«Mit 52 wurde ich ausrangiert»

Keinen Job trotz exzellenter Zeugnisse: Urs Weisskopf wurde vor zehn Jahren entlassen. Jetzt erzählt er, wie er sich seither über Wasser hält.

Weder verbittert noch zornig: Urs Weisskopf, 62 Jahre alt, seit zehn Jahren ohne Anstellung. Foto: Sabina Bobst

Weder verbittert noch zornig: Urs Weisskopf, 62 Jahre alt, seit zehn Jahren ohne Anstellung. Foto: Sabina Bobst

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An den Tag seiner Entlassung erinnert sich Urs Weisskopf noch genau, obwohl das jetzt mehr als zehn Jahre her ist. Man hatte ihn in den Ferien in der Lenzerheide angerufen und ihm gesagt, er müsse am nächsten Tag in Zürich im Büro erscheinen, es sei wichtig. Weisskopf hatte nicht nach Gründen gefragt.

Seit beim Zürcher Industriezulieferer, für den er als Werbefachmann tätig war, ein neues Management das Sagen hatte, lag etwas in der Luft. Schliesslich erfuhr Urs Weisskopf einen Tag nach seinem 52. Geburtstag von einem, den er kaum kannte, die Werbeabteilung werde aufgelöst, und ihn brauche es fortan nicht mehr. «Wir danken Ihnen für die Mitarbeit und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute», stand im Kündigungsschreiben, das ihm der «Chief Marketing Officer» und der «Chief Human Resources Officer» zum Unterzeichnen vorlegten.

Urs Weisskopf nahm es zur Kenntnis, «relativ gelassen», wie er findet, er hatte ja Erfahrung mit solchen Situationen. Es war bereits das dritte Mal, dass er entlassen wurde, weil ein Unternehmen sich reorganisierte. Ein viertes Mal ging er im Streit, weil der Arbeitgeber die Sozialabgaben nicht bezahlt hatte. Nie hatte es etwas mit seiner Leistung zu tun gehabt, immer war es irgendwie weitergegangen.

3 Gespräche, 300 Absagen

Zehn Jahre später sitzt Urs Weisskopf an einem Bistrotisch im oberen Tösstal und stellt fest: «Die Gelassenheit versuche ich mir zu bewahren. Aber schmerzhaft ist es schon, dass ich mit 52 Jahren einfach ausrangiert worden bin.» Anfänglich war er voller Zuversicht in den «Bewerbungsmarathon» gestartet. Er hatte ja exzellente Arbeitszeugnisse vorzuweisen in seinem Kerngebiet als Werbefachmann und hatte mit 48 Jahren noch zwei Weiterbildungen absolviert – zum Kaufmann und zum Texter mit Deutschdiplom.

Drei Mal wurde er dank persönlichen Kontakten zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, doch zu einer Anstellung kam es nicht. Auf die Bewerbungen, die er verschickte, erhielt er die immer gleichen standardisierten Antworten: Mal war er überqualifiziert, mal passte jemand anderes noch exakter aufs Profil, mal war die Stelle leider schon vergeben. Immer bedauerten die Unternehmen den negativen Bescheid und wünschten ihm alles Gute.

Eines Tages sagte ihm eine Beraterin, er sei für die Werbung mit über 50 entschieden zu alt.

Als Urs Weisskopf mit knapp 54 Jahren ausgesteuert wurde, sagte ihm sein Berater beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV), es sei schade, dass die Zusammenarbeit nicht länger gedauert habe, sonst wäre mehr möglich gewesen. Es war der vierte Berater in 18 Monaten gewesen, aber Weisskopf hatte sich ohnehin nicht allzu viel Hilfe von amtlicher Seite erhofft. Er bewarb sich nicht nur auf ausgeschriebene Stellen, sondern auch bei Personalvermittlern, bis ihm eines Tages eine junge Beraterin sagte, für die Werbung sei er mit über 50 entschieden zu alt, er solle sich besser im kaufmännischen Bereich versuchen. «Ich fand das zuerst unverschämt», erinnert sich Weisskopf, «aber die Frau war wenigstens ehrlich und hat ausgesprochen, was alle anderen nur dachten.»

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Irgendwann zwischen Bewerbung 250 und Bewerbung 300 erweiterte Weisskopf seine Strategie, wurde zum Werber in eigener Sache und setzte auf Initiativ-Bewerbungen. Er bewarb sich direkt bei Stadler-Rail-Patron Peter Spuhler, bei Thomas Minder, dem Urheber der Abzockerinitiative, und bei Miriam Baumann-Blocher, die das Läckerli-Huus führt – jeweils mit persönlichen Briefen, in denen er Bezug nahm auf Interviewaussagen der Unternehmer. In allen drei Fällen erhielt er freundliche Antworten, aber keine Stelle – «nicht einmal ein paar Basler Läckerli».

1500 Franken pro Monat

Und jetzt sitzt er also da und erzählt, wie sich seine berufliche Karriere einfach so verabschiedet hat und wie er seither versucht, als «Taglöhner auf Abruf» über die Runden zu kommen. Auf seiner Visitenkarte steht «Fotograf und Korrespondent», auf der Rückseite die zehn Logos von Regional-, Dorf- und Gemeindezeitungen, für die er loszieht, wenn am Wochenende über ein Blasmusikfestival, eine Kinderballettaufführung, einen Modellflugschnuppertag oder ein Fest der Kulturen in Wort und Bild zu berichten ist.

Weisskopf wischt über sein chinesisches Smartphone und zeigt das PDF vom Bericht über den Flugtag in Herrliberg, sechs Fotos und Text, eine ganze Seite, aber mehr als 150, maximal 200 Franken zahlt keine Redaktion mehr für solche Wochenendarbeit. Bis vor kurzem sei er so dank Fleiss und Flexibilität auf 2500 bis 3000 Franken pro Monat gekommen, sagt Weisskopf, jetzt, nach weiteren Sparrunden bei den Regionalzeitungen, seien es gerade mal noch 1000 bis 1500 Franken.

Wie lebt man mit so wenig Geld in der Schweiz? Weisskopf ist in den letzten Jahren zu einem Experten in dieser Frage geworden, er hat an einem Caritas-Schreibworkshop zum Thema teilgenommen und hält manchmal Vorträge dazu. Im Gespräch deutet er als Erstes auf sein Hemd und sagt: «12 Franken, von Lidl.» Beim Einkaufen achte er auf grosse Rabatte, so könne man bis zu 50 Prozent sparen, zudem lese er gratis online statt kostenpflichtig auf Papier, besuche Brockenhäuser, schneide «die paar Haare selbst» und mache kaum Ferien, dieses Jahr nur vier Tage im Berner Oberland, ein Pauschalangebot. Und, was am meisten einschenkt: Er hat keine eigene Wohnung, sondern lebt teils in einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft, teils in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz im Zürcher Oberland.

Ein Phantom, das in keiner Statistik auftaucht

Er sei weder verbittert noch zornig, sagt Weisskopf, aber immer wieder plage ihn die Existenzangst. Wenn er unter Zahnschmerzen leide oder eine kritische Rückmeldung auf einen Artikel erhalte, merke er, wie fragil seine Situation, wie angekratzt sein Selbstbewusstsein sei. Eine komplizierte Zahngeschichte, und seine restlichen Ersparnisse wären aufgebraucht.

Wenn es keine grösseren Zwischenfälle gibt und auch das Auto, das er seit 16 Jahren fährt, durchhält, werde er sich irgendwie durchmogeln können bis zum 65. Geburtstag. Dann sollte er über sein Freizügigkeitsguthaben 1500 Franken pro Monat als Rente beziehen können «bis zum 80. Geburtstag», dazu die AHV, im Idealfall rund 2300 Franken, so genau weiss er das noch nicht – als er sich danach erkundigte, habe er von den Fachleuten «einen Stapel Dokumente statt einen Franken-Betrag» als Antwort erhalten.

«Man hängt in der Luft und bekommt keinerlei Unterstützung mehr, bevor man finanziell ganz am Boden ist.»Urs Weisskopf

Der bescheidene finanzielle Spielraum ist das eine, aber mindestens so sehr macht Urs Weisskopf das Gefühl zu schaffen, eine Art Phantom zu sein, das in keiner Arbeitslosenstatistik erfasst ist und für den kein Amt mehr zuständig ist. «Man hängt in der Luft und bekommt keinerlei Unterstützung mehr, bevor man finanziell ganz am Boden ist.»

Nach der Aussteuerung fuhr er drei Jahre lang wöchentlich nach Zürich zu einem Selbsthilfetreffen für erwerbslose Fach- und Führungskräfte, das die reformierte Kirche organisierte. Das habe ihm dabei geholfen, seine Situation zu relativieren, es habe ihn aber auch erschreckt, zu sehen, wie viele ihr angespartes Vermögen aufbrauchten, private Rückschläge wie Scheidung oder Krankheit zu verkraften hatten und kaum Unterstützung erhielten. Deswegen wolle er den vielen Ausgesteuerten ein Gesicht geben, der anderen Seite der glänzenden Medaille mit der rekordtiefen Arbeitslosenquote.

Früher oder später, sagt Urs Weisskopf, hätten die Tausenden von Ausgesteuerten ihre Ersparnisse aufgebraucht, dann bleibe kein anderer Weg mehr als der Gang aufs Sozialamt. «Warum unterstützt man sie nicht vorher darin, wieder Arbeit zu finden und ein selbstbestimmtes Leben zu führen?»

* Dieser Artikel erschien erstmals am 17. Juli 2018 im Tages-Anzeiger.

Erstellt: 25.12.2018, 12:54 Uhr

Trügerische Statistik

Arbeitslosigkeit Statistisch betrachtet haben es ältere Berufstätige am Arbeitsmarkt nicht besonders schwer: Die Quoten für Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit sind bei über 50-Jährigen sogar tiefer als in den anderen Altersgruppen.

Allerdings muss die Statistik relativiert werden: So brauchen ältere Arbeitnehmer, die ihre Stelle verlieren, im Durchschnitt doppelt so lang, bis sie einen neuen Job finden, manche erhalten keinen neuen Vertrag mehr und wagen aus der Not heraus den Schritt in die Selbstständigkeit, was meist mit markanten Einbussen verbunden ist, sich aber kaum in der Arbeitslosenstatistik niederschlägt.

Seit 2010 stark gestiegen

Der Anteil der Sozialhilfebezüger ist bei den 55- bis 64-Jährigen ebenfalls tief, hat aber zugenommen: Er stieg zwischen 2010 und 2016 gemäss Angaben der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) um gut 50 Prozent auf rund 30 000 Personen. Da Betroffene erst Anspruch auf Sozialhilfe geltend machen können, wenn sie ihre Ersparnisse fast komplett aufgebraucht haben, dürften deutlich mehr Menschen dieser Altersgruppe mit Geldproblemen kämpfen.

Jene, die innert nützlicher Frist keine Stelle mehr finden, drohen zwischen Stuhl und Bank zu fallen: Wenn jemand ausgesteuert wird, hat er keinen Anspruch mehr auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung und wird weder von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) noch von der Sozialhilfe bei der Stellensuche unterstützt. Vor diesem Hintergrund hat die Skos im April gefordert, über 55-Jährige sollten nicht mehr ausgesteuert werden, sondern bis zum Erreichen des Rentenalters minimale Arbeitslosengelder erhalten, sofern sie zuvor mindestens 20 Jahre in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben. Eine Arbeitsgruppe aus Bund, Kantonen und Sozialpartnern soll den Vorschlag prüfen.

Die Meldung, dass die Arbeitslosenquote in der Schweiz im Juni mit 2,4 Prozent so tief gewesen sei wie seit zehn Jahren nicht mehr, ist mehrfach zu relativieren: Zum einen sind die Werte nicht direkt vergleichbar, weil seit der Reform der Arbeitslosenversicherung im März 2011 viele Studienabgänger und Langzeitarbeitslose nicht mehr erfasst werden. Zum anderen haben technische Umstellungen beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im ersten Halbjahr 2018 die Arbeitslosenquote gesenkt.

Zu unterscheiden ist schliesslich zwischen der Arbeitslosenquote des Seco, die sich auf die Anmeldungen bei den RAV stützt, und der Erwerbslosenquote des Bundesamts für Statistik, die internationalen Standards entspricht. Sie lag für die Schweiz im ersten Quartal 2018 saisonbereinigt bei knapp 5 Prozent. (mmw)

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