Wie die Menschheit Armut besser bekämpfen kann

Drei Armutsforscher, darunter eine Frau, erhalten den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis. Ihr Ansatz: Das komplexe Thema in viele kleine Fragestellungen herunterbrechen.

Der Wirtschaftsnobelpreis 2019 rückt eine wenig beachtete Wissenschaft ins Rampenlicht: die Armutsforschung.

Der Wirtschaftsnobelpreis 2019 rückt eine wenig beachtete Wissenschaft ins Rampenlicht: die Armutsforschung. Bild: Keystone

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Die Französin Esther Duflo vom Massachusetts Institute of Technology ist nicht nur die zweite Frau, die den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhält. Sie ist mit 46 Jahren auch die jüngste Nobelpreisträgerin aller Zeiten.

Zusammen mit ihren Kollegen Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology und Michael Kremer von der Harvard University wurde sie heute für Forschung auf einem Gebiet ausgezeichnet, das eher weniger mit Wirtschaftswissenschaften in Verbindung gebracht wird: Armut.

Die drei Ökonomen hätten wesentlich dazu beigetragen, dass Armut weltweit bekämpft werden könne, begründete die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften ihren Entscheid. «Verschiedene Faktoren führen zu Armut. Die Zusammenhänge wurden bislang zu wenig genau untersucht. Meine Kollegen und ich haben das gemacht», sagte Duflo, die sich am Mittag telefonisch in die Medienkonferenz der Wissenschaftsakademie zuschalten liess.

Neuer Ansatz

Die Wissenschaftler haben einen neuen Ansatz eingeführt, um das Wesen der Armut besser zu verstehen. Einfach gesagt geht es darum, das komplexe Thema in kleine und überschaubare Fragestellungen zu unterteilen. Zum Beispiel: Wie können Schüler eine bessere Bildung erlangen? Wie lässt sich die Gesundheit von Kindern verbessern?

Die Preisträger suchten auf diese präziseren Fragen Antworten, indem sie in verschiedenen Ländern in armen Gemeinschaften Experimente durchgeführt haben.

Mitte der 1990er-Jahre zeigten der US-Amerikaner Michael Kremer und seine Mitarbeiter auf, dass diese Vorgehensweise funktioniert. Mithilfe von Feldversuchen haben die Armutsforscher eine Reihe von Eingriffen getestet, welche die Schulleistungen von Kindern in Kenia verbessern sollten.

Erkenntnisse zur Bildung

Dabei haben die Forscher herausgefunden, dass zusätzliche Schulbücher und kostenlose Mahlzeiten kaum einen Einfluss auf die Lernergebnisse der kenianischen Schüler hatten. Gezielte Nachhilfe für lernschwache Kinder hingegen führte zu deutlich besseren Schulleistungen.

So konnten Kremer und seine Mitarbeiter nachweisen, dass in Entwicklungsländern die Bildung nicht von den Ressourcen – Schulmaterial, Lehrer und Essen – abhängig ist. Vielmehr kommt es darauf an, den Stoff an die Bedürfnisse der Schüler anzupassen. Eine gute Bildung ist ein wesentlicher Faktor, um der Armut zu entkommen.

Der Inder Abhijit Banerjee, vielfach in Zusammenarbeit mit Duflo und Kremer, führte später ähnliche Studien zu anderen Themen durch. Ein solcher Bereich sind etwa Mikrokredite.

«Dieses Gebiet zeigt, was Volkswirtschaft wirklich ist. Nämlich eine Disziplin, die hilft, Probleme zu lösen.»Dina Pomeranz, Armutsforscherin

Nichtregierungsorganisationen setzen den Ansatz der drei Forscher heute ein, um den Nutzen ihrer Massnahmen abzuschätzen. Sie führen dazu vor Ort ebenfalls Feldexperimente durch.

Beifall aus der Schweiz

Schweizer Ökonomen wie die Wirtschaftsprofessorin Dina Pomeranz von der Universität Zürich freuen sich darüber, dass die Akademie der Wissenschaften die in der Öffentlichkeit wenig beachtete Armutsforschung ins Rampenlicht rückt. «Dieses Gebiet zeigt, was Volkswirtschaft wirklich ist. Nämlich eine Disziplin, die hilft, Probleme zu lösen.» Pomeranz forscht ebenfalls zu Armut.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Lebensstandard der Menschen fast überall auf der Welt spürbar verbessert. Das wirtschaftliche Wohlergehen, gemessen am Bruttoinlandprodukt pro Kopf, hat sich zwischen 1995 und 2018 in den ärmsten Ländern verdoppelt. Die Kindersterblichkeit hat sich gegenüber 1995 halbiert. Die Zahl der Kinder, die eine Schule besuchen, ist von 56 auf 80 Prozent gestiegen.

Trotz dieser Fortschritte bleiben Herausforderungen bestehen. Über 700 Millionen Menschen leben von extrem niedrigen Einkommen. Jedes Jahr sterben fünf Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. Ursache sind oft Krankheiten, die mit billigen und einfachen Behandlungen verhindert oder geheilt werden könnten.

Erstellt: 14.10.2019, 17:22 Uhr

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