Supermärkte sollen Medikamente verkaufen

In der Schweiz gibt es Arzneien nur in Apotheken und Drogerien. Ein politischer Vorstoss will das nun ändern.

Medikamente gibt es vorerst weiterhin nur in der Apotheke. Foto: Keystone

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Apotheker und Drogisten können sich freuen. Der Verkauf von pflanzlichen Abführmitteln, Rheumapräparaten, Mitteln gegen Sodbrennen, Haarwuchsmitteln und den meisten anderen rezeptfreien Medikamenten bleibt fest in ihrer Hand. Detailhändler wie die Migros hatten gehofft, solche Mittel in der Selbstbedienung in ihren Läden anbieten zu können. Doch Swissmedic, die Aufsichtsbehörde für Arzneimittel, hat sich dagegen entschieden.

Nun regt sich Widerstand. FDP-Ständerat Ruedi Noser hat diese Woche eine Motion eingereicht. Sie hat zum Ziel, den Verkauf rezeptfreier Arzneimittel auch in Supermärkten zu ermöglichen. Dabei sollen die Erfahrungen in Ländern wie Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden als Referenz herangezogen werden. Arzneien, die dort seit mindestens 10 Jahren ohne Sicherheitsprobleme frei abgegeben werden, sollen auch in der Schweiz überall verkäuflich sein.

Noser kritisiert den restriktiven Entscheid der Swissmedic. «Es gibt keinen Grund, warum man den gut informierten Schweizer Bürgern unbedenkliche Heilmittel im Detailhandel vorenthalten sollte. Das ist eine völlige Bevormundung.» Im Ausland seien viele solcher Medikamente schon seit Jahren ohne negative Folgen in der Selbstbedienung erhältlich.

Unabhängigkeit von Swissmedic infrage gestellt

Swissmedic hatte vom Bundesrat den Auftrag erhalten, die Selbstmedikation und den Zugang zu Arzneimitteln zu erleichtern. Von 540 begutachteten Medikamenten wurden allerdings nur wenige in die Kategorie E der frei verkäuflichen Medikamente umgeteilt. Dabei handelt es sich vor allem um Tees und Hustenpastillen.

Swissmedic kam zum Schluss: «Die meisten der überprüften Medikamente eignen sich nicht für die Selbstbedienung.» Für deren richtige Anwendung brauche es zwingend eine Fachberatung. Auch homöopathische Mittel bleiben Apotheken und Drogerien vorbehalten, weil sie Teil eines ganzheitlichen Therapienkonzepts seien.

Unzufrieden mit dem Ergebnis sind Konsumentenschützer. «Wir sind vom Entscheid der Swissmedic enttäuscht. In der Schweiz ist mehr Wettbewerb dringend nötig, damit die Preise von frei verkäuflichen Medikamenten sinken», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin vom Konsumentenschutz.

Sie kritisiert auch die Heilmittelbehörde selbst. «Die Swissmedic hat unseres Erachtens sehr zugunsten der Apotheken entschieden. Da stellt sich die Frage, wie unabhängig das Institut tatsächlich ist.» Ruedi Noser sieht das ähnlich: «Es ist fraglich, ob Swissmedic unabhängig entscheiden konnte. Die Vertreter von Apotheken, Drogerien und Lieferanten hatten grossen Einfluss beim jüngsten Entscheid.»

Migros: «Swissmedic agiert nicht unabhängig»

Swissmedic entgegnet, die wissenschaftliche Beurteilung beruhe auf klaren, bekannten Kriterien. Die Behörde stützt sich auf eine neunköpfige Expertenkommission, welche eine Umteilung der Arzneien in den freien Verkauf beurteilte. Vertreter von Apotheken, Drogerien, Herstellern und Ärzten waren dort klar in der Überzahl. Der Detailhandel hatte nur eine Stimme.

Der Grossverteiler Migros kritisiert die Heilmittelbehörde scharf. «Der Entscheid hat gezeigt: Die Swissmedic agiert nicht unabhängig. Sie hätte die Zuteilung genauso gut direkt an die Branchenschützer delegieren können», sagt Martin Schläpfer, Leiter Wirtschaftspolitik der Migros. Der Detailhändler hatte deutlich günstigere Preise als bei Apotheken und Drogerien in Aussicht gestellt, falls Medikamente in die Regale seiner Supermärkte kommen.

Migros greift Apotheken-Gruppe an

Migros-Mann Schläpfer nimmt im Gerangel um frei zugängliche Medikamente auch die Apotheken-Gruppe Galenica ins Visier. «Die Branchenschützer haben sich zu einem Kartell zusammengeschlossen und verhindert, dass unbedenkliche Medikamente in den Detailhandel kommen. Dazu gehört die Spinne im Netz, Galenica.» Das Unternehmen weist den Vorwurf von sich. «Die Galenica-Gruppe war in den Entscheid der Behörde Swissmedic zur Umteilung der Medikamente nicht involviert», sagt ein Sprecher.

Eine Liberalisierung des Medikamentenverkaufs hätte die hohen Margen der Apotheken und Drogerien gefährdet und Galenica besonders hart getroffen. Das Unternehmen betreibt das grösste Apothekennetzwerk der Schweiz und beliefert als Grossist auch unabhängige Apotheken, Drogerien und Spitäler.

Die Migros, deren Chef Fabrice Zumbrunnen Aktivitäten um das Thema Gesundheit als strategischen Eckpfeiler sieht, hat derweil einen anderen Weg gefunden, um am lukrativen Geschäft mit Medikamenten mitzuverdienen. Jüngst hat der Grossverteiler die Übernahme der Topwell-Apotheken bekannt gegeben. Diese beschäftigt an ihren 40 Standorten in der Deutschschweiz mehr als 600 Mitarbeiter.

Migros-Konkurrent Coop wollte sich zum jüngsten Entscheid der Swissmedic nicht äussern. Coop betreibt bereits seit einigen Jahren die Apothekenkette Vitality – zusammen mit Galenica.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.12.2018, 23:23 Uhr

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