Umstrittene Rolle der Banken im Fall Jörg Rappold

Der verstorbene FDP-Anwalt konnte Millionen vom Konto einer Klientin abbuchen. Deren Anwalt prüft nach Rappolds Tod Schadenersatzforderungen.

 Jörg Rappold war ein prominenter Zürcher FDP-Exponent. Foto: Keystone, STR

Jörg Rappold war ein prominenter Zürcher FDP-Exponent. Foto: Keystone, STR

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Der Zürcher Wirtschaftsanwalt Jörg Rappold stürzte über Nacht vom Sockel eines angesehenen FDP-Aushängeschilds. Mitte Januar anerkannte er, einer Klientin und jahrzehntelangen Familienfreundin 15 Millionen Franken zu schulden. Anfang Februar verstarb Rappold. Die Polizei ermittelte wegen eines «aussergewöhnlichen» Todesfalls. Seine Familie schlug das Erbe aus. Am 12. Mai eröffnete das Betreibungsamt Küsnacht den Konkurs über die Erbschaft.

Fünf Monate nach den dramatischen Ereignissen, die bei Rappolds vielen Freunden in Politik, Medien und Wirtschaft eine Welt zum Einsturz brachten, stellen sich neue Fragen. Sie betreffen die Rolle der Banken im Fall des ehemaligen, langjährigen Zürcher Kantonsrats und Ex-Mitglieds des Verfassungsrats.

Eine besondere Beziehung gibt es zur Zürcher Privatbank Rahn & Bodmer, die seit 1750 existiert und sich als älteste Bank von Zürich bezeichnet. Rahn & Bodmer war eine der Hausbanken von L. B., die ihr Vermögen von ihrem 2008 verstorbenen Mann geerbt hatte. Daneben gab es ein Aktiendepot bei der Grossbank UBS. Später kam noch die Bank Lienhardt ins Spiel, eine andere Zürcher Privatbank.

Blindes Vertrauen der Klientin

L. B. war alles zuwider, was mit Geldverwalten zu tun hatte. Wie von ihrem Ehemann empfohlen, beauftragte sie deshalb nach dem Ableben ihres Gatten den gemeinsamen Freund Jörg Rappold. ­Dieser sollte sich um das vom Werber erwirtschaftete Vermögen kümmern. Rappold liess sich nicht zweimal bitten. Statt aber beim Besprechen der Anlagen Originalbelege auszuhändigen, zeigte er seiner Kundin L. B. lediglich eine summarische Auflistung.

Diese schöpfte lange keinen Verdacht, vielleicht auch, weil die Zahlen für sie stimmten. Plus/minus besass sie um die 17 Millionen Franken. Allerdings schon lange nur noch auf dem Papier. Rappold hatte nämlich einen beträchtlichen Teil der Aktien, darunter so wertbeständige Titel wie Lindt & Sprüngli, veräussert und das Geld nach Singapur und Liechtenstein in undurchsichtige Vehikel investiert. Zudem überwies der Wirtschaftsanwalt, der seine Kanzlei im Gebäude seiner Zunft, dem Kämbel, hatte, 7 Millionen Franken von L. B.s Vermögen auf Festgeldkonten, die auf seinen eigenen Namen lauteten.

Der Wirtschaftsanwalt überwies 7?Millionen Franken von L.?B.s Vermögen auf Konten auf seinen Namen.

Wie war das möglich? Selbst bei einer allgemein und umfassend formulierten Vollmacht, wie sie Rappold von seiner Klientin offenbar unterzeichnet erhalten hatte, ist es bei Schweizer Banken ab einer bestimmten Summe üblich, beim wirtschaftlich Begünstigten Abklärungen vorzunehmen. Ist die beauftragte Überweisung im Sinn des Kontoinhabers, oder weiss er nichts davon? «Ab 100'000 Franken sind Rückfragen Standard», sagt ein erfahrener Zürcher Vermögensverwalter. Ein langjähriger Wirtschaftsanwalt, der mit dem Fall Rappold vertraut ist, bezeichnet die Überweisungen ohne Nachfragen bei L. B. als «höchst ungewöhnlich».

Christian Rahn, einer von fünf Partnern der Bank Rahn & Bodmer, wollte sich nicht zu Rappold oder L. B. äussern. Das Bankgeheimnis verbiete ihm jegliche Stellungnahme. Allgemein gesprochen könne er aber sagen, dass es für solche Rückfragen beim Kontoinhaber keine generellen Regeln gebe. Solche würden abhängig vom «individuellen» Fall erfolgen.

Die Antwort des Rahn-Bodmer-Bankers passt zu den geltenden Vorschriften im Bankengeschäft. Die Sorgfaltspflichten schreiben den Finanzinstituten nämlich nicht vor, ab einer bestimmten Summe, die ein Bevollmächtigter überweisen will, Abklärungen beim Kontoinhaber vorzunehmen. Selbst dann nicht, wenn das Geld auf einem Konto des Bevollmächtigten landet. Doch damit ist eine betroffene Bank nicht aus dem Schneider. Die Frage lautet, ob sie hätte erkennen müssen, dass der Bevollmächtigte illegal vorgeht, er also seine Vollmacht missbräuchlich verwendet.

«Ob die Banken für Schäden haften, muss in solchen Fällen zwingend geprüft werden», sagt der Anwalt von L. B., der Frau und Klientin, die Rappold bis fast zuletzt blind vertraut hatte. Auch die Zürcher Justiz bleibt aktiv. Sie prüft, ob bei der zurückgebliebenen Familie Rappold «Vermögenswerte eingezogen» werden könnten. Die verantwortliche Staatsanwaltschaft habe «die notwendigen Ermittlungshandlungen bereits ergriffen beziehungsweise durchgeführt», sagt eine Sprecherin der Behörde.

Eine Affäre unter Freunden

Bei der Bank Rahn & Bodmer galten L. B. und Jörg Rappold als Freunde des Hauses. Banker Frank Bodmer gehörte zur «Familie». L. B.und ihr verstorbener Mann, Jörg Rappold und Frau, die Kinder, Frank Bodmer und seine Söhne kannten sich alle seit Jahrzehnten, verbrachten gemeinsame Ferien, gingen Ski fahren, trafen sich regelmässig.

Frank Bodmer war bis 1997 über drei Jahrzehnte lang Partner bei Rahn & Bodmer. Ihm folgte sein Sohn André Bodmer. Der heute 53-Jährige war es denn auch, der im Auftrag von Jörg Rappold bei L. B. die Millionen abbuchte und an die von Rappold bezeichneten Orte transferierte. André Bodmer liess Anfragen unbeantwortet. Im Jahresrückblick 2014 seiner Bank schrieb er von «Stabilität, Sicherheit, Lebensqualität» als zentrale Begriffe für Zürich und das Private Banking. «Seit über einem Vierteljahrtausend streben wir danach, sie zu leben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2015, 23:19 Uhr

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