Woher dieser Optimismus?

Tausende Franken für eine Nacht im Bündner Seitental Vals. Luxushotellerie à la Remo Stoffel – was dafür spricht, und was dagegen.

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Glückwünsche zum guten Gelingen konnte Remo Stoffel für sein ­ambitiöses Projekt «Femme de Vals» bislang nicht entgegennehmen. Seit der 38-jährige Bündner Immobilienunternehmer seine Pläne für ein 300 Millionen Franken teures Luxushotel publik gemacht hat, schlägt ihm nichts als Misstrauen entgegen. Der 381 Meter hohe Hotelturm mit 107 Räumen passe nicht in die Bergwelt, sagen Kritiker und Traditionalisten. Welcher ausländische Gast werde in diesem abgelegenen Tal täglich die in den Medien herumgebotenen 24'000 Franken für die teuerste Suite hinblättern?, fragen sich Touristiker. Und dann sind da die grossen Zweifel an Stoffels ­finanzieller Potenz, genährt durch vergangene und aktuelle Auseinandersetzungen mit Justiz und Steuerbehörden.

Stoffel scheint das alles wenig anzuhaben: «Ich schaffe das Angebot. Die Leute werden kommen.» Er glaubt zu wissen, wie seine potenziellen Gäste ticken und welche Bedürfnisse sie haben. Stoffel selber liebt das luxuriöse Ambiente, wie nur schon ein Blick in seine persönliche Wohnsituation zeigt. 2012 liess er in Chur an erhöhter Lage eine Liegenschaft abreissen und durch ein mehrgeschossiges Haus mit «grosszügig konzipierten Wellness- und Sporträumen» ersetzen, wie es in den Bauunterlagen hiess. Die «Südostschweiz» staunte damals über die geschätzten Baukosten von 5,5 Millionen Franken.

Gerne empfängt Stoffel heute seine Gäste in den äusserst grosszügig dimensionierten Räumen aus Sichtbeton und Glas. Der Blick aus dem Esszimmer fällt auf Chur und weiter auf die Surselva, wo südlich davon das Valsertal liegt. Während der Gast auf das beeindruckende Panorama blickt, doziert der Hausherr über sein Projekt. Über den «Raum als Luxusgut», den er in seinem Hotel ­«zelebrieren» werde, über das Schlafzimmer des 21. Jahrhunderts, riesig in der Fläche, mit einer Raumhöhe von 4,5 Metern. «Niemand in Europa bietet dieses Raumkonzept an», sagt er.

Die Golfstaaten dienen als Labor

Seine Hotelgäste werden mit Entourage anreisen – weil auch er das selber gerne tut. Er reist zweimal jährlich für mehrere Wochen nach Dubai, immer in Begleitung von Frau, Kindern und oft noch weiteren Familienangehörigen und Freunden. Zu Stoffels Firmengruppe Priora ­gehört ein Unternehmen für Gebäude­unterhalt. Zu den Kunden zählt das weltweit höchste Gebäude Burj Khalifa.

In Dubai kann Stoffel seinen Hotelträumen freien Lauf lassen. Die Golfstaaten gelten als Labor für avantgardistische Hochhausarchitektur, auch im ­Hotelbereich. Der Tourismus soll für die Wüstenstaaten das ökonomische Fundament sein, wenn in absehbarer Zukunft die Erdölvorräte zur Neige gehen. Wer als Hotelinvestor die Nase vorne haben will, muss hier angesichts der Hoch­haus­dichte mit seinem Projekt um jeden Preis auffallen und das Bestehende immer aufs Neue übertrumpfen.

Stoffels Klientel in der «Femme de Vals» wird per Helikopter an- und abreisen. Auch zum Shopping in Mailand, Zürich oder Genf solls durch die Lüfte gehen. Die Energieeffizienz des Heli­kopters hat er berechnen lassen. Das ­Ergebnis: 6 Gäste im Fluggerät entsprechen 30 Personen im Reisecar. In die ­rudimentären Wintersportanlagen von Vals will er kein Geld investieren, weil es in den Skigebieten rundherum ohnehin Überkapazitäten gebe. Auch diese werden per Helikopter erreichbar sein.

Unter seinen Gästen stellt sich Stoffel Firmenchefs vor, die mit ihren Teams für Sitzungen anreisen. Zuoberst im gläsernen Turm würde der Konzernchef mit seiner Familie residieren, auf den unteren Stockwerken die übrigen Hierarchiestufen. Die Lifte werden so konzipiert sein, dass sich immer nur Gäste der gleichen Preiskategorie treffen.

Woher diese Hotelgäste tatsächlich kommen sollen, bleibt allerdings Stoffels Geheimnis.

Die in den Medien zirkulierenden Preise in der «Femme de Vals» von 1000 bis 24'000 Franken sind enorm hoch, aber nicht ganz ausserhalb jeder Konkurrenz. Im Hotel Palace in Gstaad kostet die Penthouse Suite je nach Saison zwischen 8700 bis über 16'000 Franken. Das Badrutt’s Palace in St. Moritz gibt für seine teuerste Suite offiziell keine Preise bekannt, gerüchteweise ist von 12'000 bis 15'000 Franken die Rede. Dies ist alles ein Klacks, wenn man nach Genf blickt, wo die Royal Penthouse Suite im President Wilson Hotel offiziell ab 60'000 Franken gebucht werden kann. Die 1680 Quadratmeter grosse Anlage mit 12 Schlafzimmern gilt seit Jahren als teuerste Suite der Welt.

Das Kundenpotenzial für die Luxushotellerie wäre vermutlich auch für eine «Femme de Vals» da. Die Zahl der Ultra High Net Worth Individuals, wie Personen mit mehr als 50 Millionen Dollar Vermögen unprosaisch genannt werden, nimmt weltweit zu, wie regelmässige Untersuchungen belegen.

Zudem rangiert die Schweiz als ­Tourismusdestination seit je auf Spitzenplätzen, wie das Ranking des World ­Economic Forum (WEF) zeigt. Der Wettbewerb um die zahlungskräftige Kundschaft ist allerdings beinhart, weil rund um den Globus neue Trenddesti­nationen entstehen. Belastend für die Schweiz ist, dass sie wegen des Frankens als besonders teures ­Pflaster gilt. Beim Kriterium preisliche Wettbewerbsfähigkeit ist sie in der WEF-Liste bedrohlich abgesackt.

Was Stoffel besonders zu denken geben müsste: Erstmals liegen die Übernachtungszahlen in der Fünfstern­hotellerie in den Bergen unter jenen der Städte. Jan Brucker, Präsident der Vereinigung Swiss Deluxe Hotels, der 41 Fünf­sternhäuser in der Schweiz angehören, bestätigt, dass es auf dem Land harzt.

Hoffen auf reiche Chinesen

Dafür herrscht in den Städten derzeit Zuversicht. Brucker, der zugleich Chef des Widder Hotel in Zürich ist, spricht von einem «bombastischen» Juni und von einem Auslastungsgrad von über 90 Prozent. «Fast wie in alten Zeiten», fügt er an. Derzeit registriere das Hotel 60 Prozent Feriengäste. Normalerweise machen Geschäftskunden 80 Prozent aus. Die Buchungsstände für August und die Herbstmonate sind laut Brucker ebenfalls vielversprechend. Das Dolder Grand will dagegen keine konkreten Zahlen nennen, lässt lediglich wissen, dass es keinen Anlass zu Klagen gebe.

Zürich wird vermehrt von Gästen aus dem arabischen Raum bereist, die früher vorwiegend Genf angesteuert haben. Zudem machen sich immer mehr wohlhabende Chinesen bemerkbar. Im Dolder Grand entfallen zwar erst 2,5 Prozent aller Übernachtungen auf die fernöstliche Kundschaft. «Doch ihre Zahl hat sich innert Jahresfrist verdoppelt», sagt Dolder-Marketingchef Marc Jacob. In den vielen Millionen reicher Chinesen ruhen die Hoffnungen aller Nobelherbergen, die schrumpfende Gästeschar aus den umliegenden europäischen Staaten kompensieren zu ­können. Es ist jedoch nicht nur der starke Franken, der Deutsche und Franzosen von einem Besuch von Zürich oder Genf abhält: Ebenso wichtig ist die Um­wälzung rund um das Bankgeheimnis, wie Hoteliers offen zugeben. Bis 2008 registrierte etwa das Widder Hotel 20 Prozent deutsche Gäste. Deren Zahl ist laut Brucker mittlerweile auf 6 bis 7 Prozent gesunken.

Die Stadthotellerie zeigt sich laut Touristikern robuster, weil es ausländischen Reisenden angesichts des Schweizer Preisniveaus attraktiver erscheint, in den urbanen Zentren mit breitem kulturellem Angebot und Einkaufsmöglichkeiten zu nächtigen und die Bergregionen auf Tagesausflügen zu erkunden. Der Mix aus Business- und Feriengästen wirkt für städtische Anbieter somit wie ein Puffer – etwas, was den Luxushotels in den Alpen fehlt.

Ob es ausgerechnet Stoffel gelingt, die Businessclass in eine abgelegene Bergregion zu bringen? «Das Risiko des Scheiterns ist bei diesem Projekt beträchtlich», sagt Tourismusprofessor Christian Laesser von der Uni St. Gallen. Frank Bumann, Direktor von St.-Gallen-Bodensee-Tourismus, lässt die Antwort offen. Die Fokussierung auf die reiche Kundschaft sei richtig, weil sich derzeit ohnehin nur noch diese Schicht Ferien in der Schweiz leisten könne. Und diese Klientel mit einem architektonischen Leuchtturm auf sich aufmerksam zu machen, sei folgerichtig. Schon vor 150 Jahren hätten Schweizer Unternehmer Mut bewiesen, als sie neben Kuhställen ihre Hotelpaläste errichteten. Bei Stoffel stelle sich aber die Frage, ob dem Projekt eine «seriöse Investitionsplanung» zugrunde liege. Stoffels Antwort auf solche Fragen: «Der gute Unternehmer entscheidet aus dem Bauch heraus.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2015, 06:20 Uhr

Remo Stoffel doziert gern über den «Raum als Luxusgut», den er in seinem Hotel ­«zelebrieren» möchte. Foto: Urs Jaudas

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