Pannenzug: Neuer SBB-Chef gibt sich selbstkritisch

Mit Vincent Ducrot übernimmt ein altgedienter Bähnler die SBB. Die von ihm bestellten Doppelstockzüge hätte man «wohl zuerst erproben müssen», sagt er.

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot mit Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Der neue SBB-Chef Vincent Ducrot mit Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Machen Sie einfach.» Das war das Motto von Vincent Ducrot, als er als Chef der Fernverkehrssparte der SBB tätig war. Und das Motto scheint auch für ihn selbst zu gelten: Er macht es einfach – nämlich Chef der SBB sein. Ab 1. April wird er an der Spitze der Bundesbahnen stehen. Gleich zu Beginn muss er sich unter anderem mit den neuen Doppelstöckern befassen. Eine Beschaffung, die er in Teilen selber mitzuverantworten hat.

Der 57-jährige Ducrot war von 1993 bis 2011 bei den SBB tätig, ehe er Direktor der Freiburgischen Verkehrsbetriebe TPF wurde. Bei den SBB stieg er unter Benedikt Weibel die Karriereleiter hoch und war Leiter der Fernverkehrssparte. Dort hatte er rund 350 Angestellte unter sich. Bei TPF waren es rund 1000. Als Chef der Bundesbahnen werden es nun über 32 000 sein. Ein Grund, warum Ducrot anlässlich seiner eigenen Präsentation von Respekt vor dem neuen Posten sprach.

Zu grossen Respekt hatten andere Kandidaten vor dem Scheinwerferlicht. Denn die SBB-Führung ist im Bähnler-Land Schweiz stets unter Beobachtung, nicht nur von der Bevölkerung, sondern auch von der Politik. Dieses Umfeld habe abgeschreckt, wie SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar sagte. Sie betonte, dass gerade auch potenzielle Nachfolgerinnen von Andreas Meyer das als Grund angegeben hatten, warum sie nicht den Chefposten übernehmen wollten.

Pünktlichkeit als Anliegen

Mit Ducrot hätte man aber den Traumkandidaten gefunden, sagte Ribar vor den Medien. Er sei eine «geerdete Persönlichkeit». Man habe sich bewusst gegen einen Generationenwechsel entschieden. «Wir sind der Ansicht, dass die Erfahrung, die Ducrot mitbringt, das ist, was es momentan braucht», sagte Ribar. Die SBB hätten sich dramatisch weiterentwickelt, seien stark gewachsen. «Das System ist an seine Grenzen gekommen. Da braucht es nun jemanden, der das, was aufgebaut wurde, zusammennimmt», so Ribar. Ducrot selbst nannte «Sicherheit, Pünktlichkeit und Sauberkeit» als die Dinge, welche er als zentral für sein künftiges Schaffen bei den SBB ansieht.

Bevor Ducrot 2011 als Chef bei TPF übernahm, war er lange Jahre selbst bei den SBB. Eingestiegen in die Informatik, hatte er in seiner Zeit als Chef des Fernverkehrs auch mit der Angebotsplanung zu tun. Dabei musste er Rollmaterial bestellen. Und ausgerechnet die Beschaffung des neuen Doppelstöckers, im Volksmund mittlerweile als Pannenzug bekannt, trägt seine Handschrift – dies im engsten Wortsinn: Ducrot selbst hat den Vertrag unterschrieben. Er gibt sich heute selbstkritisch und sagt, dass er wohl zu komplexe Züge haben wollte. Die grossen Probleme bei der Beschaffung sind allerdings erst nach dem Abgang von Ducrot entstanden. Unter ihm müssen die Züge nun aber endgültig auf die Schienen gebracht werden.

Als ein weiteres Problem hat er an der Medienkonferenz die Pünktlichkeit erwähnt. Doch er warnte davor, schnelle Verbesserungen zu erwarten. Ansonsten will sich Ducrot erst einmal einarbeiten, bevor er weitere Baustellen benennt.

Was klar ist: Gerade der akute Lokführermangel wird ihn beschäftigen. Zudem ist das Vertrauen der Mitarbeiter in die Konzernleitung erschüttert. In der neusten internen Umfrage erreichte die Crew um Andreas Meyer gerade mal noch 46 von 100 Punkten. Es ist ein sehr tiefer Wert, der in den vergangenen Jahren gesunken ist. Ebenfalls ein Thema: der Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit. Dieses Vertrauen wurde und wird im Zuge der Probleme mit der Pünktlichkeit arg in Mitleidenschaft gezogen.

Ducrot selbst sieht sich als «innovativen Bähnler», der nahe bei den Kunden sei. Dass er dies in der Vergangenheit war, hat er als Direktor der TPF unter Beweis gestellt. Dort lancierte er die Ticket-App Fairtiq und einen selbstfahrenden Bus. Gerade Digitalisierungsthemen sind dem gelernten Elektroingenieur nicht fremd.

Meyer bleibt bis Ende März

Insider attestieren Ducrot einen ganz anderen Führungsstil, als Meyer ihn pflegt. Er führe an der langen Leine, Mikromanagement sei weniger sein Ding. Er habe als Fernverkehrschef vieles entwickelt und sich stets an den Bedürfnissen der Kunden orientiert, heisst es. Zudem habe er seinen Mitarbeitenden immer viel Vertrauen geschenkt und – eben – «Machen Sie einfach» zu seinem Credo erhoben. Dieses Credo wird er wohl auch nutzen, um seinen eigenen Nachfolger aufzubauen. Das, so betonte Ribar, sei eine zentrale Aufgabe von Ducrot: interne Talente zu fördern. Etwas, was unter Meyer offenbar nicht funktionierte.

Der Noch-SBB-Chef wird bis Ende März im Amt sein. Was er danach macht, ist noch offen. Zurzeit gebe es keine konkreten Mandate, die er ins Auge fasse.


Vincent Ducrot, Sie sind 57 Jahre alt. SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar sagte, dass eine Ihrer Aufgaben sein wird, mögliche Nachfolger aufzubauen. Sind Sie eineÜbergangslösung?
In einer Firma wie den SBB kann man nicht ewig arbeiten. Auch ein 40-Jähriger hat wohl nach zehn Jahren seinen Peak erreicht. Daher bin ich keine Übergangslösung. Ich bringe aber viel Erfahrung mit, das hat den Verwaltungsrat überzeugt.

Welche Dinge wollen Siekonkret anpacken?
Da muss ich mich zuerst noch genauer einarbeiten. Die Pünktlichkeit ist aber sicher ein Thema. Diese wird aber nicht von heute auf morgen verbessert werden können. Da sind keine Wunder zu erwarten.

Ihr Credo als Fernverkehrschef der SBB war einst: «MachenSie einfach.» Funktioniert ein solches Motto als Chef der Bundesbahnen noch?
Ja, das ist immer noch so. Ich gebe gern Verantwortung ab und ermuntere meine Mitarbeiter, vorwärtszumachen. Man muss danach aber auch aus Fehlern lernen können. Aber ja, ich selbst bin auch ein Macher.

Trotzdem tragen Sie als Chef die Verantwortung, wenn mal etwas schiefgeht. Etwas, was schiefgegangen ist, ist die Beschaffung der neuen Doppelstöcker. Sie haben den Vertrag mit Bombardier unterzeichnet.
Der Vertragsprozess ist sehr gut gelaufen, danach ist das Projekt leider etwas entgleist. Das war aber nach meiner Zeit. Was man aber sagen muss: Zugseinführungen sind immer schwierig, das war auch bei anderen Zugstypen so, etwa dem ICN oder dem IC2000. Doch die Fortschritte der letzten Wochen lassen hoffen, dass man den Zug nun im Griff hat.

Die SBB gingen ein Risiko ein, als sie eine kompletteNeuentwicklung bestellt haben.
Wir wollten einen Schritt weitergehen und einen Zug für die nächsten 40 Jahre bestellen. Im Nachhinein ist man aber immer schlauer.

Also wurde die Beschaffung überfrachtet?
Die bestellten Züge waren vielleicht etwas zu komplex. Wenn man diese Komplexität aber will, hätte man wohl zuerst ein paar Züge kaufen und erproben müssen. Und erst danach in die Serienproduktion gehen. Im Nachhinein hätte man es sicher etwas besser machen können. Bei der nächsten Beschaffung werden wir dies aber genau anschauen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Stadler und Bombardier?
Zu Peter Spuhler habe ich ein sehr gutes Verhältnis, und ich habe auch bereits etliche Züge bei ihm bestellt. Auch zu Bombardier pflege ich ein gutes Verhältnis. Wir werden natürlich auch hart miteinander diskutieren müssen, das ist aber normal.

Also auch über die Bussen?
Ja, das sicher. Ich gehe aber davon aus, dass die Lösung schon im Trockenen ist, bis ich starte im April.

Ist es unangenehm für Sie, wenn Sie nun von der eigenen Bestellung Jahre später wieder eingeholt werden?
Nein. Es macht mich traurig, dass die Züge noch nicht richtig funktionieren. Und es wurden sicher beidseitig Fehler gemacht. Ich bin ein Fan der Züge. Wenn es ausgereift ist, wird das ein sehr gutes Fahrzeug sein.

Erstellt: 11.12.2019, 12:37 Uhr

Artikel zum Thema

Der richtige Mann für eine turbulente Zeit

Kommentar Mit Vincent Ducrot wird einer SBB-Chef, dem zuzutrauen ist, dass er das Image der Bundesbahnen aufpolieren kann. Mehr...

Der neue SBB-Chef ist ein «innovativer Bähnler»

Vincent Ducrot bezeichnet sich an seiner Präsentation als «sehr kundenorientiert». Erhellendes gibt es zum Auswahlverfahren. Mehr...

Neuer SBB-Chef: Ein Prost auf sechs Knackpunkte

Wie bringt Vincent Ducrot die Bahn wieder in die gute Spur? Indem er diese Probleme löst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog So geht Altersvorsorge für Selbstständige

Mamablog Haben Sie Ihr Kleinkind aufgeklärt?

Die Welt in Bildern

Animalische Athletik: Ein Tiertrainer im Zoo von Sanaa, Jemen, reizt eine Löwin so sehr, dass sie wortwörtlich die Wände hochgeht. (Januar 2020)
(Bild: Mohamed al-Sayaghi) Mehr...