Volle Atomkraft voraus ins Gestern

Japans Premier Shinzo Abe fährt gegen den Willen der Bevölkerung AKW wieder hoch. Er zahlt dafür einen hohen politischen Preis und verbaut seinem Land die Energiezukunft.

Ex-Regierungschef Naoto Kan hält eine Rede an einer Protestveranstaltung gegen die Aufschaltung des AKW in Sendai. Foto: Keystone

Ex-Regierungschef Naoto Kan hält eine Rede an einer Protestveranstaltung gegen die Aufschaltung des AKW in Sendai. Foto: Keystone

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Mit der Entscheidung, wieder Atomkraftwerke anzufahren, demonstriert Japans Premier Shinzo Abe, wie wenig er sich um die öffentliche Meinung schert. Erstmals seit 2 Jahren geht an diesem Dienstag ein japanisches AKW ans Netz. «Sicherheit kommt zuerst», beruhigt Abe. Dabei wurden die Vorschriften für die Zulassung des 30 Jahre alten Meilers von Sendai, der von fünf aktiven Vulkanen umgeben ist, äusserst locker umgesetzt.

Abe setzt auf Atomkraft, 25 der 49 noch intakten Reaktoren sollen wieder ans Netz. Der Energiemix, auf den sich seine Regierung festgelegt hat, sieht für 2030 einen Anteil von 22Prozent Atomstrom vor. Erneuerbare Ener- gien (ohne Wasserkraft) machen nur 14Prozent aus.

Vernachlässigte Erneuerbare

Abe hat vier Gründe, auf die Atomkraft zu setzen. Erstens soll sie die Wirtschaft beleben. Sein Massnahmenbündel «Abenomics» hat bisher nur die Börse beflügelt, den Immobi­lienmarkt belebt und – mit dem schwachen Yen – mehr Touristen ins Land gelockt. Den kleinen Leuten hat es nicht geholfen, sie haben im Schnitt heute sogar weniger Geld in der Tasche. Falls Japan den Import fossiler Brennstoffe verringern kann, so die Überlegung, dann hilft das der Wirt- schaft. Rechnerisch mag das stimmen, doch Japans börsennotierte Firmen sitzen zusammen auf 100Billionen Yen in Cash – mehr als 800Milliarden Franken. Diese Wirtschaft braucht nicht mehr Geld, sie braucht Strukturreformen. Das zeigt sich auch daran, dass die Notenbank mit ihrer Geldpresse kaum Wirkung erzielt.

Zweitens möchte Abe Nuklear­anlagen ins Ausland verkaufen, zum Beispiel auf die Arabische Halbinsel. Das kann er schlecht, wenn die Japaner den AKW nicht trauen.

Über den dritten Grund tuschelt man nur. Der Premier und seine Partei sind eng mit dem «atomaren Dorf» verfilzt, wie man die japanische Atomlobby nennt. Sie hat sich, seit Abe im Amt ist, von Fukushima aufgerappelt und zieht wieder ihre Fäden. Die Institutionen haben zwar neue Namen, aber viele alte Bekannte, die Fuku­shima mitzuverantworten haben, sind weiter für die Sicherheit von Atom­anlagen zuständig.

Ausserdem verlangt Washington von Japan, dass es an der Atomenergie festhalte, weil die Fortschritte in dieser Technologie, die auch militärisch relevant ist, sonst von China und Russland gemacht würden.

Weil die Meiler ans ­Limit ihrer Laufzeit kommen, drohen ­Engpässe wegen der AKW,
nicht ohne sie.

Auf der Strecke bleiben mit Abes Energiekonzept die erneuerbaren Energien, nicht nur die Sonnen- und die Windkraftwerke, sondern auch die in einem Land mit 108aktiven Vul- kanen vielsprechende Geothermie. Zwar setzen Private, Unternehmen und Lokalregierungen auf Erneuerbare, aber Abe hat die Einspeisetarife reduziert, die von seinen Vorgängern festgesetzt wurden. Zudem dürfen die Stromfirmen Solarstromanbieter nun wieder ablehnen. Kyushu Electric, die Betreiberin von Sendai, weigert sich, neue Sonnenstromanbieter zu akzeptieren.

Ob Abe der Wirtschaft mit der Atomenergie kurzfristig hilft, ist nicht klar. Von Oi3 und Oi4, den einzigen Reaktoren, die nach Fukushima angeschaltet wurden und 2012 bis 2013 14Monate liefen, erhielt die Wirtschaft keine Impulse. Langfristig schadet die Fixierung auf die Atomkraft Japan. Sie beraubt die Wirtschaft der Chance, mit Staatszuschüssen eine Energieversorgung der Zukunft zu entwickeln, die sie exportieren könnte. Das tun an Japans Stelle China und Kalifornien. Ausserdem wird es kaum möglich sein, die Japaner künftig für neue AKW zu gewinnen. Die gegenwärtige Flotte nähert sich jedoch ihrem Laufzeit- limit. Somit drohen Japan mit der Atomkraft mittelfristig Energie­engpässe, nicht ohne sie.

Sendai ist das erste AKW, Takahama soll folgen. Doch der Widerstand ist gross. In Niigata, dem Standort von Kashiwazaki-Kariwa, dem grössten Atomkraftwerk der Welt und dem einzigen, das Tepco geblieben ist, verweigert der Gouverneur den Betreibern eine Betriebsbewilligung.

Wie einst der Walfang

Abe hat gegenüber der Atomlobby Wort gehalten und sein Gesicht ­gewahrt. Dafür zahlt er viel politisches Kapital, ohne dass die Wirtschaft spürbar profitiert. Es wird erwartet, dass schliesslich etwa zehn Reaktoren ans Netz gehen. Zu wenig für einen ökonomischen Effekt, aber politisch zu viel. Also die schlechteste Lösung.

Die Atomkraft ist eine Technik von gestern. Nicht nur, weil ihre Sicherheit im von Erdbeben, Vulkanen und Taifunen gebeutelten Japan nicht garantiert werden kann, wenn das überhaupt irgendwo möglich ist, sondern mehr noch, weil sie angesichts der Fortschritte bei den Alternativenergien zu teuer ist.

Eine Methode von gestern ist auch der Walfang. Nach dem Krieg drängten die USA die Japaner zum industriellen Walfang, um ihre Proteinversorgung zu sichern. Die westlichen Walfang­nationen, die erkannt hatten, dass die Jagd auf Meeressäuger zu Ende gehen würde, verramschten den Japanern auch gleich ihre Walfangboote. Wal wurde zum festen Bestandteil japanischer Schullunches. Ältere Leute erinnern sich nur ungern an den Geschmack, Liebhaber gibt es wenige. Dennoch hält die japanische Regierung – zu hohen politischen und diplomatischen Kosten – stur an ihrem pseudowissenschaftlichen Walfang­programm fest. Er sei eine japanische Tradition.

Die Atomkraft droht nun, zu Abes Walfang zu werden. Wie einst die alten Boote haben die Amerikaner ihre Atomenergiefirmen, Westinghouse zum Beispiel, nach Japan verkauft. Doch die meisten Japaner sind gegen die Atomkraft. Gleichwohl ist Abe gewillt, den hohen politischen Preis zu zahlen, ohne dass er damit Japan hilft. Im Gegenteil: Er verbaut seinem Hightechland den Sprung an die Spitze der Energiezukunft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2015, 23:24 Uhr

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