Unser Bildungssystem zementiert die soziale Stellung

Eine neue Studie untersucht die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen in der Schweiz – und die Folgen davon.

Menschen, die heute wenig verdienen, haben in der Schweiz wenig Chancen, sozial aufzusteigen. Foto: Urs Jaudas

Menschen, die heute wenig verdienen, haben in der Schweiz wenig Chancen, sozial aufzusteigen. Foto: Urs Jaudas

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Die gestiegene Ungleichheit in ent­wickelten Ländern ist eines der grossen Themen unserer Zeit. Studien zur Situation in der Schweiz sind aber noch immer rar. Die neue Untersuchung von Reto Föllmi und Isabel Martinez schafft mehr Klarheit. Die beiden Ökonomen haben anhand von Steuerdaten sowohl die Entwicklung der Einkommens- ­wie auch der Vermögensverteilung in der Schweiz genauer unter die Lupe ­genommen.

Bei den Einkommen bestätigt sich der weltweite Trend: Seit den 1980er-Jahren hat der Anteil des reichsten Hundertstels der Schweizer Bevölkerung an den Gesamteinkommen von rund 8,5 Prozent bis 2008 auf 11 Prozent zugenommen, und der Trend geht nach oben. Bei 11 Prozent lag dieser Anteil in den 1970ern allerdings schon einmal. Gemäss der Studie ist in Ländern wie Deutschland und erst recht den USA sowohl der Anteil des reichsten Prozents der Bevölkerung deutlich grösser wie auch dessen Wachstum. Auch gegenüber der EU ist die Einkommensverteilung in der Schweiz ausgeglichener.

Infografik: Einkommens- und Vermögensentwicklung der Reichsten Grafik vergrössern

Die tatsächliche Einkommenskonzentration dürfte laut den Autoren in der Schweiz allerdings höher liegen. Denn nicht berücksichtigt sind Kapitalgewinne. Weil sie in der Schweiz nicht besteuert werden, ist davon in den Steuerdaten nichts zu sehen.

Besonders ausgeprägt ist in der Schweiz die Zunahme der Einkommenskonzentration bei den Allerreichsten. Der Anteil der 0,01 Bestverdienenden an allen Einkommen ist seit den 1990er-Jahren um 1 Prozent auf nahezu 2 Prozent gestiegen und damit auf das 200-Fache der Durchschnittseinkommen. Die Autoren halten fest, dass dieser Anteil seit dem Ersten Weltkrieg noch nie so hoch war. Um in der Schweiz zu diesen etwa 450 Topverdienern zu gehören, ist heute ein Einkommen von 4 Millionen Franken pro Jahr notwendig. Das ist ein Anstieg um 60 Prozent gegenüber den 90er-Jahren, als dazu ein Einkommen von 2,5 Millionen Franken reichte.

Die Zunahme der Einkommen an der Spitze dürfte laut den Studienautoren auf die Bezüge und die Boni der Top­verdiener in Grosskonzernen zurückgehen, die in der Schweiz überproportional vertreten sind. Das zeigt sich daran, dass ein starkes Wachstum der Marktkapitalisierung von in der Schweiz niedergelassenen Konzernen seit 1990 mit der Einkommenszunahme der Reichsten einhergeht.

Geringe Rolle der Steuern

Die progressiven Steuern haben in der Schweiz für die Umverteilung der Einkommen wenig Gewicht. Bedeutsamer sind die AHV-Beiträge. Die geringe Rolle der Steuern geht darauf zurück, dass die Reichsten den Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen und Gemeinden nützen und so laut den Autoren von einem unterdurchschnittlichen Grenz- und Durchschnittssteuersatz profitieren. Im internationalen Vergleich reduziert sich die Ungleichheit in der Schweiz durch Umverteilung nur wenig.

Die Ungleichheit spielt dann eine geringere Rolle, wenn die Einkommensmobilität gross ist, wenn es also auch jene mit tiefen Einkommen an die Spitze schaffen können. Hier sind die von den Studienautoren präsentierten Daten ernüchternd. Eine Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär ist auch in der Schweiz äusserst unwahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit, von ganz unten nach ganz oben zu gelangen, ist gleich gross wie umgekehrt und beträgt nur gerade 3 Prozent.

Noch immer hat auch in der Schweiz die Herkunft einer Person eine ausserordentlich grosse Bedeutung für die Chancen auf sehr gut bezahlte Jobs. «Für Kinder, deren Eltern zu den Top-10-Prozent oder gar zum Top-1-Prozent gehören, ist der Einfluss des Rangs der Eltern überdurchschnittlich hoch», schreiben die Studienautoren. In dieser Hinsicht steht die Schweiz im internationalen Vergleich schlecht da.

Geringe Bildungsmobilität

Ein wesentlicher Grund dafür ist laut der Studie eine ebenfalls aussergewöhnlich tiefe Mobilität bei den Bildungswegen. Wie die Autoren schreiben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schweizer Jugendliche aus einem Elternhaus mit hohem Bildungsabschluss ebenfalls einen Hochschulabschluss machen, mehr als viermal so hoch als bei Jugendlichen, deren Eltern einen tiefen Bildungsabschluss haben. Der Anteil der Studierenden aus niedrigen Bildungsschichten ist mit knapp 6 Prozent ausgesprochen tief, schreiben die Ökonomen. Immerhin ermöglicht aber das duale und durchlässige Bildungssystem der Schweiz gemäss den Autoren im Gegensatz zu anderen Ländern auch ohne Hochschulabschluss gute Verdienstmöglichkeiten. Das relativiert gemäss der Studie die tiefe Bildungsmobilität etwas.

Beim Blick auf die Ungleichheit bei den Vermögen in der Schweiz bestätigt sich das Bild anderer Untersuchungen, wie jüngst des «Global Wealth Report» der Credit Suisse. Die Konzentration der Vermögen in der Schweiz gehört zu den weltweit höchsten. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt rund 40 Prozent aller Vermögen – rund doppelt so viel wie in Frankreich oder England. Über ein Jahrhundert hat das reichste Prozent nie einen Einbruch des Anteils an den Gesamtvermögen gesehen. In jüngster Zeit haben vor allem die allerreichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung ihren Anteil an den Vermögen stark zu steigern vermocht: von 10 Prozent auf über 20 Prozent. Relativiert wird die Vermögenskonzentration laut den Studienautoren allerdings, wenn auch das Zwangssparen in der zweiten und die freiwillige Vorsorge der dritten Säule mitberücksichtigt wird. Der Anteil des reichsten Prozents beträgt dann statt 40 Prozent noch etwas mehr als 25 Prozent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 21:45 Uhr

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