat der Franken 2015 auch gegenüber dem Dollar mehrere Monate lang Stärke gezeigt.

Mit dem Frankenschock im Januar 2015 im Blick irritiert der Preisanstieg bei Kleidern. Über längere Sicht betrachtet sind Kleidungsstücke in der Schweiz allerdings bedeutend günstiger geworden. So liegen die Preise für Kleider und Schuhe gemäss den offiziellen Zahlen des BFS derzeit rund 8 Prozent unter dem Niveau von 1995. Dagegen sind die durchschnittlichen Preise, die Schweizer Konsumenten für alle Güter und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs zahlen, über die letzten 20 Jahre gesehen fast 11 Prozent gestiegen. Aber auch über die letzten fünf Jahre, die allesamt bereits von einer Erstarkung des Frankens geprägt waren, sind Kleider und Schuhe mehr als 9 Prozent billiger geworden, derweil der Landesindex der Konsumentenpreise lediglich einen Preisrückgang von knapp 1,8 Prozent zeigt.

Margen zuvor nicht nachhaltig

Im grossen Preisdruck der vergangenen Jahre sieht auch die Credit-Suisse-Detailhandelsexpertin Patricia Feubli den plausibelsten Grund, weshalb Kleider in der Schweiz 2015 trotz Frankenstärke teurer geworden sind. «Der Preisanstieg kann als Zeichen dafür gedeutet werden, dass die Margen der Händler nicht mehr nachhaltig waren», sagt Feubli. Modehändler hätten den frankenbedingten Preisvorteil beim Einkauf nun möglicherweise dazu nutzt, ihre Marge wieder aufzubessern. Angesichts der Situation der Branche findet die Expertin der CS keine andere Erklärung, weshalb die Kleiderpreise nicht weiter gesenkt wurden. «Der Wettbewerb ist aufgrund des Einkauftourismus weiterhin sehr gross.»

Feubli verweist auch auf den Wettbewerbsdruck, dem die Schweizer Modehändler durch ausländische Onlineshops ausgesetzt sind. «Für den Bekleidungsdetailhandel, der seit Jahren eigentlich fast schon nonstop im Ausverkaufsmodus laufe, sei der starke Franken trotz günstiger Preise bei der Warenbeschaffung dennoch eine Belastung.» Der Druck, unter dem die Kleiderläden stehen, offenbart sich denn auch bereits in Laden­schliessungen. So hat etwa die Modekette Bernie’s 2015 die Segel gestrichen, Companys hat Insolvenz angemeldet und PKZ, Tally Weijl, Chicorée und andere Ketten haben Filialen geschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2016, 23:23 Uhr

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Hochpreisinsel Schweiz

Differenz weiterhin gross

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