Schweizer Busse sind nicht Flixbus

Das Monopol der SBB sei geöffnet worden, denkt die Öffentlichkeit – die Schweiz erhalte ihren eigenen Flixbus. Dabei ist nichts passiert.

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Der Taschenspielertrick ist gelungen. Seit gestern denkt die Öffentlichkeit, der Bundesrat werde neu nationale Fernbusse zulassen und damit den öffentlichen Verkehr revolutionieren. Ein Schweizer Flixbus sei im Anzug.

Dabei ist nichts passiert. Weder hat der Bundesrat sein Monopol für die Vergabe von ÖV-Lizenzen aufgegeben, noch wurde das Gesetz geändert, geschweige denn die Verordnung. Er hat einfach gesagt, dass das heutige Gesetz Fernbusse zulasse, solange diese die SBB und andere Bahnen nicht in die Verlustzone trieben. Das ist ein guter Anfang. Anbieter wie Domo von Zürich nach Bern sollen testen, wie stark die Nachfrage ist. Dennoch drehen Bahngewerkschaften seit gestern im roten Bereich. «Gefährliche Öffnung im Fernverkehr», titelte Transfair, «grosse Gefahr für das Schweizer ÖV-System», lamentierte die SBB-Gewerkschaft SEV. Mit Fernbussen mache man ein «gut funktionierendes Schweizer ÖV-System» kaputt.

Der ÖV «funktioniert gut» für Leute, die vom Arbeitgeber gratis ein Generalabo erhalten, so etwa Gewerkschaftsfunktionäre. Und er funktioniert auch im technischen Sinn, denn Züge fahren im dichten Fahrplan oft pünktlich, die Wagen sind meist sauber, das Personal ist meist freundlich. Doch was nicht mehr «funktioniert», ist der Preis.

Eine Chance, zu reisen

Zürich–Genf retour kostet 180 Franken, Basel–Brig retour 170 Franken, Chur–Basel 136 Franken bei Lehrlingslöhnen von 600 bis 1000 Franken oder einem Sackgeld von 200 Franken. Im Normaltarif ist das sehr teuer, und selbst mit einem Halbtaxabo können sich nur wenige Jugendliche solche Fahrten leisten. Nicht umsonst hat bei ihnen das Gleis-7-Abo Erfolg: Ab 7 Uhr abends fühlen sie sich wie Schweizer und fahren ÖV. Doch für über 26-Jährige gibt es dieses Abo nicht. Für Leute mit kleinem Budget ist die Bahn unerschwinglich. Deshalb haben Fernbusse mit Billigtarifen solchen Erfolg – sie bieten eine Chance, zu reisen.

Ein hiesiger Flixbus muss nicht ausbeuterisch sein. «Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass Fernbusse in der Schweiz Flixbus heissen», sagte der Direktor des Bundesamtes für Verkehr. Hier gelten Schweizer Bedingungen. Geben wir diesem Busangebot eine Chance. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2017, 22:20 Uhr

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