Wer seine Zeit verschenkt, erhält Hilfe im Alter

Die Menschen werden älter, die Kosten der Betreuung steigen massiv an. Zeitbanken könnten das Problem etwas mildern. Wie das funktioniert, zeigt ein Versuch in Köln.

In jungen Jahren alten Menschen zu helfen, soll sich rechnen. Foto: Maskot (Getty Images)

In jungen Jahren alten Menschen zu helfen, soll sich rechnen. Foto: Maskot (Getty Images)

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Früher hat sich Karl-Heinz Kock (72) bei Ford über die Verbesserung von Autos den Kopf zerbrochen. Heute treibt den Ingenieur eine soziale Idee um, die Menschen im Alter unterstützen soll: die sogenannte Zeitbank.

Im Garten seines Reihenhauses im Kölner Norden erläutert Kock die Idee. Er zeigt auf einen Baum, den er fällen will. Das wäre mühsam, selbst für einen rüstigen Rentner wie ihn. Deswegen werde er einen Teil seines Gut­habens bei der Zeitbank eintauschen; ein Jüngerer werde den Baum umsägen und damit sein Zeitguthaben aufstocken.

Auf dem Wohnzimmertisch rollt Kock ein Plakat aus, auf dem das Prinzip dargestellt ist. Zu sehen ist eine Sanduhr: Oben sind Menschen, die für andere Dinge erledigen und dafür Zeit gutgeschrieben bekommen. Unten diejenigen, die Hilfe in Anspruch nehmen und ihr Zeitguthaben verbrauchen.

Solche Hilfen hätten früher typischerweise die Familie oder Nachbarn geleistet. Aber Familien leben heute oft verstreut, und längst nicht jeder Nachbar ist hilfsbereit. Freunde altern häufig im Gleichschritt und benötigen ebenfalls Hilfe. Wer genug Geld hat, kauft sich Dienstleistungen ein, beschäftigt Haushaltshilfe oder Gärtner. Doch bei vielen reicht das Geld dafür nicht aus. Es bleibt ihnen nur der Umzug ins Pflegeheim.

Dank der Zeitbanken könnten auch solche Menschen länger in den eigenen vier Wänden bleiben, erklärt Kock. Er nennt eine Periode von vier bis fünf Jahren, in der betagten Menschen einige Stunden Hilfe pro Woche ausreichten. «Da geht es um Einkäufe, Gartenarbeiten, Reparaturarbeiten oder Fahrdienste», sagt er.

Verbreitet ist die Idee in den USA und Grossbritannien; bekannt geworden ist auch das Fureai-Kippu-System (Pflege-Beziehungs-Ticket) in Japan, ein Zeitzbanksystem für Pflegedienstleistungen. Mit ihrem Zeitkonto können Menschen die Leistungen der Krankenversicherung ergänzen. Das Honorar hängt von der Aufgabe ab. Wer beispielsweise jemandem im Haushalt hilft oder einkauft, erhält weniger Zeit gutgeschrieben als jemand, der bei der Pflege hilft.

Zeitbanken als vierte Säule

«Ein besonderes soziales Faible hatte ich früher eigentlich nicht», erzählt der studierte Physiker Kock. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2006 wurde er ­Seniorenexperte: Mal berät er eine indische Firma in Bangalore, mal einen deutschen Automobilzulieferer; Schülern gibt er Nachhilfe in ­Mathematik und Deutsch. Seine grösste Aufgabe fand er, als er 2011 ein Interview mit dem mittlerweile verstorbenen CDU-Politiker Lothar Späth und dem ehemaligen McKinsey-Chef Herbert Henzler las.

Sie propagierten die Idee von Zeitbanken als einer vierten Säule der Altersvorsorge, neben der gesetzlichen Rente, der beruflichen sowie der privaten Vorsorge. Kock gründete die Kölner Vorsorge-Zeitbank.

25 Leute haben bis jetzt mitgemacht. «Viel zu wenig», sagt Kock, der von ­lebendigen Gruppen in allen Kölner Stadtvierteln träumt. Unrealistisch findet er das nicht. Schliesslich sei jeder Vierte in Deutschland bereit, ehrenamtlich tätig zu werden, wenn er dafür eine Gegenleistung erhalte. Für eine Millionenstadt wie Köln bedeute dies ein sehr grosses Potenzial an Bürgern. «Wenn wir davon jeden Zehnten erreichen, wäre ich am Ziel», sagt Kock.

Im deutschsprachigen Raum wird die Idee häufig unter einem anderen Namen verwirklicht: als Seniorengenossenschaft, die meist in der ­Rechtsform des Vereins organisiert ist. Dazu kommen auch noch Tauschbörsen und Nachbarschaftshilfen.

«Nie zu früh, aber oft zu spät»

Gefragt sind vor allem Einkaufsdienste und Unterstützungen (87 Prozent), Begleitdienste und Ämtergänge (86 Prozent) sowie handwerkliche Hilfen (80 Prozent), fanden Forscher heraus. Wer hilft, erhält entweder Geld und Regionalwährungen oder Punkte und Zeit. Grundsätzlich reicht ein Stück Papier aus, um Zeit gutzuschreiben. Meist ­nutzen die Organisationen jedoch Computer, auch weil so über Vermittlungsstellen leichter Guthaben auf andere übertragen werden können. Wer im Alter fünf Jahre lang fünf Stunden pro Woche Hilfe in Anspruch nehmen will, benötigt ein Guthaben von 1300 Stunden.

Doch der Dreh- und Angelpunkt des Zeitbanksystems ist ungewiss. Schliesslich kann eine Zeitbank aufgelöst werden, oder ihr gehen die aktiven Mitglieder aus. Darum machen sich die Beteiligten jedoch wenig Sorgen.

Die Sozialwissenschaftlerin Ursula Köstler von der Universität Köln beobachtet ein «personengebundenes Vertrauen in die aktiven Mitglieder», das auf das ganze System der Seniorengenossenschaften übergehe. Köstler stellt einen Einstellungswandel bei manchen Beteiligten fest: Anfangs stand für sie das Punktesammeln für den eigenen Bedarf im Vordergrund, jetzt das Zusammensein. Manche Initiative stelle sogar die Zeitkonten-­Dokumentation nach Jahren ein, sagt die Forscherin. Wichtig sei, dass die Städte anfangs Initiativen unterstützen, indem sie etwa Räume bereitstellen. «Dann ­tragen sich Seniorengenossenschaften eigentlich selbst», sagt Köstler.

Christoph Butterwegge, Armutsforscher an der Uni Köln, ist trotzdem skeptisch: «Dort, wo es bürgerschaftliches Engagement gibt, gibt es keine Armen. Und dort, wo die Armen leben, fehlt das bürgerschaftliche Engagement.» Butterwegge spricht sich vielmehr für einen starken Sozialstaat aus. Zudem bestehe die Gefahr, dass solche Hilfsangebote staatliche ­Hilfen verdrängen würden. Kock widerspricht, Zeitbanken seien nur als Ergänzung gedacht. Auf Altersvorsorge will Kock die Zeitbank nicht beschränken. Ein plötzlicher Unfall oder eine Scheidung könne auch junge Menschen schnell hilfebedürftig machen.

Bei Zeitbanken gibt es die Möglichkeit, anderen Menschen Zeit zu schenken. Kock hat dies auch schon getan, denn er selbst braucht die Zeitbank nicht, seine Rente ist ausreichend. Damit sei er eine Ausnahme in dem Verein. Es mache ­übrigens einen grossen Unterschied, ob man für das Alter Geld oder Zeit anspare, erklärt Kock weiter: «Eine Stunde bleibt in einer Zeitbank ­immer eine Stunde, es gibt weder Inflation noch Zinsen.»

Erstellt: 18.09.2016, 20:36 Uhr

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