Mit dem Camel durch das Nadelöhr

Japan Tobacco lanciert eine neuartige E-Zigarette. Die Rettung für die gebeutelte Branche?

Am Ende der neuen Ploom-Tech-Zigarette kommt (fast) geruchsfreier Dampf heraus. Foto: Kiyoshi Ota (Bloomberg)

Am Ende der neuen Ploom-Tech-Zigarette kommt (fast) geruchsfreier Dampf heraus. Foto: Kiyoshi Ota (Bloomberg)

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Es sind nicht die Kurven, auf die man in der Wirtschaft gern blickt. Denn die Richtung ist – zumindest aus ihrer Warte – frustrierend: Sie zeigt immer weiter abwärts. In den letzten 20 Jahren ging der Tabakkonsum in der Schweiz um mehr als ein Drittel zurück. Verkaufte die Branche 1996 noch mehr als 15 Milliarden Zigaretten pro Jahr, sind es heute weniger als 10 Milliarden.

Für den Absturz auf dem Zigarettenmarkt gibt es viele Gründe. Die Steuern auf Tabak wurden mehrmals angehoben, das verteuerte die Zigaretten. Hinzu kommen Präventionskampagnen, die potenzielle Einsteiger abschreckten und Raucher zum Aufhören oder Reduzieren brachten, sowie die Verbannung des Rauchens aus dem öffentlichen Raum. Nicht zuletzt leben viele Menschen gesundheitsbewusster als früher.

Ausweg gesucht

In diesem schwierigen Umfeld bewegt sich die Tabakbranche. Sie sucht seit Jahren nach einem Ausweg aus der Misere. In der Schweiz hat sie es dabei besonders schwierig. Denn die vielerorts als Alternative zu den herkömmlichen Glimmstängeln angepriesenen und ziemlich erfolgreich vermarkteten E-Zigaretten dürfen nicht verkauft werden, wenn sie Nikotin enthalten.

Aus diesem Dilemma will der Tabakriese Japan Tobacco ausbrechen, der so bekannte Marken wie Camel und Winston besitzt. Er lanciert kommenden Montag ein neues Produkt in der Schweiz, das auf eine andere Technologie als die herkömmlichen E-Zigaretten setzt. Es nennt sich Ploom Tech und war bislang nur in Japan erhältlich. Dort hat die Innovation eingeschlagen. «Wir legten einen Vorrat für fünf Monate an», erzählt Yasuhiro Nakajima, der bei Japan Tobacco für die neuen Produkte zuständig ist. «Nach einer Woche war der ausverkauft», so der Tabakmanager.

Ploom Tech sieht aus wie ein Kugelschreiber. Das Gerät hat wie klassische elektronische Zigaretten ein Mundstück, einen Mittelteil mit verdampfender Flüssigkeit und eine Batterie, die über USB geladen werden kann und für 250 Hübe ausreicht – dem Äquivalent einer Schachtel Zigaretten. Doch die Wirkungsweise ist anders. Ploom Tech verdampft keine mit Nikotin versetzte Flüssigkeit. Dies ist in der Schweiz verboten. Die neue ­E-Zigarette erhitzt eine nikotinfreie Flüssigkeit, die durch eine Kapsel mit granuliertem Tabak strömt, wenn der Konsument an ihr zieht. Dabei wird der Tabak auf rund 30 Grad erwärmt. Bei anderen E-Zigaretten wird auf rund 300 Grad ­erhitzt, bei herkömmlichen Zigaretten auf 500 bis 800 Grad. Am Ende der ­Zigarette kommt (fast) geruchsfreier Dampf heraus.

Die Innovation habe in Japan eingeschlagen, sagt der Hersteller.

Diese Punkte streichen die Verantwortlichen besonders hervor – im Wissen darum, dass das herkömmliche Rauchen immer stärker unter Druck steht. «Die Technologie hat das Potenzial, die Gesundheitsrisiken beim Rauchen zu verringern», so Manager Nakajima. Erste Studien hätten ergeben, dass die aufgenommenen Substanzen um 99 Prozent reduziert würden.

Langfristfolgen unbekannt

Aussagekräftige Daten zu den langfristigen Folgen des E-Rauchens gibt es allerdings noch nicht. Die Wissenschaft ist sich aber einig, dass die gesundheitlichen Risiken wohl deutlich geringer sind als bei den klassischen Zigaretten. Harmlos sind sie deshalb nicht. So entstehen beim Erhitzen der Flüssigkeit die krebserregenden Substanzen Acetaldehyd und Formaldehyd. Zudem macht Nikotin abhängig.

Die Eidgenössische Kommission für Tabakprävention weist auf einen anderen heiklen Punkt von Produkten wie Ploom Tech hin. «Design und Farbwahl vieler E-Zigarettenmodelle und die zahlreichen süsslichen Aromen sind vorwiegend für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ansprechend», schreibt sie. Es überrasche daher nicht, wenn Junge mit E-Zigaretten experimentierten. «Dadurch sind sie einem erheblichen Risiko einer Nikotinabhängigkeit ausgesetzt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2017, 08:55 Uhr

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