Wie wollen Sie einen 75-Kilometer-Tunnel in sieben Jahren bauen?

Die Schweizer Güter-Untergrundbahn soll den Verkehrskollaps auf der Strasse verhindern. Verwaltungsrat Daniel Wiener über die Schwierigkeiten des Projekts.

Ab 2030 soll die erste U-Bahn für den Gütertransport fahren. Video: Cargo sous terrain

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Bereits 2023 wollen Sie mit dem Bau des Tunnels von Härkingen-Niederbipp nach Zürich beginnen. Werden Sie bis dahin tatsächlich alle Bewilligungen haben?
Dieser Zeitplan ist sehr ehrgeizig. Aber im Ausland haben uns alle gefragt, warum wir so lange brauchten. In China würde man zu bauen beginnen, bevor wir überhaupt mit der Planung angefangen haben. Wir wollen nun in der Planungsphase mit noch mehr Planern und Ingenieuren schneller vorankommen und die Bauphase mit zusätzlichen Bohrmaschinen verkürzen.

Was muss das Parlament genau bewilligen, dass sie im Untergrund bohren dürfen?
Nein, es handelt sich um ein Rahmengesetz. Alle an Trassen gebundenen Verkehrsmittel in der Schweiz brauchen eine gesetzliche Grundlage, selbst eine Trolleybuslinie.

Dürfen sie im Untergrund einfach bohren?
Alles unterhalb der Keller oder anderer Tiefbauten ist öffentlich. Dort unten kann also jeder machen, was er will, ausser mit den Bodenschätzen. Diese gehören der Öffentlichkeit. Im Untergrund darf man bauen, solange die darüber liegenden Bauten nicht beeinträchtigt werden.

Ein Tunnel dieser Länge von sechs Metern Durchmesser ist ein gigantisches Bauwerk. Haben Sie schon abgeklärt, ob Sie Grundwasserzonen oder brüchiges Gestein durchqueren?
Das haben wir bereits abgeklärt. Wir kennen die Geologie genau und haben die Linienführung wegen einer Zone mit kritischer Geologie bereits angepasst. Wir umfahren diese mit einer Kurve. Wir sind nun daran, die Standorte für die Hubs festzulegen.

Das AKW Gösgen unterqueren Sie nicht?
Nein, das liegt auch nicht in der Nähe eines Logistikcenters. Wir versuchen die Logistikcenter der Schweiz direkt miteinander zu verbinden. Wir dürfen auch unter der Autobahn bohren, allerdings nur mit höchsten Auflagen, 20 bis 40 Meter unter dem Boden. Wenn wir unter der Autobahn bauen, braucht es eine spezielle Bewilligung des Bundesamtes für Strassen. Leider liegen die Autobahnen für uns häufig am falschen Ort, denn deren Verlauf wurde politisch geplant.

Trotzdem wirkt das Projekt immer noch etwas utopisch. Für die Neat brauchte man 20 Jahre, und Sie wollen den ersten 75-Kilometer-Tunnel innert sieben Jahre bauen?
Die Neat ist ein gigantisches Bauwerk, das man nicht mit Cargo sous terrain vergleichen kann. Allein die Gotthard-Neat besteht aus drei Tunnelröhren, dazu kommt noch der Lötschbergtunnel. Auch die Sicherheitsanforderungen sind bei uns viel geringer, da wir keine Personen transportieren. Unsere Transporte fahren mit 30 Kilometer pro Stunde, Neat-Züge mit Hochgeschwindigkeit. Mit dem technischen Knowhow der Schweiz ist es einfach, eine Röhre mit 6 Meter Durchmesser zu bauen. Die Schweiz ist weltweit führend im Tunnelbau. Gewisse Hubs, also Zugänge, werden in bestehende Logistikzentren eingebaut. Wir beanspruchen also keine Riesenflächen an der Oberfläche.

Das Ganze erinnert etwas an eine unterirdische Rohrpost.
Das ist kein schlechtes Bild, allerdings handelt es sich bei Cargo sous terrain nicht nur um ein Transportsystem. Wir sind ein bewegliches Lagerhaus unter dem Boden. Wir werden auf der mittleren unserer drei Spuren eine Million Quadratmeter Lagerfläche haben. Das entspricht zehn riesigen Lagerhäusern. Das ist wie ein horizontales, unterirdisches Hochregallager, in dem man Waren abrufen und zwischenlagern kann. Die Abfahrtszeit einer Ware wird bestimmt durch den Kunden, vergleichbar mit Autos der Shared economie. Wenn ich mit einem selbstfahrenden Fahrzeug um 4 Uhr in Oerlikon sein will, wird mir der Anbieter unter Berücksichtigung aller Staus sagen, wann ich in Bern abfahren muss.

Konkurrenzieren Sie SBB Cargo oder die Lastwagen auf der Strasse?
Weder noch. Wenn es eine Verlagerung gibt, dann von der Strasse auf Cargo sous terrain. Denn Lastwagen transportieren viele kleine Einzelmengen. Der Bund geht aber in einem mittleren Szenario davon aus, dass der Güterverkehr in der Schweiz bis 2040 um 37 Prozent wächst. Wir hoffen, dieses Wachstum absorbieren zu können, damit es auf der Strasse nicht noch schlimmer wird. Den sechspurigen Ausbau der A1 braucht es trotzdem. Und die Bahn ist ausgerichtet auf Massengüter. SBB Cargo ist ein Partner, der das System mitbetreiben will.

50 Meter tief in den Boden versenkt und dann abtransportiert: Ein Modell zeigt, wie «Cargo Sous Terrain» funktionieren soll. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2018, 18:42 Uhr

Daniel Wiener. zvg

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