Uhrenindustrie stellt sich auf bessere Zeiten ein

Nach drei Jahren des Stellenabbaus beschäftigen die Uhrenhersteller mehr Temporäre – ein Zeichen dafür, dass die Geschäfte wieder besser laufen.

Uhrenbauer: Die Branche lebt wieder auf. Foto: Michele Limina (Bloomberg / Getty Images)

Uhrenbauer: Die Branche lebt wieder auf. Foto: Michele Limina (Bloomberg / Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für die drittgrösste Exportbranche der Schweiz zeichnet sich bei der Beschäftigung ein Ende der Durststrecke ab. Wie der Arbeitgeberverband der Uhrenindustrie bestätigt, stellen die Manu­fakturen hierzulande wieder Mitarbeiter ein. Zwar handelt es sich vor allem um Temporäre. Aber: «Wir kennen das gut: Wenn die Geschäfte besser laufen, beschäftigt die Branche zuerst Zeitarbeiter und dann Angestellte mit unbefristeten Arbeitsverträgen», sagt François Matile, Generalsekretär des Verbands. Das deute auf eine allgemein günstige Ausgangslage für den Arbeitsmarkt in der Uhrenindustrie hin.

Die Branche hat gerade drei schwierige Jahre mit rückläufigen Verkäufen hinter sich gebracht. Erst seit der zweiten Jahreshälfte 2017 zeichnet sich ein Aufschwung ab, der zumindest im ­Januar angehalten hat. Die Kauflust der Konsumenten in Asien kehrt zurück. Eine aufkommende Mittelschicht im wichtigen Markt China leistet sich wieder vermehrt Schweizer Uhren. Mit Blick auf die Schaffung neuer Stellen in der Schweizer Uhrenindustrie sagt Matile: «2018 wird sich der Arbeitsmarkt stabilisieren und vielleicht sogar an Fahrt aufnehmen.»

Swatch schafft neue Stellen

Beim weltweit grössten Uhrenhersteller Swatch Group mit Sitz in Biel tönt es zuversichtlicher. «Das Unternehmen wird auch dieses Jahr wachsen», sagt Sprecher Bastien Buss. «Natürlich werden wir neue Stellen schaffen.» Einzig das Ausmass sei unmöglich abzuschätzen, «wir haben leider keine Kristallkugel». Nur eines sei klar: Die Swatch Group sei auf neue Leute und neue Maschinen für «sehr viele» ihrer Geschäftsbereiche und Marken angewiesen. Zum Unternehmen gehören Marken wie Omega, Longines, Swatch und Certina.

Landesweit beschäftigt die Branche 55?000 Mitarbeiter. Ein bedeutender Arbeitgeber ist die Uhrenindustrie im ­Jurabogen: In den Kantonen Bern, Neuenburg und Genf sind zwei Drittel aller Arbeitsplätze angesiedelt. Umso schwerer traf der Einbruch der Uhrenexporte diese Region. Im Zeitraum von 2014 bis 2017 haben die Uhrenhersteller in der Schweiz rund 4000 Stellen abgebaut. Etwa die Hälfte erfolgte durch Kündigungen, die andere Hälfte durch Nichtersetzen von Abgängen. Öffentlich bekannt wurden Entlassungen beim Genfer Luxusgüterkonzern Richemont (Vacheron Constantin, Piaget, Cartier) und bei der Neuenburger Marke Vulcain.

«Ich schlage sicher nicht diesen verrückten Weg ein, Personal abzubauen und neun Monate später dieselben Leute wieder einzustellen.»Nick Hayek

Die Swatch Group verzichtete auf Entlassungen, hielt sich aber bei Neueinstellungen zurück. «Ich schlage sicher nicht diesen verrückten Weg ein, in meinen Fabriken Personal abzubauen und damit den Produktionsfluss zu stören und nur neun Monate später dieselben Leute wieder einzustellen», sagte Konzernchef Nick Hayek im Juli 2016.

Die Gründe für die Krise waren vielfältig: Der starke Schweizer Franken wirkte sich negativ auf die Verkäufe im Ausland aus. Zudem bremste die Angst vor terroristischen Anschlägen den ­Einkaufstourismus von chinesischen Kunden im Ausland. Weiter setzte der US-Technologiekonzern Apple mit der Lancierung seiner Smartwatch die Schweizer Uhrenindustrie im unteren Preissegment unter Druck.

Arbeitsmarkt wird überwacht

Doch kann die Branche überhaupt auf genügend qualifizierte Berufsleute zurückgreifen, sollte sie wieder rasch Personal einstellen müssen? Die Situation auf dem Arbeitsmarkt habe sich ver­ändert, sagt François Matile vom Arbeitgeberverband. Heute seien zwei Drittel aller Arbeitnehmer gut ausgebildet. Vor einer Generation habe dieser Anteil noch bei einem Drittel gelegen.

Zudem überwacht der Arbeitgeberverband die Beschäftigung, um die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften richtig einschätzen zu können. «Schliesslich bietet die Uhrenindustrie attraktive Arbeitsbedingungen an», sagt Matile. «Deshalb zieht sie auch gut ausgebildete Mitarbeiter aus anderen Wirtschaftszweigen an.»

Für Branchenkenner René Weber von der Privatbank Vontobel ist ebenfalls kein Fachkräftemangel in Sicht. Der Finanzanalyst rechnet nicht mit einem schnellen Boom bei den Arbeitsstellen. Zwar sagt Weber für das laufende Jahr bei den Uhrenexporten eine wert­mässige Zunahme von vier Prozent auf knapp 21 Milliarden Franken voraus. Selbst wenn diese Prognose eintreffen sollte, läge das Wachstum jedoch «weiterhin deutlich hinter den Rekordwerten aus dem Jahr 2014». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2018, 20:15 Uhr

Artikel zum Thema

Apple Watch überflügelt Schweizer Uhrenindustrie

Digital kompakt Im Weihnachtsgeschäft lief es dem Computerkonzern besser als Rolex, Omega und Swatch zusammen. Plus: Island verbraucht mehr Strom für Bitcoins als für Haushalte. Mehr...

Big Data zwischen Start und Ziel

Am Samstag beginnen die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang. Die Schweizer Luxusuhrenmarke Omega führt neue Technologien für die Zeitmessung ein. Mehr...

Warum die Schweiz hier hergestellte Uhren importiert

Die Schweizer Uhrenhersteller kaufen ihre eigenen Produkte zurück. Das hat mit den Eigenheiten des Markts für Luxusartikel zu tun. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Schmuckes Flechtwerk

Mamablog Von Erstgeborenen und Nesthäkchen

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.