Trotz sinkendem Bierdurst steigt die Zahl der Brauereien

Der Branchenverband rechnet mittelfristig mit einer weiteren Zunahme. Die Hürden für Einsteiger sind tief.

Früher ein typisches Arbeiter-, heute ein typisches Szenegetränk: Bier. Foto: Reuters

Früher ein typisches Arbeiter-, heute ein typisches Szenegetränk: Bier. Foto: Reuters

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Der Bierkonsum in der Schweiz ist weiter gesunken. Mit 55 Litern erreichte der Pro-Kopf-Konsum im vergangenen Braujahr einen neuen Tiefstand. Im Vorjahreszeitraum war es noch ein halber Liter mehr gewesen. «Noch nie wurden in der Schweiz so wenige alkoholhaltige Getränke getrunken wie heute», bilanzierte der Direktor des Schweizer Brauereiverbands (SBV), Marcel Kreber, gestern.

Insgesamt rannen im vergangenen Braujahr noch 462 Millionen Liter Bier durch Schweizer Kehlen. Dies sind rund 0,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Vor allem der verregnete Frühling und Frühsommer hätten Spuren beim Konsum hinterlassen. «Das Wetter ist der wichtigste Verbündete des Brauers», so Kreber. Auch der warme Spätsommer und die Fussball-Europameisterschaft reichten nicht aus, um das entgangene Geschäft auszugleichen. Kreber sagte, dass der Effekt einer Europameisterschaft bloss im Promillebereich liege. Zudem gelte, dass der Bierkonsum an einer Europameisterschaft eng an die Leistung der eigenen Nationalmannschaft geknüpft sei. Als am Turnier in Frankreich für die Schweizer Mannschaft im Achtelfinale Schluss war, wurde weniger Bier getrunken.

Verändertes Trinkverhalten

Der Rückgang des Alkoholkonsums habe auch mit dem veränderten Trinkverhalten zu tun. So werde etwa beim Mittagessen immer weniger Bier getrunken, ­erklärte Kreber. Beispielsweise würden die Leute bei Geschäftsessen zunehmend Wasser oder Süssgetränke bestellen. Die wachsende Bevölkerung sorgt allerdings dafür, dass der Absatz nicht noch stärker zurückgeht.

Während immer weniger Bier getrunken wird, steigt die Anzahl der Brauereien deutlich an: Gab es in der Schweiz in den 90er-Jahren nur noch rund drei Dutzend Brauereien, ist deren Zahl mittlerweile auf 739 angestiegen. Allein in diesem Jahr sind laut der SBV-Statistik über 120 neue Betriebe entstanden. Als Braustätte gilt, wer Bier verkauft oder berufs- oder hobbymässig mehr als ­ 400 Liter braut oder diese verkauft. Wer eine geringere Menge braut, muss keine Steuern entrichten und wird in der Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung nicht erfasst.

Infografik: Boom der Brauereien in der Schweiz Grafik vergrössern

Die Brauerei-Hausse hat mehrere Ursachen. Ein wichtiger Grund sei die liberale Gesetzgebung, sagt SBV-Direktor Kreber. Die Einstiegshürden in der Schweiz sind niedrig. Beispielsweise schreibt der Gesetzgeber keine abgeschlossene Berufsausbildung für die Gründung einer Brauerei vor. Hinzu kommt, dass sich das Image von Bier in den vergangenen Jahren gewandelt hat – vom Arbeitergetränk zum Szenegetränk. Dazu beigetragen hat die aus den USA hinübergeschwappte Bewegung der unabhängigen, kleinen Bierbrauer, die sogenannte Craft-Beer-Bewegung.

Der Verband der Bierbrauer geht davon aus, dass der Boom die nächsten Jahre anhalten wird. Doch es sei auch klar, dass eine Zeit der Konsolidierung einsetzen werde. Es liege in der Natur der Sache, dass einige Hobbybrauer wieder aufgeben würden.

Mengenmässig fristen die kleinen Brauereien ein Nischendasein. Rund 99 Prozent des Schweizer Biers wird von 49 Brauereien gebraut. Diesen Grossbrauereien ist gemeinsam, dass sie alle über 100'000 Liter Bier herstellen.

Die inländischen Brauereien ringen weiterhin mit einem sinkenden Marktanteil. Im zurückliegenden Jahr lag dieser noch bei 74,3 Prozent und damit ­ 0,1 Prozent unter dem des Vorjahres. Die Bierimporte haben hingegen um 0,3 Prozent abgenommen, hiess es.

80 Prozent Lagerbier

Die Nachfrage der Konsumenten nach neuen Biersorten hinkt dem Angebot noch hinterher. Das helle Lagerbier (filtriert oder trüb) beherrscht nach wie vor den Markt. Lagerbier machte gemäss Angaben des Schweizer Brauereiverbands im vergangenen Jahr rund 80 Prozent des Bierkonsums aus. Spezialbiere, die oft etwas stärker gehopft sind, kamen auf gegen 10 Prozent Marktanteil. Und die Spezialitätenbiere, die meist obergärig sind und einen höheren ­Alkoholgehalt aufweisen als Lagerbiere, erreichen erstmals einen Anteil von 10 Prozent.

Viele Schweizer Brauereien und deshalb auch ihr Branchenverband bilanzieren nicht zum Jahreswechsel, sondern bereits im Herbst. Das Braujahr startet jeweils am 1. Oktober und endet am 30. September. Die Abweichung vom normalen Kalenderjahr habe ihren Ursprung bereits im Mittelalter, heisst es beim Verband. Da es in früheren Zeiten keine künstliche Kühlung gab, durfte das wärmeempfindliche Bier nur in der kalten Jahreszeit zwischen Michael (29. September) und Georg (23. April) gebraut werden. Der 30. September halte sich deshalb für viele Betriebe bis heute als Bilanzstichtag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2016, 22:55 Uhr

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