Verlustgeschäft mit Paketen aus China

Chinesische Onlineshops locken mit tiefen Preisen und inbegriffenen Versandspesen. Das Nachsehen haben Post und Schweizer Händler.

Preise purzeln, Pakete fliegen: Die meisten Päckchen aus China wie von Handelsriesen Alibaba müssen für die Verzollung einzeln von Hand geprüft werden.

Preise purzeln, Pakete fliegen: Die meisten Päckchen aus China wie von Handelsriesen Alibaba müssen für die Verzollung einzeln von Hand geprüft werden. Bild: Keystone

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Eine Verachtfachung des Geschäftsvolumens seit 2012 und anhaltende Wachstumsraten von gegen 50 Prozent. Bei solchen Zahlen würden eigentlich die Augen eines jeden Managers glänzen. Bei der Post hält sich die Freude jedoch in Grenzen: Zwar verzeichnet sie bei der Auslieferung von Päckchen chinesischer Onlinehändler genau solche Zuwachszahlen. Allerdings fällt für sie mit jedem Päckchen, das aus China in die Schweiz kommt, ein Verlust an.

Ändern kann die Post an dieser Situation nur wenig, denn sie ist an ein über Jahrzehnte gewachsenes internationales System gebunden. Wie viel nämlich die Post eines Landes von der Post eines anderen Landes erhält, damit sie deren Briefe und Pakete ausliefert, regelt der Weltpostverein. Dieser existiert seit 1874 und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Sonderorganisation der UNO. Ihren Sitz hat die Organisation, der derzeit 192 Länder angehören, seit je in Bern. Mag der Weltpostverein auch viel zur Entwicklung des internationalen Postverkehrs beigetragen haben: Mit der rasanten Entwicklung des Onlinehandels in den letzten Jahren haben seine umfangreichen Regelwerke nicht Schritt halten können.

Für die Postunternehmen zahlreicher Industrieländer sind dadurch in den letzten Jahren insbesondere Päckchen aus China zum Problem geworden. Über elektronische Marktplätze wie Ali­express werden von Privatkunden massenhaft elektronische Kleinteile, Modeschmuck, Handyzubehör und Kleidungsstücke bestellt. Wer einige Wochen auf das Bestellte warten kann, zahlt für die Ware nur noch einen Bruchteil dessen, was diese in Westeuropa kosten würde. Kein Wunder, man kauft ja quasi auch direkt beim Produzenten ein. In der Schweiz treffen so mittlerweile täglich mehr als 20'000 Kleinsendungen aus dem asiatischen Raum ein. Die meisten davon stammen laut der Post von Onlinehändlern. Diese verrechnen ihren Kunden oft nicht einmal Versandspesen. Offenbar fallen für sie die Portokosten kaum ins Gewicht.

Die Reglemente des Weltpostvereins konnten mit der rasanten Entwicklung der letzten Jahre nicht mithalten.

Wie viel Onlinehändler in China der dortigen Post für ein Päckchen in die Schweiz zahlen, lässt sich nur schwer eruieren und ist von Grösse und Gewicht der Sendung abhängig. Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels, hat einmal einen Betrag von umgerechnet rund 1.70 Franken gehört. Das ist nicht nur bedeutend weniger, als Schweizer Händler der Post für den Versand von Päckchen zahlen müssen, es ist auch ein Mehrfaches dessen, was schliesslich bei der Schweizerischen Post landet, welche die Waren dem Empfänger bringt. Dieser Betrag, die sogenannte Terminal Due, wird vom Weltpostverband festgelegt. Dazu wird jedes Land zuerst mit einer komplizierten Formel, die neben dem Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt verschiedene postalische Kennziffern enthält, einer Kategorie zugeteilt. Je nach Kategorie fällt dann die Abgeltung für die Verteilung der grenzüberschreitenden Postsendungen unterschiedlich hoch aus. War das komplexe System von Gegengeschäften und Gebühren einst dazu gedacht, den Postverkehr zwischen ärmeren und reicheren Ländern überhaupt erst zu ermöglichen, kommt es nun die Schweizer Post teuer zu stehen. Denn China gilt postalisch nach wie vor als Entwicklungsland.

Pro Kilogramm Briefpost – darunter fallen auch kleine Päckchen – erhält die Schweizer Post aus China derzeit nämlich gerade einmal rund 2.50 Franken. Pro Sendung macht das gemäss offiziellen Angaben des Weltpostvereins durchschnittlich knapp 32 Rappen. Damit ist der Aufwand für Verarbeitung und Verteilung keineswegs gedeckt. Wie viel die Post drauflegt, kann deren Mediensprecher Oliver Flüeler nicht genau beziffern. «Die Pakete aus China sind nicht kostendeckend für die Post», sagt er einzig. Da früher die Zahl von Sendungen viel geringer war, seien diese kaum ins Gewicht gefallen, erklärt Flüeler. Mit dem Onlinehandel habe sich die Realität aber geändert. Auf den gestiegenen Aufwand könne die Post nun nur noch mit schlanken Prozessen reagieren.

Weltpostverein
Entscheid über Preise im Herbst

Die Post wird frühestens ab 2018 mehr erhalten für die Verteilung der chinesischen Päckchen. Fürs kommende Jahr ist die Höhe der Abgeltungen, die eine Post der anderen für internationale Briefe und Pakete zahlen muss, bereits fixiert. Die chinesische Post wird zwar leicht höhere Abgeltungen an die Schweizer Post zahlen müssen als derzeit, kostendeckend sind diese aber weiterhin nicht im Entferntesten. Festgelegt wird die Höhe der Gebühren jeweils am Kongress des Weltpostverbands. Dieser findet alle vier Jahre statt – das nächste Mal diesen Herbst in Istanbul. Die Delegierten der 192 Mitglieds­länder werden dort auch über einen neuen Vorschlag befinden, wie Postdienstleistungen grenzüberschreitend abgegolten werden können. Die Schweiz wird mit einer 15-köpfigen Delegation mit Vertretern der Post und des Bundesamtes für Kommunikation am Kongress teilnehmen. (rj)

Im Briefpostzentrum Zürich-Mülligen, wo unter anderem täglich rund 460 000 Briefe und Kleinsendungen aus dem Ausland verarbeitet werden, sind die Abläufe effizient. Die Päckchen aus China geben aber mehr zu tun als andere Sendungen, da laut der Post rund 95 Prozent von ihnen falsch oder ungenügend deklariert sind. Viele Päckchen müssen deshalb für die Verzollung einzeln von Hand geprüft und gegebenenfalls sogar geöffnet werden.

Trotz des Defizits mit den chinesischen Päckchen ist der Post aber nicht nach Klagen zumute. «Der Onlinehandel ist schliesslich Glück und Chance für uns», sagt Flüeler mit Blick auf das insgesamt florierende Paketgeschäft der Post. International müsse man sich zwar Gedanken machen, wie Dienstleistungen von Post zu Post abgegolten werden könnten. Flüeler verweist aber auf den Deckungsbeitrag, den Päckchen aus China heute schon generierten. «Die Post bedient ohnehin jeden Briefkasten sechsmal pro Woche. Da helfen selbst Sendungen, für welche die Post nicht viel bekommt, die Fixkosten zu decken.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2016, 07:23 Uhr

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