Solarstromförderung nach Vorbild der EU

Die Schweiz soll Solaranlagen stärker mit marktnahen Mitteln wie Auktionen fördern. Das fordert eine Studie der Energie-Stiftung SES.

Er kritisiert mit der Studie den Bund: Rudolf Rechsteiner. Foto: Bieri (Keystone)

Er kritisiert mit der Studie den Bund: Rudolf Rechsteiner. Foto: Bieri (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Vorwurf an den Bundesrat ist hart. «Solar- und Windstrom haben sich in den letzten Jahren zur kostengünstigsten Technologie für die Stromproduktion entwickelt», sagt Energieexperte Rudolf Rechsteiner. «Doch die Schweiz liegt beim Anteil von Wind und Solar an der Stromproduktion auf Platz 26 in Europa», weit hinter Nachbarländern wie Deutschland, Italien oder Frankreich, die erneuerbare Energien forciert ausbauen.

Das Volk hat 2017 das Energiegesetz des Bundes angenommen. Wenn dieses eine Chance haben solle, müsse der Bund umgehend die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, damit sich für Investoren der Bau grosser Solaranlagen rechne, sagt Rechsteiner. Was tue der Bund stattdessen? Er lasse das Bundesamt für Energie das Förderprogramm kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) stoppen und lasse keine neuen Projekte mehr zu, obwohl das Programm noch bis 2022 vorab kleinere Anlagen hätte fördern dürfen. «Und dies, bevor eine Nachfolgeregelung auch nur diskutiert werden konnte», so Rechsteiner. Dabei sei der Förder­topf mit über 300 Millionen Franken Reserven übervoll.

Da der Bund bei den Förderbeiträgen seit längerem auf der Bremse stehe, sei das Wachstum an erneuerbaren Energien 2018 «auf den tiefsten Stand» seit zehn Jahren gefallen. Umso stossender sei, dass «es ausgerechnet für Grossanlagen, die bei Menge und Preis einen enormen Unterschied machen könnten, in der Schweiz keine guten Rahmen­bedingungen gibt», kritisiert Rechsteiner.

Im Ausland billiger ans Netz

In der Schweiz dominierten Kleinanlagen mit 10 bis 20 Kilowatt Leistung mit Kosten um 2000 Franken pro Kilowatt Leistung. Im benachbarten Ausland gingen Anlagen viel billiger ans Netz, ganz grosse Anlagen mit Kosten von 600 Euro pro Kilowatt Leistung. In der Schweiz seien in letzter Zeit nur zwei Solarwerke mit mehr als einem Megawatt Leistung in Betrieb gegangen, stellt Rechsteiner in seiner Studie «Zwischenbilanz beim Ausbau erneuerbarer Energien» im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung SES fest.

Ein Blick über die Grenze zeige, wie es anders funktionieren könnte. In Deutschland seien die Vergütungen für Solarstrom seit 2013 von mehr als 12 auf weniger als 6 Eurocents pro Kilowattstunde gefallen.

Auch die Schweiz könne mehr herausholen, glaubt Rechsteiner, wenn sie die «Finanzierung neuer Kraftwerke wie die meisten EU-Länder auf wettbewerbliche Ausschreibungen mit Marktprämien umstellt». Dort erhalte der Anbieter mit dem «billigsten Gebot» den Zuschlag, für 15 oder 20 Jahre jährlich eine bestimmte Menge Solarstrom zu liefern. Fällt der Preis im Markt unter die mittels Auktion festgestellte Preisuntergrenze, wird die Differenz entschädigt, eine Art Schutz gegen Preisschwankungen also.

Zuschlagpreis für Investoren

«Die Finanzierung neuer Kapazitäten wird dadurch entscheidend verbilligt, und die Gestehungskosten insgesamt werden tiefer gehalten als in der Schweiz», stellt die Studie fest. Steigt der Preis aber über einen bestimmten Wert, wird die Differenz vom Staat abgeschöpft. Investoren erhalten langfristig im Schnitt genau den in der Auktion ermittelten Zuschlagpreis.

In Deutschland etwa sind diese Zuschlagpreise in den neusten Auktionen nur noch wenig entfernt von den Tagespreisen für Solarstrom im Juni 2019 von knapp 5,5 Eurocents pro Kilowattstunde – umgerechnet sind das etwa 6 Rappen pro Kilowattstunde. Davon könnte auch die Schweiz profitieren, wenn sie auf grosse Anlagen setze – und den Förderbeitrag nicht mehr behördlich festlege, sondern die Anbieter sich in einer Auktion gegenseitig unterbieten lasse, um den Zuschlag zu erhalten.

Aber das bedingt, dass Grossanlagen speziell gefördert werden. «Denn grosse Solaranlagen, die neu gebaut werden, pro­duzieren heute fast immer billiger als konventionelle Kraftwerke oder Windanlagen, die neu in der gleichen Region entstehen», sagt Nils Epprecht, Geschäfts­leiter der Energie-Stiftung SES. ­Solarstrom für 5 Rappen pro Kilo­wattstunde sei heute in der Schweiz realistisch, stellte jüngst in einer anderen Studie Urs Muntwyler, Professor für Fotovoltaik an der Fachhochschule BFH in Burgdorf, fest. Immer vorausgesetzt, man baue grosse Anlagen mit mehreren Hundert Kilowatt oder gar mehreren Megawatt Leistung.

Flächen für Solarprojekte

Auch der Bund will auf Auktionen setzen, dabei aber nicht so weit gehen wie die Studie – die Gewinner sollen bloss eine Einmalvergütung bei Projektstart erhalten. Das reiche nicht, um die Investoren für Grossanlagen zu begeistern, befürchtet Rechsteiner. Es brauche beides: den Wettbewerb von Auktionen, der dafür sorgt, dass die Zuschlagpreise kräftig und stetig sinken – aber auch die Garantie, dass der billigste Bieter den von ihm offerierten Zuschlagpreis über die vereinbarte Laufzeit des Projektes erhält.

Ein rascher Zubau von Solarkapazität bedinge indes weiter, dass Private und die öffentliche Hand riesige brachliegende Flächen auf Gebäuden, an Strassen und Lärmschutzwänden für Solarprojekte gegen eine «Solarmiete» zur Verfügung stellen.

Erstellt: 11.11.2019, 22:25 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Firmen geben Gas bei Solar

Post, SBB, Coop: Auf Schweizer Firmendächern kommt es zu einem Solarboom. Weltweit wird sich die Produktion von Solarstrom in fünf Jahren verdoppeln. Mehr...

Lohnt sich Sonnenstrom für Hausbesitzer?

Recht & Konsum Ein Entscheid des Bundesgerichts könnte Solarpanels auf dem Eigenheim überall in der Schweiz zur lohnenswerten Investition machen. Mehr...

Nun kommt in der Klimapolitik die harte Arbeit

Kolumne Nach dem Wahlsieg für die grünen Kräfte muss das Parlament mit dem CO2-Gesetz nun Ergebnisse liefern. Und global denken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...