Kommt jetzt der 17-Stunden-Arbeitstag?

Längere Arbeitszeiten im Homeoffice: Bürgerliche Nationalräte wollen so «dem Stress einfacher begegnen» und Beruf und Familie besser vereinbaren.

«Wann sollen Arbeitnehmende noch schlafen?», fragt sich der Präsident von Travailsuisse. Foto: Vadym Drobot (Alamy)

«Wann sollen Arbeitnehmende noch schlafen?», fragt sich der Präsident von Travailsuisse. Foto: Vadym Drobot (Alamy)

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104 bürgerliche Nationalräte haben die parlamentarische Initiative unterzeichnet. Sie verlangen «mehr Gestaltungsfreiheit bei Arbeit im Homeoffice» und eine radikale Änderung des Arbeitsgesetzes: Angestellte, die zu Hause arbeiten und sich die Aufgaben «namhaft» einteilen können, sollen bis zu 17 Stunden pro Tag arbeiten dürfen – etwa von 7 Uhr bis Mitternacht. Heute gilt ein Maximum von 14 Stunden.

Der Vater der Idee, der Aargauer FDP-Nationalrat Thierry Burkart, erhofft sich von der Umsetzung, dass Arbeitnehmer «dem Stress am Arbeitsplatz einfacher begegnen und Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren» können. Doch 17-Stunden-Arbeit zu Hause scheinen ihm nicht genug zu sein. In der Initiative verlangt er zwei weitere Änderungen: Die Sonntagsarbeit soll zu Hause ohne Bewilligung möglich werden, und die «Unterbrechung von kurzer Dauer», zum Beispiel Mails checken, soll in der verbleibenden, kurzen Ruhezeit erlaubt sein.

Am Montag hat die Wirtschaftskommission des Nationalrats die Initiative mit solider Mehrheit überwiesen. «Der Initiative wird Folge gegeben», steht in der Parlamentsdatenbank. Jetzt muss die Wirtschaftskommission des Ständerates entscheiden. Eine Zustimmung sei sehr wahrscheinlich, sagen Kenner. Erst vor zwei Wochen hat sie eine Gesetzesrevision in Auftrag gegeben, die das Arbeitsgesetz stark liberalisieren will.

Widerstand der Gewerkschaften

«Der Vorstoss ist unglaublich», ärgert sich der Präsident der Dachgewerkschaft Travailsuisse, Adrian Wüthrich: «Wann sollen Arbeitnehmende noch schlafen?» Den Bürgerlichen gehe es ­darum, «den 17-Stunden-Tag der Angestellten zu legalisieren – zulasten der Gesundheit». Auch der Gewerkschaftsbund (SGB) äussert sich harsch. «Es ist unverständlich, wie die Wirtschaftskommission eine skandalös radikale Initiative einfach durchwinkt», sagt Dossierchef Luca Cirigliano. Der SGB werde «Wildwest-Verhältnisse für Homeoffice-Arbeitnehmende bekämpfen».

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Auch als moderat geltende Verbände kritisieren den Vorstoss. «Er ist nicht durchdacht», qualifiziert Ursula Häfliger, Politik-Chefin des Kaufmännischen Verbandes Schweiz, den Initiativtext. Sie sieht darin ein Dutzend Widersprüche. In Ausnahmefällen seien 17 Stunden Home­office denkbar, meint zwar der Präsident von Angestellte Schweiz, Thomas Feierabend, «aber dies regelmässig zuzulassen, ist vehement abzulehnen».

Während die Ratsrechte schon länger auf die Deregulierung hinarbeitet, ist der Vorstoss für die als Familienpartei beworbene CVP ungewöhnlich. Zwei ihrer Kommissionsvertreter, Guillaume Barazzone (GE) und Leo Müller (LU), rechtfertigen ihre Zustimmung. Das 55-jährige Arbeitsgesetz werde «der Arbeit im 21. Jahrhundert nicht mehr ­gerecht». Es trage neuen Berufen und Arbeitsformen nicht Rechnung. «Die Angestellten wollen mehr Freiheit, als ihnen das Gesetz zugesteht», glaubt Barazzone. Müller ergänzt: «Wer von zu Hause aus arbeiten kann, sieht Partnerin oder Partner und Kinder häufiger als ­jemand, der seine Arbeitszeit in einem Büro verbringen muss.»

«Extreme» Stundenzahl

Man solle die 17 Stunden im Initiativtext nicht zum Nennwert nehmen. Diese seien auch ihm «zu extrem», ergänzt Müller. Der Vorstoss sei in einer frühen Phase, die Zahl könne noch gesenkt werden. Brigitta Danuser, Arbeitsmedizinerin der Uni Lausanne und Mitglied der Eidgenössischen Arbeitskommission, sagt, die Initianten unterlägen «der Illusion, was Arbeit wirklich ist». Das Thema sei gut erforscht. Wer 17 Stunden am Tag arbeite, sei ineffizient. «Ein Maximum liegt bei circa 12 Stunden. Darüber wird man langsamer, die Aufmerksamkeit lässt nach, Fehler häufen sich. Bei 16 Stunden erreicht man eine absolute Grenze», sagen Studien.

Bei 17 Stunden Arbeit bleiben 7 Stunden Ruhezeit, das heisst etwa 4 Stunden für den Schlaf. Das sei viel zu wenig, sagt Danuser. «Der Mensch muss sich erholen. Er braucht Zeit für Hygiene, fürs ­Essen und für die Zeit mit Partner und Kindern.» Es sei «eine Illusion, zu glauben», dass ein solcher Vorstoss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördere. «Im Gegenteil, man verliert bei 17 Arbeitsstunden pro Tag die Zeit, um mit der ­Familie zusammen zu sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2018, 23:25 Uhr

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