Reiche ziehen in abgeschottete Luxus-Residenzen

Bewachte Siedlungen sind in der Schweiz eigentlich verpönt – doch die Nachfrage steigt.

Die Rigi Residence in Küssnacht: Mehrere Sicherheitsvorkehrungen, Swimmingpool, Billardzimmer und 
stets geheizte Sauna. Foto: Stefano Schröter

Die Rigi Residence in Küssnacht: Mehrere Sicherheitsvorkehrungen, Swimmingpool, Billardzimmer und stets geheizte Sauna. Foto: Stefano Schröter

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Am vergitterten Eingangstor beginnt ein orangefarbenes Licht zu blinken. Ein Warnsignal ertönt. Vorsichtig ­öffnen sich die Eisentüren, und ein Auto rollt langsam auf die Strasse. Wir befinden uns nicht am Eingang einer Strafanstalt, sondern vor den Toren der luxuriösen Rigi Residence in Küssnacht im Kanton Schwyz. Hinter mehreren, teils mit Stahlplatten gesicherten Eingangstüren logieren vermögende Schweizer und Ausländer.

Die acht Wohnungen sind von einer Mauer umgeben. Beim Umbau der zwei Herrenhäuser in Luxusapartments vor sieben Jahren war das Sicherheitsdispositiv laut Besitzer Felix Dony ein wichtiges Element.

Über die genauen Vorkehrungen will er keine Auskunft geben. Seine Kunden schätzen neben Sicherheit auch Diskretion. Das lassen sie sich bis zu 20'000 Franken Miete pro Monat kosten, sagt ein Insider.

Der Bundesrat sieht in solchen Siedlungen eine Gefahr

Gated Communities, abgeschottete Wohnsiedlungen für Reiche mit bewachten Eingangspforten, sind in den USA, Südamerika und in anderen Regionen längst üblich. In der Schweiz sind sie verpönt.

Der Bundesrat sagte 2009 in einer Stellungnahme auf ein Postulat, er wolle Gated Communities verhindern. Eine solche Absonderung gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Seinerzeit sah er noch keinen Handlungsbedarf, weil es in der Schweiz keine solchen Siedlungen nach amerikanischem Vorbild gegeben habe.

Seither hat sich viel getan. Verschiedene Projekte sind in Planung oder wurden realisiert. In Uttwil im Kanton Thurgau sind 17 Suiten im Bau. Hinter Mauern und überwachtem Eingangstor werden den Bewohnern Concierge, Chauffeur, Wellnessbereich und andere Annehmlichkeiten zur Verfügung stehen.

Der verantwortliche Architekt, Stefan Boettle, spricht gegenüber der «Thurgauer Zeitung» von einer grossen Nachfrage nach den Wohnungen, die teilweise über fünf Millionen Franken kosten. Sie sollen im Frühling 2020 fertig sein.

Die Nachfrage ist grösser als das Angebot

In der Westschweiz erhalten Immobilienmakler zahlreiche Anfragen nach verfügbarem Wohnraum in abgeschotteten Siedlungen. Besonders von Expats, die für einen gut bezahlten Job in die Schweiz kommen. «Viele vermögende Ausländer sind sich Gated Communities von ihrem bisherigen Wohnort gewohnt. Deshalb möchten sie das auch beim Umzug in die Schweiz», sagt Leonard Cohen, Gründer des Genfer Immobilienunternehmens Leonard Properties.

Er sieht aber auch bei Schweizern ein steigendes Bedürfnis nach solchen Wohnformen. «Verschiedene Überfälle haben in Genf für Verunsicherung gesorgt. Das Bedürfnis nach Sicherheitsvorkehrungen steigt.» Die Nachfrage nach Gated Communities sei grösser als das Angebot.

Das Geschäft mit eingezäunten Luxussiedlungen ist verschwiegen. Die Käufer oder Mieter solcher Liegenschaften scheuen die Öffentlichkeit. Angebote in diesem Segment tauchen deshalb kaum auf den bekannten Immobilienwebsites auf, sondern werden diskret über Makler vermittelt.

Laut Quentin Epiney, Geschäftsleitungsmitglied von Comptoir Immobilier, gibt es in den Kantonen Genf und Waadt verschiedene solcher Überbauungen. Beispielsweise 15 eingemauerte Apartments der Résidence du Lac in St-Prex am Lac Léman. In Vandoeuvres nahe Genf stehen acht Luxuswohnungen in einer weiträumigen geschlossenen Anlage.

Die Anzahl Einbrüche nimmt ab, die Anzahl Mauern zu

Quentin Epiney sieht Potenzial für weitere Angebote im ähnlichen Stil. «Wir prüfen derzeit den Bau einer Gated Community am Ufer des Genfersees in Versoix.» Man wolle damit dem Bedürfnis einer sehr vermögenden Kundschaft nach der Sicherheit innerhalb einer solchen Anlage gerecht werden. Epiney zeigt sich zuversichtlich, das Projekt realisieren zu können.

In Küssnacht müssen sich die Bewohner der Rigi Residence über den Schutz vor Einbrechern keine Gedanken machen. Der Mieter einer Wohnung hat für uns die Stahltüren geöffnet und gibt bereitwillig Auskunft. Die Sicherheitsvorkehrungen sind für ihn praktisch. Wenn er mehrere Monate im Jahr in seinem Ferienhaus weilt, ist aber nicht nur für Schutz gesorgt. Der Briefkasten wird geleert, und auf Wunsch erledigt jemand vom Personal auch administrative Aufgaben wie das Bezahlen von Rechnungen. Die Mieter teilen sich mehrere Swimmingpools, ein Billardzimmer und eine stets geheizte Sauna. Ein Gärtner, die Autowäsche und ein Chauffeurservice zum Flughafen sind im Preis inbegriffen.

Die Bewohner laufen sich dabei eher selten über den Weg. Die meisten Rollläden sind an diesem Tag geschlossen. Einer der Mieter nutze die Wohnung nur knapp zwei Wochen im Jahr. Er sei Musikliebhaber und schätze die kurze Distanz zu seinen Lieblingsvorführungen im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum, erzählt sein Nachbar.

Was hält man bei den Verantwort­lichen des Bezirks Küssnacht von der Luxusresidenz? Der Küssnachter Statthalter Oliver Ebert sagt, man wolle vermögenden Menschen Möglichkeiten geben, so zu wohnen, wie sie es wünschen. «Luxusresidenzen sind im Trend, es gibt eine Nachfrage, und es spricht nichts gegen sie.» Im Ort gebe es auch vergünstigten Wohnungsbau. Der Mix müsse stimmen.

Derweil nimmt die Gefahr von Einbrüchen ab – auch ohne Stahltüren und Mauern. Im Kanton Schwyz ist deren Zahl 2017 gegenüber dem Vorjahr um fast 20 Prozent gesunken. Schweizweit gingen die Einbruchsdiebstähle um 12 Prozent zurück. 

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 14:06 Uhr

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