Schweizer Rohstoffhändler im Ölrausch

Vitol, Glencore und Trafigura machen Dank hohen Preisschwankungen enorme Gewinne - und hoffen auf Trump.

Schweizer Rohstoffkonzerne setzen mehr als die Hälfte der von Opec-Staaten geförderten Ölmenge um: Tankstelle in Saudiarabien. Foto: Hasan Jamali (Keystone)

Schweizer Rohstoffkonzerne setzen mehr als die Hälfte der von Opec-Staaten geförderten Ölmenge um: Tankstelle in Saudiarabien. Foto: Hasan Jamali (Keystone)

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Ein Drittel des weltweiten Handels mit Rohöl und Ölprodukten läuft über den Handelsplatz Genf. Diese Zahl nannte der Bundesrat in seinem 2013 erschienenen Rohstoffbericht. Der Wert dürfte mittlerweile höher sein.

Beim gestern zu Ende gegangenen Lausanner Rohstoffgipfel «FT Commo­dities Summit 2017» überraschte das Londoner Wirtschaftsblatt «Financial Times» (FT) als Veranstalter mit neuen Recherchen und Zahlen für den Schweizer Rohstoffhandel. Gemäss der FT setzen Schweizer Ölhändler aktuell mehr als die Hälfte der täglich von der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) geförderten Menge (rund 34 Millionen Barrel) um.

Alleine die drei grössten in der Schweiz niedergelassenen Ölhändler Vitol, Glencore und Trafigura handeln pro Tag mit 17 Millionen Barrel Rohöl – ein Barrel entspricht 157 Litern. Zählt man die Handelshäuser Gunvor und Mercuria hinzu, sind es sogar 22 Millionen Barrel. Zum Vergleich: 2014 war die täglich von den fünf genannten Firmen gehandelte Menge gemäss Branchenangaben noch rund 5 Millionen Barrel tiefer.

Kleinste Preisschübe nutzen

Vor allem Vitol, Glencore und Trafigura haben ihre Handelsmengen stark erhöht. Vitol handelte 2016 täglich mit bis zu 7 Millionen Barrel pro Tag. Trafigura setzt derzeit pro Tag 5 Millionen Barrel um und damit doppelt so viel wie 2014. Im Fall von Trafigura fällt vor allem die Kooperation mit dem russischen Ölkonzern Rosneft ins Gewicht, die dessen Chef Jeremy Weir am Rohstoffgipfel als weiterhin gewinnbringende Partnerschaft hervorhob. Mercuria hielt das Handelsvolumen mit 2 bis 2,5 Millionen Barrel in den letzten Jahren stabil.

Der Grund für die rapide Zunahme des Handelsvolumens liegt vor allem im Preiszerfall für Rohöl, der auch am Rohstoffgipfel ein viel diskutiertes Thema war. Kostete ein Barrel Rohöl 2014 noch rund 115 Dollar, fiel der Preis 2016 zeitweise auf unter 40 Dollar. Die Gewinnziele der Firmen blieben derweil unverändert ambitioniert. Damit trotz tiefer Rohstoffpreise hohe Gewinne anfallen, müssen die Firmen grosse Mengen Öl ankaufen, die Preisvolatilität nutzen und das Öl nach kurzer Zeit wieder abstossen.

David MacLennan vom US-Rohstoffkonzern Cargill warnte die Branche vor zu grossen Erwartungen. Trump sei nicht einmal 100 Tage im Amt, und er sehe nicht, wie das noch 100 Tage so weitergehen könne.

Die niedrigen Preise erlauben es den Händlern, mit demselben Kapital grössere Mengen Rohöl zu kaufen. Und die Volatilität ist aus Händlersicht optimal, um bereits kleine Preisdifferenzen auszunützen und Gewinne zu erwirtschaften. Weil die Schweizer Handelshäuser genügend Kapazitäten in der Lagerung wie auch bei Schiffstransporten haben, können sie Öl zurückhalten, bis die Marktpreise etwas steigen.

Die Konkurrenzsituation zwischen den am Lac Léman niedergelassenen Firmen befeuert den Ölhandel zusätzlich. Im letzten Jahr kam dazu, dass die USA ihr Verbot für Rohölexporte aufhoben und damit auch Schweizer Firmen günstiges US-Rohöl zukauften.

Genfer Rohstoffhändler nennen noch einen weiteren Grund für das Öl-Rally: Ölproduzenten auf der ganzen Welt, vor allem staatliche, gingen in den letzten Jahren Deals ein, die zu Tiefpreiszeiten verbreitet sind. Sie verpflichteten sich gegenüber Rohstoffhändlern zu grossen Lieferungen von Rohöl mit fixen Dollarpreisen, um an genügend Kapital zu kommen, das es ihnen erlaubt, die kostspieligen Förderanlagen technisch auf dem neusten Stand zu halten und die Produktion langfristig abzusichern. Die Rohstoffhändler wiederum besorgen sich das Geld von Banken.

Grosse Erwartungen geweckt

Wäre der Iran in der Lage, sein Ölvorkommen ebenfalls ungehindert auf dem Weltmarkt abzusetzen, wäre wohl noch mehr Öl über die Schweiz gehandelt worden. Gunvor-CEO Torbjörn Törnqvist unternahm den Versuch, iranisches Öl zu erwerben. Es blieb beim Versuch. Der Rohstoffhandel mit dem Iran sei nach wie vor kompliziert, bedauert Törnqvist. Zahlungsvorgänge müssten nun mal in Dollar abgewickelt werden, was viele Banken wegen der nach wie vor geltenden Sanktionen ablehnten.

US-Präsident Donald Trump dürfte an dieser Situation vorerst nichts ändern. Über Trump wurde am Rohstoffgipfel denn auch ebenso intensiv diskutiert wie über den Ölhandel. Trumps Ankündigung, stark in die Infrastruktur des Landes zu investieren, hat in der Rohstoffbranche enorme Erwartungen geweckt.

«Trump-Rally»

Auch die Beseitigung von Auflagen für die Energiebranche und die Pläne für tiefere Unternehmenssteuern kommen gut an. Viele Handelshäuser haben ihre Strategien auf Trumps Pläne ausgerichtet, denn mit Investitionen in die Infrastruktur bräuchten die USA nicht nur mehr Energieträger, sondern auch enorme Mengen Zement und Eisen. In der Rohstoffbranche spricht man derzeit von einem «Trump-Rally» und einem «Sugar-Rush».

Gleichzeitig befürchten Händler, dass der US-Präsident sein Wort nicht hält. David MacLennan, CEO und VR-Präsident des US-Rohstoffkonzerns Cargill, warnte die Branche in seiner Rede vor zu grossen Erwartungen. Trump sei nicht einmal 100 Tage im Amt, und er sehe nicht, wie das noch 100 Tage so weitergehen könne. Er jedenfalls tippe darauf, dass die Präsidentschaft Trump schon in zweieinhalb Jahren ende.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2017, 08:49 Uhr

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