Sich zu wehren, kann riskant sein

Überstunden und Höchstarbeitszeit: Was das Arbeitsgesetz vorschreibt und wie Arbeitnehmende sich wehren.

60'000 Tonnen Brot bäckt Coop am Standort Schafisheim pro Jahr. Um die viele Arbeit zu bewältigen, müssen Angestellte oft Überstunden leisten. Foto: Christian Beutler (Keystone)

60'000 Tonnen Brot bäckt Coop am Standort Schafisheim pro Jahr. Um die viele Arbeit zu bewältigen, müssen Angestellte oft Überstunden leisten. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Der Detailhändler Coop lässt sein Personal regelmässig zu lange arbeiten. Das belegt ein internes Dokument,  das der «Blick» veröffentlicht hat. Demnach habe es allein in der Region Bern innerhalb eines Monats mehrere Hundert Verstösse gegen das Arbeitsgesetz gegeben. Die Verantwortlichen von Coop räumen ein, dass es sich dabei um keinen Ausreisser handle. Man sei aber bemüht, die Verstösse auf ein Minimum zu beschränken. 

Doch was sagt das Gesetz und was können betroffene Arbeitnehmende tun, um sich gegen überlange Arbeitszeiten zu wehren?

Wie lange dürfen Arbeitnehmende maximal arbeiten?

Laut Arbeitsgesetz beträgt die wöchentliche Höchstarbeitszeit je nach Branche und Beruf 45 oder 50 Stunden. Für das Verkaufspersonal in grossen Detailhandelsbetrieben sind es 45 Stunden. 

Sind Ausnahmen zulässig?

Ja, aber nur in Notsituationen oder bei aussergewöhnlichen Ereignissen. Auch saisonale Schwankungen wie etwa ein sehr hoher Arbeitsanfall in der Vorweihnachtszeit können dazu gehören. Da ist es zulässig, die Höchstarbeitszeit zu überschreiten. Man spricht dann von Überzeit. Die Arbeitnehmenden müssen diese eins zu eins kompensieren können. Geht das nicht, haben sie einen Zuschlag von 25 Prozent auf dem Lohn zugute.

Überzeit und Überstunden: Was ist der Unterschied?

Mit Überstunden ist die Mehrarbeit gemeint, die über der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit liegt. Hat jemand laut Vertrag eine wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden und muss die Person in einer Woche mal 43 Stunden arbeiten, so hat sie 3 Überstunden geleistet. Von Überzeit spricht man erst, wenn die wöchentliche Höchstarbeitszeit überschritten wird.

Ist es okay, wenn eine Verkäuferin regelmässig an 3 Tagen pro Woche 12 Stunden arbeiten muss, solange die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 45 Stunden eingehalten ist? Oder gibt es auch eine tägliche Höchstarbeitszeit?

Ja, die gibt es, doch niemand wisse so genau, wie hoch diese sei, sagt Thomas Geiser, emeritierter Rechtsprofessor der Universität St. Gallen. Das Gesetz sage lediglich, dass die tägliche Arbeitszeit inklusive Pausen innerhalb von 14 Stunden liegen müsse. Sind die minimalen Pausen eingehalten, dann ist laut Geiser auch eine tägliche Arbeitszeit von 12 Stunden zulässig.

Eine Verkäuferin, deren Arbeitstag um 6 Uhr beginnt, muss also spätestens um 20 Uhr nach Hause gehen können?

Ja. Zudem darf ihr nächster Arbeitseinsatz frühestens am darauffolgenden Tag um 7 Uhr beginnen. Denn zwischen zwei Arbeitseinsätzen müssen mindestens 11 Stunden liegen. 

Wenn die Arbeitgeberin weiss, dass sie regelmässig die Arbeitszeitvorschriften verletzt: Genügt es dann, wenn sie sich bemüht, die Verstösse auf einem Minimum zu halten? 

Laut Thomas Geiser reicht dies nicht. Akzeptabel wäre es nur, wenn die Arbeitgeberin sich darum kümmerte, die Verstösse zu verhindern. Arbeitgebende seien verpflichtet, die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen, etwa indem sie genügend Personal einstellten. 

Was können Angestellte tun, wenn sie wissen, dass ihr Arbeitgeber das Gesetz verletzt? 

Eine Möglichkeit wäre, sich direkt an die vorgesetzte Person zu wenden, sagt Geiser. Das setze aber voraus, dass das Arbeitsklima stimmt. Ist das nicht gegeben, dann könnten sich die betroffenen Arbeitnehmenden auch ans Arbeitsinspektorat wenden und den Gesetzesverstoss melden. Die Inspektorate sind verpflichtet, solchen Meldungen nachzugehen.

In der Praxis schrecken viele Arbeitnehmende davor zurück, sich zu wehren, weil sie fürchten, entlassen zu werden. Sind solche Befürchtungen berechtigt?

Das Risiko einer Entlassung ist relativ gering, wenn man sich ans Arbeitsinspektorat wendet. Denn dieses behandelt Meldungen von Arbeitenehmenden vertraulich. Der Arbeitgeber erfährt also nicht, von wem die Meldung stammt. Wenn sich Arbeitnehmende aber direkt gegenüber dem Arbeitgeber wehrten, dann bestehe tatsächlich ein gewisses Risiko, entlassen zu werden, sagt Thomas Geiser.

Darf mich der Chef einfach entlassen, wenn ich mich für meine Rechte wehre?

Eine solche Entlassung wäre missbräuchlich, nach geltendem Recht aber trotzdem gültig. Die Betroffenen können dann vor Gericht dagegen klagen und eine Entschädigung einfordern. Diese beträgt höchstens sechs Monatslöhne, in der Praxis sind es meist weniger.  Die Entschädigung kann also den Arbeitsplatzverlust kaum wettmachen. Andererseits könne man sich schon fragen, so Thomas Geiser, ob man tatsächlich bei einem Arbeitgeber bleiben wolle, der sich regelmässig nicht ans Gesetz halte.

Erstellt: 28.01.2020, 21:45 Uhr

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