Zu viele Flugzeuge am Himmel

Europas Luftraum droht Überlast. Das hat Folgen auch für die Schweiz. Und wo Abhilfe winkt, sieht die Swiss Probleme.

Am Flughafen Zürich gab es in den letzten Wochen viele Verspätungen. Grund: Das Wetter. Foto: Urs Jaudas

Am Flughafen Zürich gab es in den letzten Wochen viele Verspätungen. Grund: Das Wetter. Foto: Urs Jaudas

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«Sehr geehrte Fluggäste, wir haben mal wieder Verspätung. Immerhin nur ein bisschen – dieses Mal ist es das Wetter.» Durchsagen wie diese eines Captains auf einem Flug von Mailand nach Zürich vor einigen Wochen hört man in letzter Zeit als Passagier immer öfter. Flughäfen und Fluggesellschaften in Europa kämpfen mit einer grossen Verspätungswelle – auch in der Schweiz.

«In den vergangenen Wochen haben insbesondere die schlechten Wetter­bedingungen die Pünktlichkeitswerte am Flughafen negativ beeinflusst», sagt Philipp Bircher, der Sprecher des Flughafens Zürich. Auch die Swiss gesteht ein: «Die vergangenen Wochen waren hinsichtlich Pünktlichkeit im Flugbetrieb tatsächlich sehr herausfordernd.»

Extremes Wetter wie Gewitter, Bise und Sturm ist aber nur eine Ursache für die auffällig vielen Verspätungen und Annullierungen in den ersten Monaten des Jahres. Auch immer neue Fluglotsenstreiks in ganz Europa stellten die Airlines in den vergangenen Monaten vor Probleme. Laut Vivienne Gaskell, Sprecherin des Flughafens in Basel, sind aber sowohl das Wetter als auch die Streiks zwar eine Belastung. Doch die europäische Luftfahrt hat ein tiefer liegendes Problem: «Der Luftraum in Europa ist überlastet.»

Überlastete Flughäfen

Während die Zahl der Annullierungen in etwa gleich bleibe, würden insbesondere verspätete Flüge zunehmen, sagt Gaskell. Denn: Kleine Probleme können bei einem überlasteten Luftraum zu einer Art Dominoeffekt führen. Wer manchmal fliegt, hat es vielleicht schon erlebt: Weil es zu einer kurzen Verzögerung kommt, verliert das Flugzeug den Slot für den Abflug und muss noch eine ganze Weile länger warten. Auch vom Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) heisst es auf Anfrage: «Es gibt auf europäischer Ebene eine Verkehrszunahme, die viel stärker als erwartet ausfällt. Das hat auch Auswirkungen auf die Schweiz.»

Das dürfte erst der Anfang sein, glaubt man einer neuen Studie der europäischen Flugsicherung Eurocontrol. Die europäische Flugsicherung sorgt sich ebenfalls wegen des zunehmenden Gedränges am Himmel. 11 Millionen Flüge beaufsichtigen die Lotsen in Europa jedes Jahr – also rund 30 000 pro Tag. 2024 werden es 11,3 Millionen sein. Und der Trend dürfte sich fortsetzen, schreibt der Verband in einer neuen Studie. Denn bis 2040 nimmt die Zahl um mehr als die Hälfte auf 16,2 Millionen pro Jahr zu, schätzt Eurocontrol. In der Schweiz dürften es laut den Schätzungen rund 1000 Flüge mehr pro Tag werden, in Deutschland und Frankreich sind es jeweils mehr als 3000 zusätzliche Flüge. Eurocontrol malt ein düsteres Bild, sollte das Szenario eintreten, ohne dass die Branche reagiert. Die Zahl der dauerhaft überlasteten Flughäfen würde bis 2040 deutlich steigen. An gewissen Orten dürften durchschnittliche Verspätungen von über 15 Minuten bei jedem Flug zum Standard werden. Zwar nennt der Verband Schweizer Flughäfen nicht explizit als Beispiele – unter anderem sind unter den gefährdeten Airports München, Düsseldorf oder Mailand aufgeführt. Dennoch sorgt man sich auch hierzulande schon wegen der Kapazität. Insbesondere in Zürich und Genf gebe es Engpässe, was die Verspätungsanfälligkeit erhöht, so Bazl-Sprecher Antonello Laveglia.

Viel Betrieb nach 23 Uhr

Das könnte auf Dauer auch zu Problemen mit den Anwohnern führen, denn durch Verspätungen erhöht sich die Zahl der späten Starts und Landungen. «Der Flughafen Zürich ist für den Flugbetrieb von 6 bis 23.30 Uhr geöffnet, wobei die letzte halbe Stunde für den Abbau von Verspätungen vorgesehen ist», so Sprecher Bircher. «Die letzte halbe Stunde musste in den letzten Wochen aufgrund des schlechten Wetters und der Restriktionen vermehrt in Anspruch genommen werden.»

Und wie kann man dem Problem begegnen? Eurocontrol fordert etwa, dass alle geplanten Flughafenerweiterungen wie etwa der Bau neuer Pisten realisiert werden. Doch die aktuellen Pläne seien nicht ausreichend. Das sieht man auch bei Swiss bezogen auf den Flughafen Zürich so. «Aufgrund der vielen Restriktionen am Hub Zürich kann die steigende Nachfrage nach Flugverbindungen – basierend auf der heutigen Prognose und den Ausbauplänen des Flughafens – mittel- bis langfristig nicht abgebildet werden», heisst es von der Airline. «Es besteht die Gefahr, dass globale Unternehmen und Organisationen mit Hauptsitz in der Schweiz dorthin umziehen, wo die Verbindungen besser sind.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2018, 06:44 Uhr

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