Schweizer Börse gehen Firmen aus

Die Zahl der an der SIX kotierten Firmen sinkt seit Jahren. Die Gründe und die Reaktion der Börse.

Zur Jahrtausendwende wurden an der Schweizer Börse noch Titel von mehr als 400 Unternehmen gehandelt: Neuer Hauptsitz an der Pfingstweidstrasse in Zürich. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Zur Jahrtausendwende wurden an der Schweizer Börse noch Titel von mehr als 400 Unternehmen gehandelt: Neuer Hauptsitz an der Pfingstweidstrasse in Zürich. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Firma Rapid Nutrition kennt in der Schweiz kaum jemand. Das kleine Unternehmen aus Australien stellt Nahrungsergänzungsmittel für Diätkuren her. Rapid Nutrition gehört aber seit einigen Wochen zu einem illustren Kreis: Ihre Aktien werden an der Schweizer Börse SIX gehandelt. Eine gewinnbringende Anlage war das Wertpapier für die Investoren bislang nicht. Der Aktienkurs dümpelt nach anfänglich heftigen Ausschlägen vor sich hin.

Rapid Nutrition ist an der Schweizer Börse einer der wenigen Neuzugänge der letzten Monate. Das Feld der Firmen hat sich dort in den letzten Jahren deutlich ausgedünnt. Schweizer Konzerne wurden von ausländischen Unternehmen übernommen. So etwa der Cateringanbieter Gategroup, die Mode-Gruppe Charles Vögele oder der Reisekonzern Kuoni. Ausländische Firmen, deren Aktien früher zusätzlich auch an der hiesigen Börse gehandelt wurden, sparen sich die Zweitkotierung. Dazu gehörte etwa der US-Pharmakonzern Pfizer. Solche sind in den letzten Jahren praktisch verschwunden.

Der Rückgang ist markant. Wurden zur Jahrtausendwende noch die Titel von mehr als 400 Unternehmen gehandelt, gibt es heute noch rund 250 kotierte Firmen. Mit einem grossen Teil davon findet allerdings kaum ein intensiver Handel statt. Marktkenner bezeichnen daher nur gerade 15 Titel als aus­reichend liquid.

«Die Zahl der Börsengänge liegt in der Tat unter derjenigen der Dekotierungen», sagt ein SIX-Sprecher. Die Schweiz sei damit kein Einzelfall. Speziell sei aber hierzulande, dass die Unternehmensfinanzierung stark über die Banken laufe. Abschreckend könnten sich auch die strengeren Regeln für kotierte Gesellschaften ausgewirkt haben. So gilt die Abzockerinitiative nur für die rund 250 an der Börse kotierten Unternehmen. Sie schreibt nur diesen Firmen vor, unter den Aktionären eine Abstimmung über die Cheflöhne durchzuführen. Die Börse selbst hat in den letzten Jahren keine neuen Pflichten für Emittenten eingeführt.

Internationaler Wettbewerb

Schlecht geht es dem Unternehmen SIX deshalb nicht. Die Handelsvolumen bei anderen Finanzprodukten wie etwa ­Indexfonds sind in den letzten Jahren explodiert, zudem ist für das Unternehmen die Abwicklung des Zahlungsverkehrs wichtiger geworden. Der Börsenplatz für Unternehmen verliert aber an Bedeutung. Neuzuzüge wiegen die Abgänge nicht auf.

Immerhin liebäugelt der Ostschweizer Eisenbahnbauer Stadler Rail mit einem Gang aufs Börsenparkett, und auch die Apothekengruppe Zur Rose erwägt, bald an die Börse zu gehen. Der grösste Börsengang des Jahres kam aus der Pharmabranche. Galenica Santé wird schon nach kurzer Zeit mit mehr als 2 Milliarden Franken bewertet. Laut Marktbeobachtern ist dies überraschend, da in der Pharmabranche der Trend eher weg von der Börse gehe.

Ein weiterer prominenter Neuzugang ins Feld der börsengehandelten Unternehmen stand eigentlich schon fest: Der Teilverkauf der Schweizer Gesellschaft der Credit Suisse an der Börse wäre ein Highlight für die SIX gewesen. Daraus wurde aber nichts. Die Grossbank kann ihren Kapitalbedarf anderweitig decken.

Firmen gehen an die Börse, um neues Kapital von Investoren aufzunehmen oder eine Öffnung des Aktionariats zu erzielen. Für beides gibt es derzeit wenig Bedarf. «Insbesondere brauchen Firmen gegenwärtig keinen Börsengang, um an frische Mittel zu kommen», sagt Martin Frey, Leiter Corporate Finance beim Beratungsunternehmen PWC. Offenbar gibt es derzeit viel Geld für Kredite respektive Kapital für Beteiligungen. Die Schweizer Börse spüre laut Frey den internationalen Wettbewerb, da auch ausländische Börsenplätze aktiv bei Schweizer Firmen werben. Sie haben offenbar gute Argumente. «Ein Börsengang ist dort am erfolgreichsten, wo es am meisten relevante Investoren hat», so Frey. Das gelte in der Schweiz für viele Branchen, beispielsweise bei Hightechfirmen, nicht mehr.

Die Kapitalaufnahme kann aber nicht nur über Börsengänge erfolgen, sondern auch über die Ausgabe von Anleihen. «Die Emissionstätigkeit bewegt sich auf hohem Niveau», so der Sprecher von SIX. Nicht weniger als sechs der zehn grössten Firmen der Welt haben sich so über die Schweizer Börse Kapital beschafft. Darunter sind Apple, Microsoft oder Amazon.

Tiefere Einstiegshürden

Die Börse hat vor bald einem Jahr ein Programm lanciert, das dafür sorgen soll, dass kleine an der Börse kotierten Firmen von den Anlegern besser wahrgenommen werden. Denn für solche Unternehmen kann es unangenehme Folgen haben, wenn kaum ein Handel mit ihren Aktien stattfindet. Schon kleine Börsengeschäfte können dann nämlich grosse Kursschwankungen auslösen.

Ohnehin scheint sich die Börse in Zukunft stärker für kleine Unternehmen öffnen zu wollen. So sprach man früher von einer Marktbewertung von 100 Millionen Franken, über die eine Firma mindestens verfügen müsse, damit sich ein Börsengang lohne. Diese Grenze soll bald nicht mehr gelten.

An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist vor kurzem ein Projekt angelaufen, das die Bedingungen erforschen soll, unter welchen sich ein Börsengang für KMU auszahlt. «Es wäre volkswirtschaftlich wünschenswert, wenn mehr Unternehmen an der Börse wären», so Mehdi Mostowfi, Professor an der ZHAW. Es könnte künftig für kleine Firmen auch schwieriger werden, über Investoren aus dem privaten Umfeld sowie Beteiligungsgesellschaften an Geld zu kommen – dann wäre für sie ein Börsengang wieder interessant. Damit ein kleines Unternehmen an die Börse gehen kann, müssen die Teilnahmeregeln gelockert werden, sonst ist der Aufwand zu gross. «Die Frage ist, wie tief die Hürden sein ­können», so Mostowfi.

Schlechte Erfahrungen

Die weniger strengen Regeln sollen aber nicht dafür sorgen, dass ein Investor ein höheres Risiko eingeht. An der Börse investiere ein Geldgeber grundsätzlich in die Zukunft, bei einer kleinen wachstumsstarken Firma ist die Unsicherheit in Bezug auf die zukünftige Entwicklung aber wesentlich grösser. Hinzu kommt, dass bei kleinen börsenkotierten Firmen oftmals kein reger Handel stattfindet. Wer Aktien verkaufen will, findet oft nicht schnell genug Käufer. Daher müssen die Investoren mit einer höheren Rendite entschädigt werden.

Eine Balance zu finden, ist nicht einfach, in Deutschland und Grossbritannien hat man in der Vergangenheit zum Teil negative Erfahrungen mit Handelsplätzen für kleine Unternehmen gemacht. Etliche Firmen wurden bankrott, und viele Anleger verloren ihr Geld.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2017, 23:14 Uhr

Swiss-Market-Index

Umbau und Neugewichtung

Im Schweizer Leitindex SMI sind die zwanzig grössten an der Börse gehandelten Firmen vertreten. Er verzeichnete jüngst zwei Abgänge: Das Biotechunternehmen Actelion wurde von der US-Firma Johnson & Johnson übernommen, Syngenta wird vom chinesischen Chemchina-Konzern aufgekauft. Ein Abschied von der Schweizer Börse soll das nicht zwingend sein – die neue Firma soll dereinst wieder an der Börse landen, so das Versprechen. Die beiden Unternehmen werden im SMI durch den Bauchemiekonzern Sika und die Chemiefirma Lonza ersetzt.

Die Schweizer Börsenbetreiberin SIX wird zudem den SMI neu gewichten. Dieser wird von den Wertpapieren dreier Konzerne dominiert. Nestlé, Novartis und Roche machen zusammen rund 60 Prozent des Index aus. Ihre Bedeutung im SMI soll eingeschränkt werden. Ab Mitte September wird der Anteil eines einzelnen Unternehmens noch maximal 18 Prozent betragen können. (jb)

Artikel zum Thema

SMI wird künftig Nestlés Übergewicht ignorieren

18 Prozent: Das wird künftig das Maximalgewicht der Titel im Swiss-Market-Index sein. Die Schweizer Börse kappt ihren Leitindex. Mehr...

Zürichs Börse wird zum Schulhaus

Die Börsenbetreiberin SIX zieht bald aus der Börse in Zürich Selnau aus. Ihre Nachfolgerin betreibt ein anderes Business – und hat das ganze Gebäude im Baurecht übernommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Welttheater Big Ben verstummt
Blog Mag Das Auto, dein Partner
Mamablog Kinder beschimpfen

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Absprung auf Befehl: Ein amerikanischer Marinesoldat verlässt sich auf seinen Fallschirm während einer länderübergreifenden militärischen Übung mit der japanischen Northern Viper 17 auf der Nordinsel von Hokkaido, Japan. (15. August 2017)
(Bild: Toru Hanai) Mehr...