San Francisco wird zum Reichenghetto

Börsengänge von Tech-Firmen wie Uber und Airbnb dürften bald Tausende neue Millionäre schaffen. Das treibt die ohnehin hohen Immobilienpreise in irrwitzige Höhen.

Die jungen Angestellten wollen kurze Arbeitswege: Wohnsiedlung und Geschäftshochhäuser in San Francisco. Foto: iStock

Die jungen Angestellten wollen kurze Arbeitswege: Wohnsiedlung und Geschäftshochhäuser in San Francisco. Foto: iStock

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Geld wächst auch in San Francisco nicht auf den Bäumen. Aber die kommenden Börsengänge von Uber, Lyft, Airbnb, Pinterest und einigen Dutzend weiterer Techfirmen machen bis zu 10'000 Angestellte praktisch über Nacht zu Millionären. Wohin mit dem Geld? «Die Millennials verhalten sich anders als frühere Generationen», erklärt Kevin Kropp, Immobilienmakler, der seit 15 Jahren Häuser und Wohnungen in San Francisco vermittelt. «Sie haben keine Geduld. Sie wollen den Reichtum sofort investieren und rasch einen Erfolg sehen. Der Aktienmarkt ist zu wenig attraktiv. Deshalb kaufen sie Häuser, auch wenn es teuer erscheint. Geld spielt keine Rolle, denn sie haben es leicht verdient».

Die Schätzungen darüber, wie viel Geld die Börsengänge einbringen, schwanken. Doch viele Analysten glauben, dass 2019 die besten Voraussetzungen für Techfirmen bietet, an der Börse Kapital aufzunehmen und den Angestellten zu ermöglichen, ihre Optionen- und Aktienpakete zu einem hohen Preis abzustossen. Uber dürfte dabei mit bis zu 120 Milliarden bewertet werden, Airbnb wird bereits jetzt mit 31 Milliarden bewertet, und Lyft sollte es beim Börsengang in den kommenden Wochen auf 25 Milliarden Dollar bringen. Selbst wenn nur die Hälfte der Börsengänge erfolgreich sein sollte, heisst es bei Sotheby’s, so dürften doch auf einen Schlag 10'000 Jungmillionäre geschaffen werden.

Die Reichen bleiben unter sich

Die ersten Vorzeichen der erwarteten Kaufwelle sind bereits sichtbar. Potenzielle Käufer, die nicht an einem der Börsengänge beteiligt sind, verspüren eine leichte Panik, aus dem Markt verdrängt zu werden. Er fühle eine existenzielle Angst, den Zeitpunkt zum Kauf zu verpassen, sagt Tom McLeod, Gründer des Start-up-Unternehmens Omni. Nachdem er zehn Jahre zur Miete wohnte, kaufte er kürzlich ein Haus, obwohl sich die Preisspirale in den letzten paar Jahren noch beschleunigt hatte. Bis vor wenigen Jahren sei ein einfaches, renovationsbedürftiges Häuschen für eine Million Dollar zu haben gewesen, sagt Kropp. «Heute ist unter 1,5 Millionen Dollar nichts mehr zu haben.»

In trendigen Quartieren mit einem nahen Autobahn-Anschluss ins Silicon Valley liegt die Schwelle weiter höher. «Fünf Millionen Dollar für ein Haus im Noe Valley sind nichts Besonderes mehr.» Noch vor 20 Jahren beheimatete das Quartier Arbeiterfamilien irischer und italienischer Herkunft. Heute ist das Noe Valley eine Hochburg für junge Millionäre und ihre Familien. Sie bleiben weitgehend unter sich, die Arbeiterfamilien wurden verdrängt. Ganz in der Nähe lebt auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der sich mit einer Luxusvilla im geschätzten Wert von 72 Millionen Dollar allerdings wenig Freunde unter den Anwohnern geschaffen hat.

Verlagerung vom Silicon Valley ins Stadtzentrum

Als Google vor 15 Jahren und später Facebook an die Börse gingen, streuten die Angestellten ihren neuen Reichtum breiter, da die Hauptsitze beider Konzerne 50 bis 60 Kilometer südlich von San Francisco liegen. Der Kaufdruck war somit nicht auf die Stadt konzentriert. 2019 ist das anders. Uber, Lyft, Airbnb und fast alle anderen börsenwilligen Firmen haben sich in der Stadt angesiedelt, dem Wunsch der Angestellten nach einem kurzen Arbeitsweg folgend.

«Sie kaufen keine Autos, und sie suchen kein Nobelhaus, wie das alte Geld dies getan hat. Sie wollen mitten in der Stadt sein, und sie wollen es bequem haben», schildert Kropp seine Erfahrungen. «Gefragt ist nicht mehr ein Sportraum, sondern ein Postraum, wohin die Online-Bestellungen geliefert werden können.» Und noch etwas: Diese jungen Käufer können bar bezahlen, was ihnen beim Verhandeln mit dem Verkäufer einen Vorteil gegenüber jenen gibt, die mit einer Hypothek finanzieren müssen.

Wie stark die Techszene den Immobilienmarkt prägt, zeigt auch die Verkaufsstatistik im vergangenen Jahr. Der mittlere Preis für ein Einfamilienhaus verdoppelte sich seit 2013. Rund 5600 Immobilien wechselten die Hand, darunter 2200 Einfamilienhäuser. Davon wurde gemäss der Marktforschungsfirma Compass über die Hälfte von Software-Ingenieuren gekauft. Noch fast schwieriger als Kaufen ist das Mieten geworden. 1-Zimmer-Wohnungen kosten pro Monat im Mittel zwischen 3500 und 3700 Dollar. Die Stadt trägt mit ihrer Ansiedlungspolitik und grosszügigen Steuererleichterungen für junge Firmen eine gewisse Mitverantwortung. Doch auch die Firmen selber nährten den Glauben an einen Markt, der nur Gewinner schaffen wird.

Die Blase ist nicht weit

Nicht viele der Angestellten von Uber oder Airbnb fürchten, dass die Preise je einmal korrigieren könnten, sagte Ryan Cole, Vermögensverwalter von Citrine Capital, der «New York Times». Diese Generation von potenziellen Millionären schätze die Erfolgschancen ihrer Firmen besonders optimistisch ein. «Sie verstehen nicht wirklich, dass die Aktien von Techfirmen sehr volatil sind. Zudem bestätigen die Vorgesetzten sie noch in ihren rosigen Vorstellungen von der Zukunft der Firma, um sie zu einem härteren Einsatz zu motivieren.»

Dabei sind zum Beispiel Uber und Lyft noch immer hoch unprofitabel. «Nichts in den Unterlagen von Lyft und Uber zeigt, wie sie dieses Problem lösen können», sagt Verkehrsexperte Hubert Horan, «absolut nichts». Aber umso schöner sind die Illusionen, wie jene von Lyft-Mitbegründer John Zimmer. Vor drei Jahren dachte er laut über eine Zukunft ohne Fahrer aus Fleisch und Blut nach und versicherte treuherzig, 2021 bereits werde Lyft die Hälfte aller Fahrten mit autonomen Autos durchführen können.

Noch habe der Markt nicht das spekulative Stadium erreicht, meint Kropp. «Angebot und Nachfrage halten sich in etwa die Waage. Aber es fühlt sich an, als ob wir verrückte Monate erleben werden und die Blase wieder einmal platzen könnte.»

Erstellt: 26.03.2019, 13:58 Uhr

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