Wann kommt der Autokauf übers Internet?

Wer ein neues Auto kaufen will, hat keine andere Wahl: Er muss zum Garagisten. Doch auch der Autohandel wird dereinst von der Digitalisierung erfasst werden.

Auch sieben Jahre später können Neuwagen noch nicht online gekauft werden: Autoausstellung im Jahr 2009. Foto: Keystone

Auch sieben Jahre später können Neuwagen noch nicht online gekauft werden: Autoausstellung im Jahr 2009. Foto: Keystone

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Egal, welche Automarke man sucht: Auf den Websites der Hersteller können keine Autos gekauft werden. Potenzielle Käufer können zwar ihr gewünschtes Fahrzeug konfigurieren oder aus einer Reihe von Modellvariationen herauspicken. Auch die Felgen können ausgewählt und die Farbe der Sitzbezüge kann bestimmt werden. Selbst Sonderausstattungen kann man seinem Fahrzeug verpassen. Und schliesslich kann man auf Basis der unverbindlichen Preisempfehlung des Importeurs auch die Höhe der Leasingraten berechnen, falls man den Wagen auf Kredit zu kaufen gedenkt. Tatsächlich online bestellt werden kann jedoch bei keinem der Autohersteller. Nur Händler kann man übers Internet suchen. Oder es kann eine ­Anfrage für eine Probefahrt online gestellt werden.

Der Autohandel ist vom Onlinehandel noch weitgehend unberührt geblieben. Während etwa im Buchhandel durch ­Onlineangebote kein Stein mehr auf dem anderen blieb und in der Modebranche neue Player wie Zalando mächtig Staub aufwirbeln, werden Neuwagen im Jahr 2017 noch weitgehend beim Garagisten gekauft. Bei den Occasionsfahrzeugen hat zwar das Internet längst dafür gesorgt, dass Käufer und Verkäufer einfach zueinander finden und auch preislich eine bessere Transparenz herrscht. Bei Neuwagen allerdings blieb alles beim Alten: Pro Marke und Region gibts oft nur ein Verkäufer, und der endgültige Kaufpreis wird mit dem Händler vereinbart.

Furcht vor Umsatzeinbussen

Die Situation dürfte sich jedoch bald ändern, zumindest nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Capgemini. In einer Umfrage in Deutschland, den USA und China hat dieses nämlich festgestellt: Eine deutliche Mehrheit der Konsumenten kann es sich durchaus vorstellen, ihr nächstes Auto übers Internet zu kaufen. In der Studie, in der auch die Ergeb­nisse besagter Umfrage publiziert wurden, nennen die Experten des Beratungsunternehmens auch den Grund, weshalb die Autohersteller beim Vertrieb noch überhaupt nicht auf neue Technologien setzen. Die Autokonzerne seien es schlicht und einfach nicht gewohnt, ihre Fahrzeuge direkt zu verkaufen. Weil jahrzehntelang der Verkauf über Vertragshändler lief, hätten sie weder die Kompetenz noch die Erfahrung dazu. Und schon gar nicht den Mut: So fürchten die Hersteller auch, der Direktvertrieb und allenfalls dabei gewährte Rabatte würden das bestehende Händlernetz kannibalisieren und die Erlöse beschneiden, wie es bei Capgemini heisst.

Anzeichen, dass Autohersteller bald auf neue Vertriebskanäle umschwenken müssen, gibt es bereits. Getrieben werden die Hersteller dabei von neuer Konkurrenz. Denn derzeit für den Gesamtmarkt noch unbedeutende Autohersteller setzen auch beim Vertrieb auf neue Wege. So etwa der Elektroautohersteller Tesla, dessen hochpreisige Fahrzeuge bereits auf den Strassen herumkurven. Tesla verkauft seine Fahrzeuge direkt – in eigenen Showrooms, aber auch übers Internet. Hauptsächlich online vertrieben werden sollen auch die Fahrzeuge der chinesischen Marke Lynk & Co. Wie genau der Verkaufsprozess aussehen wird und welches Geschäftsmodell der Lynk-Mutterkonzern Geely verfolgt, dem auch die schwedische Marke Volvo gehört, ist indes unklar. Das erste Lynk-Modell wird nämlich erst dieses Jahr in China lanciert. 2018 sollen die chinesischen Autos dann auch in Europa und den USA gekauft werden können.

Wie schwer sich die traditionellen Autobauer mit neuen Vetriebsmöglichkeiten übers Internet tun, zeigt das Beispiel Fiat Chrysler. Der Konzern verkauft in Italien seit letztem Herbst bestimmte Fiat-Modelle in einem eigenen Laden bei Amazon. Dabei werden den Kunden zwar hohe Rabatte gewährt, mehr als einen Welcomekit für 180 Euro kann auf dem Internet indes nicht erworben werden. Kaufen Kunden diesen, werden sie telefonisch kontaktiert. Der eigentliche Autokauf wird dann über den nächst­gelegenen Fiat-Händler abgewickelt.

Abwarten und beobachten

Die Schweizer Garagisten beobachten erst einmal die Entwicklung des Verkaufskanals Internet. Die Branche nehme das Thema aber ernst, heisst es beim Autogewerbeverband Schweiz (AGVS). Insbesondere rechnet man damit, dass das Geschäftsmodell von Vermittlungsplattformen wie Meinauto.de bald auch in der Schweiz Nachahmer finden wird. Bei der Amag-Gruppe, welche Importeurin aller Marken des deutschen VW-Konzerns ist und zahlreiche ­Garagen betreibt, wird zudem darauf verwiesen, dass im Servicebereich erste Schritte zur Digitalisierung unternommen worden seien und etwa Garagentermine online gebucht werden könnten.

Schweizer Garagisten vertrauen zudem auf ihre Stärken: Weil ein Autokauf im Gegensatz zu anderen im Internet zum Kauf angebotenen Gütern viel emotionaler und kostenintensiver sei, böten ein persönlicher Ansprechpartner sowie die Möglichkeit zur Besichtigung und Probefahrt für den Kunden Vorteile, hält AGVS-Geschäftsleiter Markus Aegerter auf Anfrage fest. Und selbst wenn Giganten wie Amazon in den Autohandel einsteigen wollten, seien diese für die Abwicklung des Kaufes und für Serviceleistungen auf lokale Partner angewiesen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2017, 19:33 Uhr

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