Wer hat heute die Macht bei Raiffeisen?

Nach dem Notenstein-Verkauf ist die Ära Vincenz endgültig vorbei. Nachfolger Gisel erscheint nur mehr als Übergangslösung.

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Es gibt wohl keinen Bankmanager, der in den letzten Monaten so viele Spitzkehren hinlegen musste wie Patrik Gisel. Da erzählte er doch noch Mitte Januar in einem Interview mit der «SonntagsZeitung», die Reputationsrisiken für die Raiffeisen stünden aus seiner Sicht in keinem Verhältnis zum Inhalt der Untersuchung der Finanzmarktaufsicht; alle Zukäufe der Raiffeisen seien rechtens gewesen und transparent abgewickelt worden. Darum könne Pierin Vincenz auch weiterhin Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen-Tochtergesellschaften sein. Einen Verkauf der Bank Notenstein schliesse er aus, weil Raiffeisen und Notenstein immer stärker vernetzt seien. «Wenn wir diese Ausgangslage richtig nutzen, erwarte ich, dass wir Kunden von anderen Privatbanken gewinnen können.» Das war die Aussage Gisels am 14. Januar dieses Jahres.

Heute, vier Monate später, stimmt nichts mehr davon. Vincenz sitzt im Gefängnis und ist alle seine Mandate los. Notenstein ist verkauft, und bei Raiffeisen spricht keiner mehr von Vernetzung, sondern nur noch von Trennung – nicht nur im Privatbankenbereich. Wie kam es dazu?

Zugegeben, Gisel hatte keinen einfachen Start, als er vor zweieinhalb Jahren das Amt des Raiffeisen-Chefs von Pierin Vincenz übernahm. Vincenz war nach 16 Jahren an der Spitze Mister Raiffeisen schlechthin. Er hat die ehemalige Bauernbank zu dem gemacht, was sie heute ist: zur drittgrössten Bank der Schweiz. Doch das genügte Vincenz nicht. Er wollte Raiffeisen noch grösser machen. 2013 schluckte er die noble Wegelin, die älteste Privatbank der Schweiz. Wegelin war in Not, weil die amerikanischen Steuerbehörden unverhohlen damit drohten, die Bank mithilfe einer Anklage wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung praktisch zu zerstören. Konrad Hummler, der langjährige Wegelin-Chef, war das Bauernopfer im Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA. Das war eine Demütigung für Hummler und die Krönung für Vincenz, den Chef der Bauernbank.

«Kein Bankmanager legte wohl so viele Spitzkehren hin.»

Und Vincenz kaufte nicht nur eine Privatbank. Hinzu kamen viele Übernahmen von kleineren Firmen, die unter ungeklärten Umständen gekauft und meist erfolglos in den Raiffeisen-­Verbund integriert wurden. Andere, etwa der Derivatehersteller Leonteq, wurden über Minderheitsbeteiligungen ins Geschäft eingebunden. Damit wollte Vincenz auch ins glamouröse Investmentbanking einsteigen. Zusammen mit dem Softwarehersteller Avaloq wollte er gar in der Informatikbranche mitmischen. All die Zukäufe segnete der Verwaltungsrat ab, und bei allen spielte Vincenz’ Nachfolger Gisel eine wesentliche Rolle. Mit Leonteq schloss Gisel 2016 noch einen Zehnjahresvertrag ab.

Dabei gab es bereits erste Warnzeichen: Die Nationalbank bemängelte schon im Sommer 2015 in ihrem Stabilitätsbericht die risikoreiche Abhängigkeit der Raiffeisen von den tiefen Zinsen. Ende 2015 liefen intern die ersten Untersuchungen. Es kamen Interessenkonflikte Vincenz’ bei den Übernahmen zur Sprache. Und vor allem: Es zeigte sich, dass der grösste Zukauf, die inzwischen von Wegelin in Notenstein umgetaufte Privatbank, Kunden verlor. Also wurde restrukturiert, der Chef ausgewechselt, die russischen Kunden verkauft, Geschäftsteile abgestossen und mit Raiffeisen fusioniert.

Die Softwarekooperation geriet zum Flop. 500 Millionen Franken, die in neue Systeme investiert wurden, könnten sich als wertlos erweisen – zumindest waren sie viel zu teuer. Mit dem Verkauf der Wegelin ist auch die Kooperation mit Leonteq bedeutungslos geworden, denn deren reiche Kundschaft kauft jetzt ihre strukturierten Produkte bei Vontobel. Dementsprechend sank der Kurs der Leonteq-Aktien. Gisel liquidiert das Erbe seines Vorgängers und damit die Früchte seiner Arbeit als Vincenz’ Stellvertreter. Seine einstigen Pläne kann er nicht mehr durchsetzen, denn bei Raiffeisen hat inzwischen nicht mehr der Chef das Sagen, sondern der Verwaltungsrat. Der neue Präsident Pascal Gantenbein setzt sich durch. Es wird immer offensichtlicher, dass Gisel die Übergangslösung für die nächsten Monate ist – nicht der Präsident, der ursprünglich nur ein halbes Jahr bleiben wollte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 06:31 Uhr

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