Nestlé und Novartis werben für die Türkei

Die Türkei startet eine grosse Imagekampagne, um im Ausland für den eigenen Wirtschaftsstandort zu werben. Dafür liessen sich auch Topmanager von Schweizer Konzernen einspannen.

«Ein fantastischer Ort»: Nestlés Türkei-Chef Felix Allemann im Inserat. Foto: Raisa Durandi

«Ein fantastischer Ort»: Nestlés Türkei-Chef Felix Allemann im Inserat. Foto: Raisa Durandi

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Es wird geklotzt, nicht gekleckert. Die Türkei schaltet in sieben Ländern ganzseitige Inserate und strahlt zu bester Sendezeit Werbespots aus. Damit will sie 500 Millionen Menschen erreichen. «Wahrnehmungs-Kampagne» nennen die Verantwortlichen das Unterfangen, mit dem das Image des Landes verbessert werden soll.

Die Propagandaoffensive wird von der türkischen Exportvereinigung TIM organisiert. Die Schirmherrschaft trägt die Regierung. Es gebe eine falsche Wahrnehmung im Ausland, erklärte Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci Ende März bei der Lancierung der Kampagne im Istanbuler Fünfsternhotel Ciragan Palace. «Gewisse Medien aus befreundeten Staaten haben unerhörte Vorwürfe erfunden», sagte er. Man müsse nun auf «objektive und ehrliche Weise» sagen, was wirklich passiere.

«Türkei hat nie enttäuscht»

Die Aussenhandelsorganisation TIM drückt sich weniger diplomatisch aus. Die Kampagne sei eine «starke Antwort auf die Versuche, die internationale Position und den Ruf der Türkei zu zerstören», schreibt sie. Dabei sollen auch Topmanager von 16 ausländischen Konzernen helfen, die im Land aktiv sind. Sie treten mit «ihrer Türkei-Geschichte» in den Inseraten und Spots auf, die unter anderem in Deutschland, Grossbritannien und den USA verbreitet werden.

Einer der Werbeträger ist Felix Allemann, seit 2015 Chef von Nestlé in der Türkei. «Es ist mehr als hundert Jahre her, seit wir hier aktiv wurden», erklärt er im Zeitungsinserat. Man habe sich immer sehr sicher gefühlt, und das Land habe sein Unternehmen nie enttäuscht, so Allemann weiter. «Die Türkei ist ein fantastischer Ort.» An der Feier im Ciragan Palace verriet der Manager offenbar zusätzliche Details. «Ich glaube, wir werden noch mehr hier investieren», zitieren anwesende Medien den Nestlé-Manager. Der Lebensmittelriese beschäftigt in der Türkei 3800 Menschen.

Die Aussagen sind ein grosser Kontrast zu den Nachrichten, die in den vergangenen Monaten aus der Türkei kamen. In der Folge des mysteriösen Coups von vergangenem Juli wurden mehr als 40'000 Menschen in U-Haft genommen, 90'000 Beamte und Lehrer entlassen, mehr als 60 Publikationen geschlossen. Die Pressefreiheit wurde eingeschränkt. Nirgendwo sitzen mehr Medienschaffende im Gefängnis als in der Türkei. Amnesty International spricht zudem von «einer Zunahme von Folter und Misshandlung» durch Polizeikräfte.

Trotzdem ist auch Peter Catalino des Lobes voll für die Türkei. Man sei seit den 30er-Jahren vor Ort aktiv, seit den 50er-Jahren produziere man lokal, erklärte der Länderverantwortliche von Novartis bei der Veranstaltung zum Kampagnenstart. Und man werde noch lange bleiben. «Wir durchleben gerade herausfordernde Zeiten», sagte er. Aber die Wirtschaft werde sich langfristig gut entwickeln, gab er sich überzeugt. «Ich glaube an die Türkei und das türkische Volk.» Novartis beschäftigt im Land 2600 Menschen.

«Annäherung bei Autokraten»

Es ist ein heikler Spagat, den Nestlé und Novartis machen. «Wirtschaftliche Interessen werden vor gesellschaftliche gestellt», sagt Bernhard Bauhofer, der Unternehmen in Sachen Imagepflege berät. Dinge wie Pressefreiheit oder Menschenrechte gerieten da in den Hintergrund. Der Reputationsexperte kann die beiden Konzerne aber ein Stück weit verstehen. «Sie haben viel in der Türkei investiert. So zeigen sie ihre Verbundenheit mit dem Land», so Bauhofer.

Etwas anders sieht es Kommunikationsexperte Andreas Bantel. Die Interessen regionaler Führungskräfte würden über die des Gesamtunternehmens gestellt. Das sei gefährlich. «Gut geführte Global Player lassen die Finger von Annäherungsversuchen zu Autokraten», findet er. Speziell heikel ist die Teilnahme der Manager an der Kampagne, weil sie zu einem symbolträchtigen Zeitpunkt kommt. In acht Tagen stimmen die Türken über eine Verfassungsänderung ab, mit der die Rechte des Präsidenten ­gestärkt werden. So zementiert Recep Tayyip Erdogan seine Macht.

Dass die Werbewalze just zur Abstimmung starten würde, war den Konzernen nicht bewusst. «Die Entscheidung, mit anderen internationalen Unternehmen an der Kampagne teilzunehmen, wurde vor einigen Monaten getroffen», erklärt ein Nestlé-Sprecher. «Der Zeitpunkt des Starts war die alleinige Entscheidung der türkischen Behörden.» Es sei allgemein das Ziel von Nestlé, «einen Beitrag für die Gesellschaft der Türkei zu leisten». Novartis kommentiert sec: «Wir werden unser Engagement fortsetzen, um türkische Patientinnen mit Medikamenten zu versorgen.»

Experte Bauhofer kann den Schritt aus der Firmenperspektive denn auch nachvollziehen. Er sei vertretbar, solange es nicht den eigenen Ethikrichtlinien widerspreche. Berufskollege Bantel sieht es kritischer. «Die Kunst, solchen Verlockungen zu widerstehen, ist eine zentrale Kompetenz jedes starken Firmenchefs.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2017, 20:34 Uhr

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