Wieder ohne Umsteigen über die Gotthard-Bergstrecke

Die SBB wollen den Betrieb von drei Schnellzuglinien der Südostbahn überlassen. Damit verbessert sich das Angebot auf der Gotthard-Bergstrecke.

Die Züge rollen: Ab dem Fahrplanwechsel 2020 wird es wieder direkte Verbindungen von Zürich sowie Basel und Luzern über die Gotthard-Bergstrecke ins Tessin geben.

Die Züge rollen: Ab dem Fahrplanwechsel 2020 wird es wieder direkte Verbindungen von Zürich sowie Basel und Luzern über die Gotthard-Bergstrecke ins Tessin geben. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Mit welcher Bahngesellschaft sie von A nach B fahren, dürfte den meisten Passagieren egal sein. Zumindest dann, wenn die Züge pünktlich unterwegs sind, ausreichend Sitzplätze verfügbar sind und die Fahrt komfortabel ist.

Dass nun die SBB den Betrieb auf den drei Interregio-Linien Bern–Chur, Basel–Lugano und Zürich–Lugano der Südostbahn übergeben wollen, sollte Bahn­kunden dennoch interessieren. Denn die alte Gotthard-Bergstrecke, die in letzter Zeit einen deutlichen Niedergang erlebte, soll nach den gemeinsamen Plänen der beiden Bahngesellschaften wieder aufgewertet werden.

SBB verärgerten Uri und Tessin

Seit der Eröffnung des Neat-Basistunnels im Dezember sind jenen Passagieren, die von Zürich, Basel oder Luzern ins obere Reusstal oder die Leventina fahren wollten, nur Nachteile entstanden. Dafür verantwortlich sind die SBB, die den Fahrplan auf der alten Gotthardstrecke stark ausgedünnt haben. Direkte Züge von Norden gibt es nur noch vereinzelt am Wochenende. Wer via Göschenen nach Andermatt oder ins Oberwallis will, muss zusätzlich in Erstfeld auf einen viel kleineren Zug auf S-Bahn-Niveau umsteigen.

In den Kantonen Uri und Tessin machte sich deswegen Unmut breit. Sie fühlten sich von den Bundesbahnen im Stich gelassen. Andermatt Swiss Alps, das Unternehmen des ägyptischen Unternehmers Samih Sawiris, ging sogar zum Gegenangriff über: Es plante als Ersatz für das untaugliche Bahnangebot die Einführung eines eigenen Skibus­netzes mit regelmässigen Fahrten von Basel, Zürich, Zug, Luzern und Lugano nach Andermatt, wo Sawiris ein grosses Ferienresort baut.

Unverhohlen hofften Vertreter aus Uri und dem Tessin, dass die SBB ihre Konzession am Gotthard an die Südostbahn verlieren. Die hauptsächlich in den Kantonen St. Gallen und Schwyz tätige Regionalbahn betreibt den sogenannten Voralpen-Express von St. Gallen über Rapperswil und Arth-Goldau nach Luzern. Auf dieser Strecke hat sie gezeigt, dass sich auch auf weniger stark befahrenen Bahnstrecken ein attraktives Angebot rechnen kann.

Infografik: Auf diesen Strecken fährt die Südostbahn ab 2020 Grafik vergrössern

Dieses Konzept will die Südostbahn auf die alte Gotthardstrecke übertragen. Sie meldete Interesse an der Konzession an, die Ende 2017 neu vergeben wird. Das zuständige Bundesamt für Verkehr begrüsste den Ideenwettbewerb zwar. Dennoch forderte es die Bahngesellschaften auf, sich zusammenzuraufen, um eine einvernehmliche Vergabe zu ermöglichen.

Mit der gestern bekannt gegebenen Zusammenarbeit haben SBB-Chef Andreas Meyer und Südostbahn-Chef Thomas Küchler dieser Aufforderung Folge geleistet. Konkret ist vorgesehen, dass die SBB zwar weiterhin die Konzession und das unternehmerische Risiko für die Gotthard-Bergstrecke und die Interregio-Linie von Bern über Burgdorf nach Zürich und weiter nach Chur behalten. Der Betrieb aber obliegt vom Rollmaterial über das Personal bis zur Vermarktung der Verantwortung der Südostbahn. Dafür wird sie von den SBB mit einem Festbetrag abgegolten.

Für das St. Galler Unternehmen ist das interessant. Denn die Bahn ist laut Thomas Küchler derzeit zu klein zum Überleben, aber zu gross zum Sterben. Mit der Zusammenarbeit kommt sein Unternehmen zu einem Wachstumsschub, der ihm hilft, seine Verwaltungskosten besser zu decken.

Gut fahren auch die SBB: Sie mussten zwar eingestehen, dass die Ideen der Südostbahn für die Gotthard-Bergstrecke den eigenen Konzepten überlegen waren. Gleichzeitig profitieren aber auch sie, weil die Zusammenarbeit auf den betreffenden Interregio-Strecken einen effizienteren – sprich kostengünstigeren – Betrieb ermöglicht.

Modernes Rollmaterial

Einen direkten Nutzen haben vor allem die Passagiere. Ab dem Fahrplanwechsel 2020 wird es wieder direkte Verbindungen von Zürich sowie Basel und Luzern über die Gotthard-Bergstrecke ins Tessin geben, mit Halt an allen wichtigen Orten. Die Südostbahn wird modernes Rollmaterial einsetzen – mit ausreichend Platz für Velos und Sportgeräte. Und mit Automatenzonen, in denen Getränke und Snacks gekauft werden können. Fällt das Bundesamt für Verkehr wie geplant noch im laufenden Jahr den Konzessionsentscheid, würden die Züge rechtzeitig bereitstehen, wie Südostbahn-Chef Küchler sagt. Er hat bei Stadler Rail eine Option für zwanzig Züge unterschrieben, die unter anderem auf der Gotthardlinie zum Einsatz kämen.

Die Reaktionen in den betroffenen Kantonen sind positiv. «Dass es wieder direkte Verbindungen von den grossen Städten der Deutschschweiz ins obere Tessin geben wird, ist für Einheimische wie für Touristen eine gute Nachricht», sagt Raffaele De Rosa, CVP-Kantonsparlamentarier und Leiter der regionalen Behörde für Wirtschaftsentwicklung mit Sitz in Biasca. Der Urner CVP-Ständerat und Präsident der Neat-Aufsichtsdele­gation, Isidor Baumann, sagt: «Dass die Südostbahn die Gotthard-Bergstrecke aufwerten wird, ist eine sehr erfreuliche Botschaft. Der Druck auf die SBB hat sich somit gelohnt.»

Zustimmung findet der Schritt auch bei Andermatt Swiss Alps und dem Zürcher Verkehrsverbund. Dessen Sprecher Caspar Frey sagt: «Es ist positiv, dass es wieder direkte Züge über die Gotthard-Bergstrecke gibt und das Umsteigen wegfällt. Damit ist es wieder attraktiver, Ausflüge aus der Region Zürich in die Gotthardregion zu machen.»

Schwierige Verhandlungen

Während es für die Gotthard-Berg­strecke kaum andere Interessenten für die Konzession geben dürfte, entsteht den SBB und der Südostbahn auf der Linie von Bern über Burgdorf nach Zürich Konkurrenz. Daran interessiert ist auch die BLS, das zweitgrösste Bahnunternehmen der Schweiz mit Sitz in Bern. Für sie hat sich die Ausgangslage mit der Einigung zwischen SBB und Südostbahn verschlechtert. Die BLS würde gerne Interregio-Strecken von Interlaken über Bern nach Zürich und von dort via Flughafen weiter Richtung Bodensee betreiben. Interessiert ist sie auch an der Strecke Interlaken–Bern–Basel.

Ob sich SBB und BLS ebenfalls zu einer Zusammenarbeit durchringen können oder ob schliesslich das Bundesamt für Verkehr entscheiden muss, ist offen. Gemäss SBB-Chef Andreas Meyer laufen derzeit noch Gespräche mit der BLS. Gestern liess er allerdings durchblicken, dass die Verhandlungen schwierig seien. Bei der BLS dagegen ist von «konstruktiven Verhandlungen» mit den SBB die Rede. Das Ziel der BLS bleibe eine eigene Fernverkehrskonzession. Anders als die Südostbahn wollen sich die Berner nicht mit dem Betrieb von Linien unter dem Mantel der SBB-Konzession zufriedengeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 22:23 Uhr

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