Schweizer werden immer arbeitsfauler

Der zunehmende Wohlstand in der Schweiz macht sich bei der Arbeitsdauer bemerkbar. Wir arbeiten immer weniger – genau gesagt 1562 Stunden pro Jahr.

Mehr Ferien und mehr Feiertage seit 1950: Zwei Bauarbeiter gönnen sich in Zürich eine Pause an der Sonne. (12. Mai 2009)

Mehr Ferien und mehr Feiertage seit 1950: Zwei Bauarbeiter gönnen sich in Zürich eine Pause an der Sonne. (12. Mai 2009) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wir sehen uns gerne als Büezer. Und auch ennet der Grenzen gilt das Schweizer Volk als arbeitssam und fleissig, so ein Klischee. Dieses Bild mochte in den fünfziger Jahren zutreffen, scheint aber heute längst überholt. Denn seit 1950 ist die Arbeitsdauer in der Schweiz um einen Drittel gesunken. Gemäss einer neuen Studie der Konjunkturforschungssstelle (KOF) der ETH Zürich beträgt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit nur noch 1562 Stunden. Im Jahr 1950 schufteten die Schweizer Arbeiter noch 2400 Stunden jährlich wie die «NZZ am Sonntag» schreibt.

Arbeiteten die Menschen vor siebzig Jahren noch 49 Stunden pro Woche, sind es heute weniger als 42 Stunden. Der zeitliche Einsatz der Schweizer liegt damit nur wenig höher als in Frankreich mit 1474 Stunden – obwohl dort die gesetzliche Arbeitszeit mit 35 Stunden pro Woche sehr tief ist. Der Grund für die geringe Differenz ist gemäss der «NZZ am Sonntag» der hohe Anteil der Teilzeitarbeit in der Schweiz: Mit 37 Prozent liegt die Quote rund doppelt so hoch wie in Frankreich. Gerade einmal 41% der Frauen arbeiten Vollzeit. Und bei den Männern ist der Anteil auf zuletzt 83% gesunken. Dabei gelten für die Statistiker Personen, welche einen halben Tag pro Woche frei haben, auch als voll erwerbstätig.

Mehr Ferien, mehr Wohlstand

Es wird heutzutage nicht nur weniger gearbeitet, sondern auch häufiger Ferien gemacht. Die freien Tage haben sich gar verdoppelt. Begnügten sich die früheren Generationen mit zwei Wochen Ferien pro Jahr, gönnen wir uns heute im Schnitt 5,2 Wochen. Und 1950 kam nur jeder siebte Angstellte in den Genuss eines freien Samstags.

Die zeitliche Belastung ist zusammenfassend in den vergangenen Jahrzehnten um einen Drittel gesunken. Dies sei der höheren Produktivität zu verdanken, erklärt Studienautor Michael Siegenthaler in der «NZZ am Sonntag»: «Der massive Rückgang der Arbeitszeit dokumentiert den eindrücklichen Anstieg des Wohlstands in unserer Gesellschaft.» Trotz mehr Freizeit allerdings würden viele Menschen klagen, dass sie unter einem chronischen Zeitmangel leiden.

Nicht nur im Vergleich zu früher schneidet das Schweizer Volk fauler ab, sondern auch im internationalen. In vielen Ländern arbeiten die Angestellten im Schnitt mehr Stunden als bei uns, so etwa in Österreich (1608 Stunden), Grossbritannien (1674 Stunden) und insbesondere in den USA mit 1770 Stunden. Auf den tiefsten Wert kommen die Deutschen mit 1371 Stunden pro Jahr. Die Südkoreaner schuften gemäss «NZZ am Sonntag» für ihren Wohlstand gar 2213 Stunden – so viele waren es in der Schweiz letztmals im Jahre 1966.

(foa)

Erstellt: 09.07.2017, 06:45 Uhr

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