Warum der Ölpreis noch lange Zeit tief bleiben wird

Keiner will zurückstecken – Egoismen und politische Spannungen zwischen grossen Förderländern sorgen dafür, dass das Überangebot weiter wächst.

Drosseln will niemand: Ölförderanlage im US-Bundesstaat Colorado. Foto: Alamy

Drosseln will niemand: Ölförderanlage im US-Bundesstaat Colorado. Foto: Alamy

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Der Ölpreis lag gestern zeitweise bis zu sieben Prozent im Minus, nachdem ein Deal zur Eindämmung der Ölförderung am Wochenende gescheitert war. Die Nordsee-Ölsorte Brent erholte sich aber und lag am Abend leicht im Plus, während US-Öl ­etwas nachgab. Doch der Preisdruck dürfte anhalten. Kenner des Ölmarktes rechnen damit, dass der Preis für ein Fass Öl in nächster Zeit wieder markant unter 40 Dollar tauchen wird. Ob er wie im Januar unter die Marke von 30 Dollar fällt oder gar auf einem solchen Tiefststand verharrt, ist offen.

Die Einschätzungen im Markt liegen weit auseinander. Optimistische Organisationen wie die Ölförderländer-Vereinigung Opec oder die US-Behörde für Energiestatistik (EIA) halten an ihrer Prognose fest, der Fasspreis werde bis 2020 auf 80 Dollar klettern, da Länder mit hohen Förderkosten wie Brasilien, Nigeria, Venezuela oder die USA ihre Produktion drosselten. Zuversichtlich gibt sich auch die Internationale Energieagentur: Die globale Ölnachfrage wachse im 2016 um 1,2 Millionen Fass täglich, was sich stabilisierend auswirke. Der Zuwachs der Nachfrage ist jedoch seit August letzten Jahres zurückgegangen. Das Lager der Pessimisten geht hingegen davon aus, dass der Preis für das schwarze Gold «für länger tiefer» bleibt. Jedenfalls viel tiefer als die 50 Dollar, die Terminkontrakte für ein im Jahr 2020 zu lieferndes Fass Öl derzeit kosten.

Fracker warten weiter ab

Die Ölspezialisten der US-Grossbank Morgan Stanley sehen ein «zunehmendes Risiko», dass zwischen den grossen Förderländern «ein regelrechter Kampf um Marktanteile» ausbricht, was die von der Branche angestrebte Erholung bis 2018 verzögern könnte.

Der Kampf um Einfluss  zwischen Saudiarabien und dem Iran ist mit ein Grund für den Graben innerhalb der Opec.

Ein Grund dafür sind politische Spannungen zwischen Saudiarabien und dem Iran, zwei grosse Mitgliedsländer der Opec, die um Einfluss in der Region kämpfen, unter anderem im Bürgerkrieg im Jemen. Geplatzt ist der geplante Öldeal in Doha vordergründig an der Weigerung der Iraner, ihre Produktion zurückzufahren. Riad hatte der Saudi-Delegation aber schon vor Beginn der Gespräche Order gegeben, den Deal platzen zu lassen. Diese kam von Prinz Muhammad bin Salman, dem Lieblingssohn von Saudiarabiens König Salman. Der Prinz ist seit der Inthronisierung ­seines Vaters zur mächtigen Figur im Hintergrund aufgestiegen.

Den Iran in Schach zu halten, sei dem Prinzen, der im Königreich unter anderem für Verteidigung zuständig ist, wichtiger als ein hoher Ölpreis. Im Vorfeld der Opec-Runde hatte er öffentlich damit gedroht, Saudiarabien könne die Produktion «jederzeit» von 10,1 auf 11 Millionen Fass pro Tag erhöhen, falls nicht alle Mitgliedsländer Hand zu einem Deal böten.

Schwemme beim Erdgas

Der Iran, dessen Ölexporte unter den Sanktionen der UNO stark litten, beharrt nun erst recht auf Ausweitung der Produktion – um 600'000 Fass pro Tag allein in den nächsten Monaten. Hinzu kommt, dass Russland inzwischen so viel Öl fördert wie seit 30 Jahren nicht mehr, um den Preissturz wenigstens teilweise auszugleichen. Russland fördert derzeit 10,9 Millionen Fass täglich, mehr als der bisherige Branchenleader Saudi­araben. Bei den Exporten liegen die Saudis jedoch weiterhin vorn, weil Russland im eigenen Land derart viel Erdölprodukte verbraucht. Um Marktanteile zu gewinnen, will Russland nun im ­grossen Stil Öl nach Indien liefern, zurzeit einer der wenigen Wachstumsmärkte. Hinzu kommt, dass der Irak nach Schwierigkeiten die Produktion ebenfalls wieder anheben kann.

Ein Streik von Ölarbeitern bremst zurzeit in Kuwait die Produktion und damit den absehbaren Rückgang des Ölpreises. In den USA fahren die Förderfirmen von Schieferöl, die sogenannten Fracker, ihre Produktion weiter zurück. Dies gleicht indes die rekordhohe Produktion etwa der beiden grössten Förderländer Saudiarabien und Russland nur teilweise aus. Zumal die Fracker die eingemotteten Bohrlöcher laut Branchenkenner umgehend reaktivieren, sobald der Ölpreis über 60 Dollar steigt. Was den Preisauftrieb bremsen, wenn nicht gar stoppen würde.

Dafür, dass der Ölpreis womöglich noch lange tief bleibt, sorgt zudem eine Schwemme beim Erdgas, speziell auch in den USA. Experten halten es für die absehbare Zukunft für realistisch, dass die Energiemenge Erdgas, die einem Fass Rohöl entspricht, womöglich weniger als 20 Dollar kosten wird – Ware, die heute in verflüssigter Form in jeden Weltteil verschifft werden kann, was ­indirekt den Ölpreis konkurrenziert.

Erstellt: 18.04.2016, 22:49 Uhr

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