Studie: Elektroautos sind doppelt so umweltfreundlich

Mit dreckigem Strom betrieben? Schädliche Akku-Produktion? Forscher widersprechen Vorurteilen bei der E-Mobilität.

Wie sauber sind Elektroautos wirklich? Experten sind sich uneinig. (Bild: Getty Images)

Wie sauber sind Elektroautos wirklich? Experten sind sich uneinig. (Bild: Getty Images)

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Für einige gelten Elektroautos als Hoffnungsträger für eine umweltfreundlichere Mobilität. Andere hingegen verweisen gerne auf die Schwachstellen derselben. Der Strom für Elektroautos komme doch ebenfalls aus fossilen Energiequellen, monieren Kritiker. Und die Herstellung der Akkus sei so umweltschädlich, dass man geradeso gut ein Benzin- oder Dieselauto fahren könne.

Mit solchen häufig gegen die Elektromobilität ins Feld geführten Argumenten räumt jetzt eine neue Studie der Freien Universität Brüssel auf. Die beteiligten Wissenschaftler haben den ganzen Lebenszyklus eines Elektroautos betrachtet, also auch dessen Fertigung, die Batterieherstellung und den gesamten Energieverbrauch miteinbezogen.

Das Resultat: Elektroautos verursachen nicht einmal halb so viele Treibhausgase wie Dieselfahrzeuge. Denn im Gegensatz zu herkömmlichen Wagen produzieren sie während des Fahrens kein CO2, was bei Dieselautos 75 Prozent der gesamten Emissionen ausmacht. Dafür generieren die Herstellung des Lithium-Ionen-Akkus und vor allem die Stromproduktion Schadstoffe. 68 Prozent der Umweltbelastung fallen bei der Herstellung der Energie an, welche die Elektroautos antreibt.

Insgesamt kommen die Forscher auf etwa 90 Gramm CO2 pro Kilometer, die ein Elektroauto durchschnittlich während seines Lebenszyklus produziert. Das ist eine Einsparung von 55 Prozent gegenüber einem Dieselfahrzeug. Entscheidend für die Bilanz ist aber der Strommix. Je grösser der Anteil erneuerbarer Energien im Strom, desto grösser ist der ökologische Vorteil von Elektroautos.

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Beim Strommix gibt es je nach Land erhebliche Unterschiede. In Polen beispielsweise ist der Anteil von Kohlekraftwerken an der Energiegewinnung besonders gross. Den Treibhausgas-Fussabdruck des Landes schätzen die Autoren der Arbeit auf 650 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Trotzdem gehen sie davon aus, dass ein Elektroauto selbst hier noch 25 Prozent umweltfreundlicher ist. In Deutschland (410 Gramm CO2/kWh) beträgt der Umweltbonus demnach 45 Prozent und in Schweden, das viel Strom aus alternativen Energiequellen erzeugt, gar 85 Prozent.

Gemäss der Untersuchung verursachen Elektroautos also signifikant weniger Treibhausgase als Dieselfahrzeuge, selbst wenn sie mit Strom aus mehrheitlich kohlenstoffintensiver Energieproduktion angetrieben werden. Ausserdem gehen die Forscher davon aus, dass die Stromherstellung in den nächsten Jahren fortlaufend weniger CO2 verursachen wird und es auch nicht zu Engpässen bei den Rohstoffen zur Produktion der Batterien kommen wird, wie Kritiker warnen. Laut der Studie ist die Verfügbarkeit wichtiger Metalle wie Kobalt oder Lithium «in den kommenden Jahrzehnten» nicht eingeschränkt. Bei letzterem etwa reichten die Reserven für gut 185 Jahre. Die Elektrorevolution werde an diesem Punkt also nicht scheitern, zumal künftige Batterien wohl weniger natürliche Rohstoffe erforderten.

Diese Erkenntnisse sind indes mit Vorsicht zu geniessen. Denn hinter der Studie der Freien Universität Brüssel steckt die Forschungsgruppe Mobi, die sich selbst als führend im Bereich der Elektromobilität bezeichnet. Zudem hat sie die Untersuchung im Auftrag der Denkfabrik Transport & Environment durchgeführt, einer Dachorganisation von nicht staatlichen europäischen Organisationen aus dem nachhaltigen Verkehrsbereich. Es handelt sich also um Organisationen, welche die Umstellung auf Elektromobilität klar befürworten und fördern.

Andere Studien mit anderen Ergebnissen

Hinzu kommt, dass andere Studien zu anderen Ergebnissen gekommen sind. Das deutsche Umwelt- und Prognoseinstitut berechnete zum Beispiel, dass ein Elektroauto fast gleich viel CO2-Emissionen wie ein Benzin- oder Dieselwagen verursacht, sofern es mit dem durchschnittlichen Strommix in Deutschland unterwegs ist. Laut einer Untersuchung des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) ist die Treibhausgasbilanz von Elektroautos, die mit dem europäischen Strommix angetrieben werden, nur 20 Prozent besser als diejenige von herkömmlichen Autos – und nicht 55 Prozent, wie in der neuen Studie angezeigt.

Experten sind sich uneinig in der Frage, wie gross das Einsparungspotenzial eines Elektroautos tatsächlich ist. Dass es grundsätzlich eine bessere Ökobilanz aufweist als ein Fahrzeug mit einem Verbrennungsmotor, scheint aber unbestritten. Je nach Strommix ist die Bilanz auch gemäss der TA-Swiss-Studie deutlich besser. In der Schweiz, wo die Wasserkraft das Rückgrat der Stromversorgung bildet, liegt die Treibhausgasbilanz konventioneller Verbrennungsmotoren demnach um rund 70 Prozent über jener von Elektroautos. Noch besser sieht es natürlich aus, wenn das Elektroauto gänzlich mit Strom aus erneuerbaren Quellen geladen wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2017, 11:06 Uhr

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