Streit eskaliert: St. Moritz entzieht Tourismus-Chefs das Vertrauen

Der Gemeindevorstand unter Christian Jott Jenny opponiert gegen den Verwaltungsrat der Tourismusorganisation.

Gewichtige Stimme: Die Gemeinde St. Moritz unter Präsident Christian Jott Jenny ist der mit Abstand grösste Aktionär der Engadin St. Moritz Tourismus AG Foto: Keystone

Gewichtige Stimme: Die Gemeinde St. Moritz unter Präsident Christian Jott Jenny ist der mit Abstand grösste Aktionär der Engadin St. Moritz Tourismus AG Foto: Keystone

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Die Mega-Hochzeit von Stavros Niarchos und Dascha Schukowa bringt dem Nobelort St. Moritz dieses Wochenende weltweite PR. Doch das Idyll trügt: Abseits des Anlasses wird mit harten Bandagen gekämpft – und zwar zwischen der Gemeinde St. Moritz unter Präsident Christian Jott Jenny und dem Verwaltungsrat der Engadin St. Moritz Tourismus AG (ESTM). Dieser geriet in die Kritik, nachdem er sich im September fristlos vom CEO getrennt und später ein Defizit von 600 000 Franken öffentlich gemacht hatte. Zum Aktionariat der ESTM gehören Gemeinden wie St. Moritz, Samedan, Pontresina oder Sils.

Nun eskaliert der Streit zwischen den Besitzern und der Tourismus AG: Der Verwaltungsrat hat diese Woche einen eingeschriebenen Brief des Gemeindevorstands St.Moritz bekommen. «Wir haben den Verwaltungsrat der ESTM AG informiert, dass das Vertrauen ins Gremium in den letzten Monaten erodiert und schliesslich ganz verschwunden ist», sagt Fabrizio D’Aloisio, Mediensprecher der Gemeinde St. Moritz. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem jetzigen Verwaltungsrat könne man sich deshalb nicht vorstellen.

Die Kritik der Hoteliers

Mit anderen Worten: St.Moritz – mit 34,4 Prozent der mit Abstand grösste Aktionär – entzieht dem Verwaltungsrat unter Präsident Marcus Gschwend das Vertrauen. Dieser hatte die Vertrauensfrage selbst in einem Schreiben an alle beteiligten Gemeinden gestellt – mit der Bitte um Antwort bis 20. Januar. Ob die gewichtigsten Gemeinden Jennys konfrontativen Kurs stützen, ist noch unklar. Laut Recherchen der SonntagsZeitung führte das Thema in den Gremien zu hitzigen Diskussionen.

Im Tal bestehen gegenseitige Abhängigkeiten. Verwaltungsratspräsident Marcus Gschwend sieht sein Gremium vorerst halbwegs gestützt: «Die Gemeinden, die sich bisher geäussert haben, haben uns bis auf St. Moritz ihr Vertrauen ausgesprochen. Der VR wird am 21. Januar sämtliche Rückmeldungen analysieren und die weiteren Schritte besprechen», sagt Gschwend.

Dennoch kann der Verwaltungsrat die Meinung des Hauptaktionärs nicht einfach ignorieren. Zumal sie von den Hoteliers der Region gestützt wird. So hat der Engadiner Hotelierverein eine Umfrage unter seinen Mitgliedern in den elf betroffenen Gemeinden gemacht, um die Stimmung gegenüber der Tourismusorganisation zu spüren. Das Resultat: Über 65 Prozent der Hoteliers finden, dass es im Verwaltungsrat Veränderungen brauche.

Nur gut ein Fünftel fand, der Verwaltungsrat mache einen guten Job. «Für die Hoteliers war befremdend, dass nur der Chef gehen musste im Zuge des finanziellen Lochs», sagt Christoph Schlatter, Präsident des Hoteliervereins St. Moritz. Er spricht auch für die Hoteliers des Engadins. Der Verwaltungsrat stehe ebenso in der Verantwortung, besonders Präsident Marcus Gschwend. Die Engadiner Hoteliers wollen ihren Einfluss auf die Zusammensetzung des Gremiums auch bei einer zur Diskussion stehenden Statutenrevision möglichst behalten. Bis dato haben sie Anrecht auf zwei Sitze.

Die Kündigung als Option

Wie es nach den Feedbacks der Gemeinden an die ESTM weitergeht, ist unklar. Marcus Gschwend verweist auf die Verwaltungsratssitzung nächste Woche: «Bei allen Überlegungen und Beschlüssen steht das Wohl der Gesamtdestination im Fokus.» Der Gemeindesprecher deutet an, dass eine weitere Konfrontation nicht ausgeschlossen wird: «St. Moritz kann seine Aktionärsrechte an der nächsten Generalversammlung bei den Wahlen wahrnehmen. Das Festhalten an einer regionalen Zusammenarbeit steht zwar nicht zur Diskussion, eine Kündigung des Leistungsauftrages unsererseits ist aber unter Umständen eine Option», so Fabrizio D’Aloisio.

Die Exekutive der Gemeinde will auch nicht, dass nächste Woche, wie angekündigt, ein neuer Geschäftsführer gewählt wird. Es sei wegen der laufenden Diskussionen der falsche Zeitpunkt für so einen tragenden Entscheid.

Früherer Chef droht dem Verwaltungsrat mit Klage

Ungemach droht dem Verwaltungsrat auch vonseiten des Ex-Tourismusdirektors Gerhard Walter. Dieser war alles andere als erfreut, als der Verwaltungsrat ihm in einem Communiqué vom 20. Dezember, in welchem das Defizit offenbart wurde, «mangelnde Führung» und «Kompetenzüberschreitung» vorwarf.

«Als ich gegangen bin, war von einem Defizit von 600'000 Franken keine Rede», sagt Walter. Dies sei erst im Nachhinein aufgebracht worden. Er habe bis heute keine Beweise dafür gesehen. Nun kommt es allenfalls schon nächste Woche zur Klage. «Wenn es nicht noch kurzfristig eine Einigung gibt, werde ich mich gerichtlich für meine arbeitsrechtlichen Ansprüche und gegen die rufschädigenden Äusserungen des Verwaltungsrates der ESTM wehren.»

Erstellt: 19.01.2020, 15:26 Uhr

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