Was tun Sie gegen Stress?

Bei ihren Betriebskontrollen achten die Arbeitsinspektoren besonders auf psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz. Unternehmen müssen nachweisen, was sie zum Schutz vorkehren.

Arbeitnehmende beklagen sich über häufige unfreiwillige Unterbrechungen der Arbeit.  Foto: Jetta Productions (Getty Images)

Arbeitnehmende beklagen sich über häufige unfreiwillige Unterbrechungen der Arbeit. Foto: Jetta Productions (Getty Images)

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Die Fakten sind längst auf dem Tisch. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass immer mehr Arbeitnehmende als Folge der veränderten Arbeitsbedingungen unter Stress leiden. Allein zwischen 2000 und 2010 betrug die Zunahme 30 Prozent. Dies zeigen Zahlen des Bundes.

Die Folgen von Stress gehen ins Geld. Schon im Jahr 2000 schätzte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die volkswirtschaftlichen Kosten auf jährlich 4 Milliarden Franken. Neuere verlässliche Zahlen gibt es nicht. Auch sind in dieser Schätzung die Aufwendungen für die Folgen von psychischen Belastungen, wie sie etwa durch Mobbing oder Burn-out verursacht werden, nicht eingeschlossen, weshalb die tatsächlichen Gesamtkosten inzwischen wohl ein Vielfaches betragen dürften.

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Zeit also, dass sich auch der Staat stärker als bisher der psychosozialen Risiken in der Arbeitswelt annimmt. Er kann zwar die Arbeitnehmer nicht direkt vor belastenden Arbeitsbedingungen schützen, dies ist Sache der Unternehmen. Indes sei es Aufgabe der Behörden, zu prüfen, ob die Arbeitgeberinnen ihrer gesetzlichen Pflicht zum Gesundheitsschutz nachkommen, sagt Valentin Lagger, Leiter der Eidgenössischen Arbeitsinspektion.

Im Frühjahr 2014 definierte das Seco gemeinsam mit den Sozialpartnern und den Kantonen die psychosozialen Risiken für die folgenden Jahre zum Schwerpunktthema für die Arbeitsinspektionen. Die kantonalen Kontrolleure sollen das Thema bei ihren Betriebsbesuchen prioritär behandeln. Mit Weiterbildungskursen werden sie auf ihre Spezialaufgabe vorbereitet, denn viele Inspektoren stammten ursprünglich aus technischen Berufen und seien mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz bislang wenig vertraut gewesen, wie Udo Heinss vom Arbeitsinspektorat des Kantons Zürich weiss. Schliesslich werden die Inspektoren mit umfangreichem Informationsmaterial ausgerüstet, um die Betriebe für das Thema zu sensibilisieren (alle Infos unter: psyatwork.ch).

Wie erkennt man die Risiken?

Das Interesse sei gross, die Kurse seien regelmässig überbucht, sagt Valentin Lagger. Auch Vertreter kleiner Kantone finden es richtig, auf psychosoziale Risiken zu fokussieren, zumal diese wegen des stark gestiegenen Produktionsdrucks selbst für das lokale Gewerbe ein «Riesenthema» seien, sagt der Glarner Arbeitsinspektor Bruno Giger.

Inzwischen ist der Vollzug in vollem Gang. Nur: Wie geht das? Wie können Inspektorinnen bei Betriebsbesuchen die psychischen Belastungen erkennen? Das sei tatsächlich nicht so einfach. Doch es sei auch nicht Aufgabe der Inspektoren, herauszufinden, ob es in einem Unternehmen psychische Belastungen gebe, sagt Arbeitsinspektor Udo Heinss. «Wir prüfen lediglich, ob die Arbeitgeber sich der Risiken bewusst sind und entsprechende Vorkehrungen getroffen haben.»

So erkundigen sich die Inspektoren bei den Verantwortlichen der Firmen etwa danach, ob es entsprechende Krankheitsfälle oder Konflikte gegeben habe und ob die Arbeitsbedingungen auf mögliche psychische Belastungen hin evaluiert würden. Die Arbeitgeberinnen müssen auch nachweisen können, was sie zum Schutz der persönlichen Integrität vorkehren, ob sie über Anlaufstellen für Konflikte oder Mobbing verfügen und ob der Gesundheitsschutz in einem Leitbild verankert sei.

Die besten Absichtserklärungen und Reglemente nützten indes nichts, wenn die Strategie zum Gesundheitsschutz nicht verankert sei, sagt Christina Stoll, Direktorin des kantonalen Arbeitsinspektorats in Genf. «Die Hierarchie muss dahinterstehen, die Angestellten müssen Bescheid wissen.» Deshalb führe man bei den Betriebsrundgängen jeweils auch Gespräche mit den Mitarbeitenden, so könne man evaluieren, ob Strategien vorhanden und auch bekannt seien, ergänzt Stoll. Gleiches berichtet der Leiter des kantonalen Arbeitsinspektorats Bern, Roland Schlup. «Wir erkundigen uns bei den Angestellten auch danach, ob sie wissen, an wen sie sich bei Problemen wenden können.»

Fehlbare Betriebe müssen nachbessern. Dabei berate man sie und zeige ihnen auf, wie sie die Vorgaben erfüllen könnten. Gegebenenfalls setze man eine Frist für die Umsetzung und dann komme es auch zu einer Nachkontrolle, erläutert Nicole Hostettler, Leiterin des Amtes für Wirtschaft und Arbeit von Basel-­Stadt. Für kleinere Betriebe sei der Umgang mit psychosozialen Risiken indes eine Herausforderung. Sie könnten sich dabei allenfalls von Branchenverbänden unterstützen lassen.

Genf machts anders

Die Arbeitsinspektoren melden ihre Besuche jeweils vorzeitig an. Zum einen wählen sie die Unternehmen stichprobenartig aus, zum andern richten sie die Kontrollen gezielt nach Branchen mit besonders hohem Potenzial für psychische Belastungen aus. Aber auch Beschwerden von Mitarbeitenden können Auslöser für eine Inspektion sein. Im Kanton Genf ist dies oft der Fall: «Wir gehen sehr häufig aufgrund konkreter Hinweise in die Firmen», sagt die Chefin des Arbeitsinspektorats Christina Stoll.

Stoll führt dies auf die spezielle Konzeption der Genfer Arbeitsinspektion zurück. Diese versteht sich als niederschwellige Anlaufstelle, eine Art Permanence. «Wir sind telefonisch erreichbar und haben eine gute Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern. Sowohl Arbeitgeberinnen wie auch Arbeitnehmer melden sich bei uns.» Bei den Hinweisen von Arbeitnehmenden gehe es oft um Konflikte mit psychosozialen Ursachen, weshalb das Thema stark von aussen gesteuert sei. Das sei wohl auch mit ein Grund, warum die Prävention in Genf schon seit Jahren im Fokus der Arbeitsinspektion sei, glaubt Stoll.

In der Deutschschweiz sind die bisherigen Erfahrungen der Arbeitsinspektorate mit den psychosozialen Risiken in den Firmen unterschiedlich. «Es gibt Betriebe, die sind sehr gut aufgestellt, für andere ist das Thema eher neu», stellt Udo Heinss aus Zürich fest. Der Glarner Arbeitsinspektor Bruno Giger ergänzt: Viele kümmerten sich noch zu wenig um mögliche psychische Belastungen. Das Wissen sei wohl in vielen Unternehmen vorhanden, so Roland Schlup vom Arbeitsinspektorat des Kantons Bern, doch das Bewusstsein, «dass es beim Gesundheitsschutz um eine Kultur geht, die regelmässig gelebt werden muss, ist noch nicht überall verankert».

Die Gewerkschaften begrüssen, dass das Augenmerk vermehrt auf psychosoziale Faktoren gelegt wird. Die Inspektoren verfügten nun über die Instrumente, um die Arbeitsbedingungen positiv zu beeinflussen, sagt Christine Michel, Fachsekretärin Gesundheitsschutz bei der Unia. Dazu brauchte es jedoch auch mehr Kontrollen, den meisten Arbeitsinspektoraten fehlten indes die dafür nötigen personellen Ressourcen. Tatsächlich gibt es im Kanton Zürich gerade mal 24 Inspektoren für fast 80 000 Betriebe, in Bern kümmern sich 11 Personen um 35 000 Unternehmen – in Glarus ist Bruno Giger allein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2016, 23:13 Uhr

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