«Morgens im Börseninterview, abends mit der Band bei MTV»

Ralf Dörper landete in den 80er-Jahren Pop-Hits. Reich gemacht hat ihn aber sein zweiter Job: Aktienanalyst.

«Im Investmentbanking war mehr Glamour als im Pop»: Der deutsche Musiker und Aktienanalyst Ralf Dörper. Foto: Roland Wagner/WireImage

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Sie waren Underground-Musiker, Punk, Popstar und ausserordentlich erfolgreicher Aktienanalyst. Wenn Sie heute jemand fragt, was Sie «beruflich machen», was sagen Sie dann?
Eigentlich müsste ich «Privatier» sagen. In meinem japanischen Visum steht «Entertainer» und im US-Visum «Artist». Tief in mir steckt aber immer noch der Aktienanalyst. In den Neunzigern gab es sogar Tage, da war ich alles auf einmal: Da war ich morgens auf n-TV im Börseninterview und abends lief auf MTV ein Krupps-Video. Ich kann es mir also aussuchen.

Angefangen haben Sie im antikapitalistischen Lager. Was hat Sie zu den ersten Punks hingezogen?
Die Musik, darüber bin ich überhaupt erst zur Musik gekommen. Ich bin, wie man so sagt, Autodidakt. Musikalische Ausbildung habe ich keine, deshalb spiele ich Synthesizer. Wenn der Strom ausfällt, bin ich aufgeschmissen.

Konnte man davon leben?
Ich habe schon ziemlich früh Platten veröffentlicht, aber eher im kleinen Massstab. Dann bin ich ziemlich zu Beginn zu den Krupps gestossen, mit «Wahre Arbeit, wahrer Lohn» hatten wir dann schnell einen ganz ansehnlichen Hit in der Neuen Deutschen Welle. Und ich habe seit Ende der Siebziger im Stadtmagazin «Überblick» über Musik geschrieben.

Sie hatten mit Ihrer anderen Musikgruppe, Propaganda, einen Vertrag abschliessen können – mit Trevor Horn, einem der wichtigsten Produzenten der Achtziger.
Ja. Der Vertrag war wirtschaftlich grausig und inhaltlich eine Unverschämtheit, pure Ausbeutung. Alle Kosten wurden uns als Schulden angeschrieben: fürs Studio, für die Videos, für die Produktion, für genutzte Instrumente, Kuriere, alles. Das sollten wir dann mit Plattenverkäufen abarbeiten, für die wir nur einen sehr geringen Lizenzsatz bekamen. Das war in der britischen Musikindustrie lange üblich, obwohl es eigentlich sittenwidrig war.

Warum haben Sie sich darauf eingelassen?
So richtig haben wir das erst später realisiert. Und wir durften ja mit Trevor Horn arbeiten, dem besten Produzenten der Welt. Das war Gold wert, das liess er sich aber auch bezahlen. Mir war klar, dass wir jetzt über einen Hit reden.

Also charttaugliche Musik?
Ja, aber nur Charts reichte nicht, das sollte schon Nummer eins sein. Mit der ersten Single «Dr. Mabuse» waren wir 1984 in den Top 30 in England und in den Top 10 in Deutschland, hatten ein tolles Schwarzweissvideo von Anton Corbijn. Wir dachten, alles ist super. Beim Label fanden die das aber ungenügend. Und die Kosten für die Produktion und das Video, die hatten wir ja an der Backe. Zumindest in Deutschland waren wir also plötzlich Popstars, und unser Umfeld dachte: Die sind jetzt reich. Dabei bekamen wir gar nichts.

Sie haben an Ihrem Hit nichts verdient?
Erst mal nicht.

Die Bank, das war mein erster fester Job. Ich bin dann relativ schnell zu den Analysten gekommen. Deutschland war in den Achtzigern Diaspora, was Finanzmärkte und Wertpapiere anging.Ralf Dörpner, Aktienanalyst

Ihr Produzent hatte Sie ausgenommen?
Ich glaube nicht mal unbedingt, dass er das selbst wusste. Vielleicht war es auch seine Frau. Als kleine deutsche Band wurden wir jedenfalls von dem weltberühmten Multimillionärproduzenten abgezockt. Wir bekamen nie Abrechnungen, wir wussten immer nur, dass wir im Minus sind – obwohl wir mit den Singles «Duel» und «P-Machinery» in Europa Millionen verkauft hatten. 1986 war der Punkt erreicht, an dem wir von da weg wollten. Wir mussten über unseren Anwalt, der auch schon Johnny Rotten von den Sex Pistols vertreten hatte, erst mal rausbekommen, wie viele Schulden wir überhaupt hatten: Das waren mehrere Hunderttausend Pfund.

Was haben Sie gemacht?
Geklagt. Drei Tage vor Prozessbeginn meldete sich dann die Plattenfirma. Es wurde hin und her verhandelt, am Ende haben sie uns aus dem Vertrag gelassen, die Konditionen blieben aber – und die Schulden auch: Das waren knapp 300'000 Pfund, umgerechnet damals mehr als eine Million D-Mark.

Haben Sie das jemals «abgearbeitet»?
Doch. 1995 kam der erste Check, zehn Jahre nach unserem Album. Da bekamen wir dann so ungefähr 3000 Pfund – für alle vier Bandmitglieder zusammen. Seitdem kommt zweimal im Jahr eine Zahlung, der Betrag schwankt aber ziemlich. Und die Konditionen sind immer noch ein Witz.

Zehn Jahre kein Geld vom Label – sind Sie deshalb Banker geworden?
Während des Rechtsstreits bekam ich plötzlich die Möglichkeit, ein Trainee-Programm bei der West-LB anzufangen. Das war grosses Glück. Zu der Zeit brauchte ich dringend einen Fallschirm. Und der hier war zwar nicht golden, aber immerhin. Schliesslich hatte ich nur ein abgebrochenes Jurastudium.

Trotzdem hat die Bank Sie genommen?
Ja, das ging damals noch. Die Bank, das war mein erster fester Job. Ich bin dann relativ schnell zu den Analysten gekommen. Deutschland war in den Achtzigern Diaspora, was Finanzmärkte und Wertpapiere anging. Viele Berufsbilder gab es gar nicht, ein richtiges Aktien-Research zum Beispiel. Also habe ich mich einfach eingearbeitet, ich war zuständig für Maschinenbau, Schwerindustrie und Stahl. Das war ein wichtiger Sektor im damals neuen Aktienindex Dax.

Ich war eigenverantwortlich, ich hatte die ­Entscheidungsgewalt über meine Zeit und meine Arbeit. Und ich war viel unterwegs – in den Unternehmen, aber auch als Musiker. Insgesamt war ich ziemlich frei. Ralf Dörpner, Aktienanalyst

War der Job bei der Bank nicht langweilig, so im Vergleich zum Leben als Popstar?
Damals, vor den ganzen Compliance-Regeln, war die Finanzbranche anders als heute. Im Investmentbanking war mehr Glamour als im Pop. Und auch mehr Geld. Ausserdem war ich seit Ende der Achtziger auch bei den wieder aktivierten Krupps.

Profimusiker waren Sie aber trotzdem nicht mehr?
Das war ich so gesehen nie. Ich habe bis dahin nie von der Musik leben können.

Hat der exotische Hintergrund der Karriere geholfen?
Geschadet hat er nicht. Einige britische Investoren konnten sich noch an den Auftritt von Propaganda bei «Top of the Pops» erinnern. Wichtiger war aber, dass ich als erster Analyst der West-LB bei einem Ranking in die europäischen Top Ten kam. Da vergaben Investoren Punkte für die Qualität der Arbeit einzelner Analysten, und wir hatten kurz vorher eine grosse Analyse über den europäischen Stahlsektor geschrieben. In den Wochen danach haben sich diverse Headhunter gemeldet. Das war interessant, mal den eigenen Marktwert kennen zu lernen. Das war schon wild, was da finanziell möglich gewesen wäre.

Aber Sie haben es nicht getan?
Nein, ich bin kein Söldner geworden.

Warum nicht?
Klar, ich hätte mein Gehalt auf einen Schlag verdreifachen können. Eine Million in drei, vier Jahren war damals locker drin. Aber die grosse Zahl allein hat mich nicht mehr gelockt. Und an dem Gehalt bei der West-LB hat sich dann ja auch etwas getan.

Hätten Sie sehr schnell sehr viel verdient, hätten Sie sich wieder auf die Musik konzentrieren können?
Der Job war ab einem gewissen Zeitpunkt auch sehr interessant. Ich war eigenverantwortlich, ich hatte die ­Entscheidungsgewalt über meine Zeit und meine Arbeit. Und ich war viel unterwegs – in den Unternehmen, aber auch als Musiker. Insgesamt war ich ziemlich frei.

Hat Sie der Job gar nicht behindert, Karriere im Musikgeschäft zu machen?
Das wechselte sich immer ganz gut ab. Immer wenn es eng wurde, passierte was anderes. Bei Propaganda zum Beispiel hätte ich sicher bei der Bank West-LB kündigen müssen, wenn wir nicht aus dem Vertrag ausgestiegen wären. Das hätte ich auch gemacht, wenn wir einen fairen Vertrag gehabt hätten. Aber dann hätten wir sowieso ausgesorgt gehabt.

Das klingt irgendwie zu einfach?
Klar war das Zeitmanagement ab und an problematisch. Ich war aber nie in der Situation, dass das eine unter dem anderen gelitten hätte. Und eine Aktienanalyse kann man auch im Tourbus schreiben.

Wären Sie als Analyst nicht besser bei der Medienindustrie aufgehoben gewesen als beim Stahl?
Für einen Analysten kann es auch ein Nachteil sein, zu nah am Thema zu sein.

Wer aktuell nicht in Aktien investiert hat, ist etwas dumm.Ralf Dörpner, Aktienanalyst

Wieso?
Natürlich war der Mediensektor im Neuen Markt eine Blase. Aber ganz genau weiss man es halt erst hinterher. Der Herdentrieb, die Euphorie, das ist sehr schwer in den Griff zu bekommen. Der Markt akzeptiert dann plötzlich auch absurde Bewertungen über einen längeren Zeitraum, aber der Markttrend ist dein Freund. Da kann es echt blöd sein, wenn man einem Trend nicht folgt, weil man ihm misstraut – und die anderen im Büro werden jeden Tag 10'000 Mark reicher.

Sind Sie damals auch wirklich reich geworden?
Fast. Ich hatte unter anderem in EM.TV investiert. Damals galt eine Spekulationsfrist von sechs Monaten nach dem Kauf, dann waren die Kursgewinne steuerfrei. Und die Aktien sind richtig abgegangen, nach fünf Monaten dachte ich: Verkaufst du? Ach nein, einen Monat wird der Boom schon noch halten, das Geld fürs Finanzamt spare ich mir. Stichwort: Gier. Aus dem einen Monat wurden dann aber plötzlich sieben, weil der damalige Finanzminister Eichel die Frist auf ein Jahr verlängert hat, und zwar rückwirkend. In der Zeit kam der Absturz, der Medienkonzern EM.TV ist völlig kollabiert. Da habe ich ein paar Millionen an mir vorbeiflattern sehen.

Investieren Sie noch in Aktien?
Wer aktuell nicht in Aktien investiert hat, ist etwas dumm.

Wie gehen Sie da vor?
Ich habe einen halbwegs geregelten Ablauf: Ich stehe vor Börsenbeginn auf, also vor neun. Je nach Börseneröffnung entscheide ich, ob es mittags Sushi gibt oder nur eine Misosuppe.

Platzieren Sie dann noch schnelleine Order, um das Mittagessenzu retten?
Ich bin Fundamentalanalyst. Wer heute noch denkt, er könnte auf die Schnelle was gewinnen, macht sich was vor. Dafür sind die Börsen viel zu politisch.

Erstellt: 19.10.2019, 13:01 Uhr

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Als Mitglied der deutschen Band Die Krupps gehörte Ralf Dörper in den 80ern zu den Wegbegleitern des deutschen, von elektronischen Klängen geprägten Pop. Mit seiner anderen Band Propaganda landete er mehrere internationale Hits. Seine Musik war immer Avantgarde, sein anderer Job ganz gewöhnlich: Als Aktienanalyst verdiente er parallel dazu ein Vermögen. Der 59-Jährige ist auch heute noch aktiv an der Börse, er lebt in Düsseldorf. (cix)

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