Tabubruch: Jetzt auch in der Schweiz negative Hypozinsen

Unsere Umfrage bei allen 24 Kantonalbanken zeigt, dass zwei bereits Geld für Kredite bezahlen – in Spezialfällen.

Die Zuger Kantonalbank hat den Schritt hin zu negativen Hypozinsen «in Einzelfällen» gewagt: Blick über die boomende Stadt am Zugersee. Foto: Alessandro Della Bella/Keystone

Die Zuger Kantonalbank hat den Schritt hin zu negativen Hypozinsen «in Einzelfällen» gewagt: Blick über die boomende Stadt am Zugersee. Foto: Alessandro Della Bella/Keystone

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Im Schweizer Hypothekarmarkt halten Bankkredite mit negativem Zins Einzug. Bislang handelt es sich zwar nur um vereinzelte massgeschneiderte Transaktionen mit Unternehmen, aber der Tabubruch ist vollzogen.

In einer Umfrage dieser Zeitung bei allen 24 Kantonalbanken haben jene von Zug und Graubünden eingeräumt, in Einzelfällen Hypothekarkredite mit Minuszinsen gewährt zu haben. Ein Tabubruch. In gewissen Ausnahmesituationen vergeben sie Hypothekarkredite zu Minuszinsen. «Ja, in Einzelfällen», antwortet Carmen Wyss, Sprecherin des Zuger Instituts, auf eine entsprechende Anfrage.

Ihr Kollege bei der Bündner Staatsbank, Thomas Müller, sagt zur gleichen Frage: «Bei institutionellen Kunden mit sehr grossem und gleichzeitig sehr kurzfristigem Finanzierungsbedürfnis können bei der GKB, je nach aktueller Refinanzierungssituation, Minuszinsen zur Anwendung kommen.» Beide Banken lehnten es ab, ihre Äusserungen zu ergänzen und zu präzisieren, etwa welche Kundengruppen in den Genuss negativer Zinsen bei Hypothekarkrediten kommen.

Dass Schuldner mit hoher Bonität gar Geld von der Bank bekommen, wenn sie eine Hypothek aufnehmen, bestätigt auch die Pensionskasse der Post: «Wir kommen des Öfteren nicht zum Zuge, weil wir keine Hypothekarkredite zu Null- und Negativzinsen vergeben», sagt Geschäftsführerin Françoise Bruderer Thom.

Keine flächendeckenden Negativzinsen zu erwarten

Mit anderen Worten: Anbieter von Hypotheken, die auf einem (minimalen) Zinssatz bestehen, sind nur mehr bedingt wettbewerbsfähig. «Dass im Markt dieser Druck besteht, ist offensichtlich», ergänzt Bruderer Thom. Aus Sicht eines einzelnen Kreditinstituts kann es durchaus Sinn machen, massgeschneiderte, mit einem Grundpfand gesicherte Immobilienfinanzierungen zu einem Zinssatz von –0,2 bis –0,35 Prozent zu akzeptieren.

Einerseits stehen die Zeichen angesichts der lahmenden Konjunktur auf weiter sinkende Zinssätze im In- und Ausland. Für die gleiche Transaktion dürften somit bereits in einigen Wochen oder Monaten womöglich Zinssätze von –0,4 bis –0,5 Prozent im Markt offeriert werden. Anderseits kommt es eine Bank günstiger zu stehen, eine Hypothek zu einem geringen Negativzins zu vergeben, als das ungenutzte Geld bei der Schweizerischen Nationalbank zu parkieren und dafür einen Negativzins von –0,75 Prozent zu zahlen. Das gilt vorab für Akteure, die hohe Geldzuflüsse verzeichnen.

Umfrage

Negative Zinsen: Das ...





Allerdings haben in der Umfrage die meisten übrigen Kantonalbanken – darunter jene von Zürich, Bern, den beiden Basel, Waadt und Genf – die Vergabe von Hypothekarkrediten zu Null- und Minuszinsen verneint. Die Institute von St. Gallen, Luzern, Schwyz und Uri wollten keine Stellung nehmen.

Für Sparguthaben ab 500'000 Franken verlangen einzelne Geldinstitute bereits Negativzinsen.

Auch Moneypark, nach eigener Aussage der führende unabhängige Vermittler von Hypotheken hierzulande, geht davon aus, dass «die Hypothekarzinsen (...) bei der breiten Masse der Hypothekaranbieter im positiven Bereich bleiben» würden. Ausgenommen davon seien, so heisst es in einer in der letzten Woche veröffentlichten Analyse, «Spezialfälle und Einzelgeschäfte, welche zwischen zwei Grossparteien individuell vereinbart und abgewickelt werden». Gemeint sind damit just solche massgeschneiderten Transaktionen, wie sie die Zuger und die Graubündner Kantonalbank offenbar bereits umgesetzt haben.

Nach Einschätzung von Moneypark können die Hypothekarzinsen nicht unbegrenzt sinken, solange die Schweizer Banken auf den Sparguthaben keine Negativzinsen auf breiter Front verlangten. Diesbezüglich erwartet die Tochter der Helvetia-Versicherungen keinen Dammbruch: Aktuell würden es die Banken nicht wagen, flächendeckend Negativzinsen für Sparkonti einzuführen, meinen die Autoren der Analyse. Für Sparguthaben ab 500'000 Franken verlangen einzelne Geldinstitute bereits Negativzinsen.

Behält Moneypark recht und rutschen die Sparzinsen für das Gros der Kunden nicht unter die 0-Prozent-Schwelle, geht jede weitere Ermässigung des Hypothekarzinses mit einer engeren Gewinnmarge für die Banken einher. Das betrifft besonders die schwergewichtig im Schweizer Markt tätigen Anbieter, die ihre Hypotheken überwiegend mit Spargeldern finanzieren.

Banken tendieren zu langfristigen Hypotheken

Was aber, wenn der Zins- und Margendruck noch zunimmt? In diesem Fall könnten die Banken versucht sein, ihre Kunden verstärkt in Hypotheken mit Laufzeiten von mehr als zehn Jahren zu lenken, vermuten die Analysten von Moneypark. Mittels einer entsprechenden Ausweitung des Angebots könnte «dem Margenschwund, zumindest kurzfristig, Einhalt geboten werden».

Verschiedene Kantonalbanken haben denn auch mittlerweile 11- bis 15-jährige Hypotheken im Angebot. Wenn man diesen Trend positiv werten will, zeigt sich darin das Bemühen der Institute um eine lange Kundenbindung. Realistischer ist jedoch wohl eine andere Betrachtungsweise: Die Bereitschaft als Anbieter, den Hypozins für einen so weiten Zeitraum auf einem so tiefem Niveau zu fixieren, macht nur Sinn, wenn man schon froh ist, diese bescheidene Rendite ins Trockene zu bringen. Wirtschaftliche Zuversicht sieht anders aus.


In Dänemark sind negative Hypozinsen für Private Realität

Das Bau-Geld ist günstig und es wird viel gebaut: Wohnungen im Universitäts-Quartier von Kopenhagen. Foto: iStock

Minus 0,3 Prozent beim Ausleihen von Geld fürs Eigenheim: In Dänemark steht die Zinswelt kopf. Wer im skandinavischen Land bestimmte Arten von Hypotheken für den Hauskauf aufnimmt, erhält von der Bank einen Zins gutgeschrieben, statt dass sie dem Schuldner einen belastet. Solche Negativzinsen zeigen sich am deutlichsten bei Hypotheken mit einer variablen Verzinsung mit kurzen Fristen.

Noch ist es allerdings auch in Dänemark nicht so, dass Hypothekarnehmer von den Banken netto Geld erhalten. Das liegt daran, dass die Gebühren, welche die Banken für ihre Abwicklung verlangen, die Negativzinsen weiterhin übertreffen. Die Höhe der Gebühren für die Hypothekenvergabe hat in Dänemark jüngst gar das oberste Gericht beschäftigt. Die Wettbewerbsbehörde macht dafür eine geringe Wettbewerbsintensität zwischen den Banken verantwortlich.

Deutlich im negativen Bereich liegen die entsprechenden Sätze ohnehin nicht. Laut verschie­denen Presseberichten sind sie mit Werten zwischen minus 0,04 und minus 0,3 Prozent noch immer nahe der Nullzinsgrenze.

Die Negativzinsen in Dänemark sind nicht auf Entscheide von Banken zurückzuführen, sondern auf die Struktur des dortigen Marktes. Die Banken sind in der Regel nur die Zwischenhändler der Hypotheken. Sie beziehen die Mittel dafür von Investoren, denen sie dafür Anleihen verkaufen. Diese Anleihen sind durch die Hypotheken abgesichert. Die Hypothekarzinsen ergeben sich dann aus den Auktionen solcher Anleihen. Für bis zu fünfjährige Hypotheken haben sich auf diese Art bereits negative Zinssätze ergeben.

Die Entwicklung in Dänemark hat aus Sicht der Schweiz eine grosse Bedeutung, weil die beiden Länder mehrere Gemeinsamkeiten aufweisen. Wie die Schweiz ist das skandinavische Land nicht Mitglied der Währungsunion und hat mit der Krone eine eigene Währung. Als EU-Land ist Dänemark wie die Schweiz (die nicht dazugehört) stark interessiert, dass die Krone zum Euro nicht aufgewertet wird. Wie der Franken gilt auch die Krone als sicherer Hafen. Anders als die Schweizer Nationalbank kennt die Notenbank Dänemarks nicht einmal ein Inflationsziel – die Stabilität zum Euro geht dort über alles.

Lehren für die Schweiz lassen sich auch ziehen, weil kein Land der Welt bereits so lange einen negativen Leitzins kennt wie Dänemark. Die dänischen Verhältnisse könnten sich verzögert auch bei uns zeigen. (red)

Erstellt: 22.07.2019, 21:32 Uhr

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