«Wir wollen Ferien nicht künstlich verteuern»

Martin Wittwer, seit 20 Jahren CEO von TUI Suisse, über den besten Surfspot, das Lädelisterben und die Rolle der Reisebüros.

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Aus einem beschaulichen Hof dringt Vogelgezwitscher durch die offenen Türen ins TUI-Reisebüro beim Bahnhof Stadelhofen. An der Wand verleiten immense Bilder von Kapstadt und Bora Bora zum Träumen. Filialleiter André Juchli unterhält sich mit seinem Chef über den aktuellen Geschäftsgang. TUI-Suisse-CEO Martin Wittwer schaut sich im Zürcher Aussenposten genau um. Er hat mit seinen Reisebüros grosse Pläne vor.

Denken Sie angesichts der vielen Kunden, die Sie nach Mallorca oder Kreta schicken, überhaupt an Fernziele?
Das Geschäft mit Fernreisen hat bei TUI Suisse massiv zugenommen. Übers Jahr gesehen liegt das Verhältnis zwischen Nah- respektive Mittelstreckenzielen und Ferndestinationen bei 70 zu 30.

Welche Destinationen legen zu?
Wir verzeichnen deutlich mehr Buchungen für die Ziele im Indischen Ozean, für die Malediven, Mauritius und die Seychellen. Asien läuft sehr gut, während Kanada und die USA stagnieren. Wir erweitern unser Hotel-Portfolio an exotischen Stränden. TUI eröffnete Robinson-Clubs auf den Kapverden und in Thailand, bald geht ein TUI Blue Hotel in Vietnam an den Start.

Welche Destination bereitet Ihnen Sorgen?
Wie heikel das Feriengeschäft im Fernstreckenbereich ist, zeigt etwa Sri Lanka. Die Insel war eine Trenddestination, bis die Anschläge in Colombo das Vertrauen zerstörten.

Und welches ist Ihre Lieblingsdestination?
Ich surfe gerne. Surfer lieben neben Wellen schöne Strände und viel Natur – das bieten die Kapverden.

Sie sind etwas mehr als zwanzig Jahre CEO von TUI Suisse. Fühlen Sie sich heute eher als Unternehmer oder als leitender Angestellter?
Ich habe praktisch immer volle unternehmerische Freiheit genossen, aber dafür bezahlt man auch einen Preis: den stetigen Druck, die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Ich musste mich in den zwanzig Jahren auch persönlich verändern und immer wieder dem neuen Umfeld anpassen.

Wie kamen Sie im Juli vor zehn Jahren zu TUI?
Ich hatte davor 14 Jahre für Kuoni gearbeitet. Ich war gerade in London, als mich Kuoni-Chef Hans Lerch anrief und mich bat, CEO von ITV zu werden. Die Buchstaben standen für Imholz, TUI und Vögele Reisen. Dieser drittgrösste Schweizer Reiseveranstalter war schwer angeschlagen, weil die Branchenriesen Kuoni und Hotelplan mit ITV zusammen keine gemeinsamen Charterflüge betrieben.

Weshalb diese Störmanöver?
Der Boykott war die Antwort von Kuoni und Hotelplan auf den ersten nennenswerten Einstieg eines deutschen Reiseveranstalters in den Schweizer Markt.

Warum bot Ihnen ausgerechnet der Kuoni-Boss einen Job beim Konkurrenten an?
Lerch hatte erkannt, dass die Deutschen nicht zu bremsen waren, stieg bei ITV ein und schloss ein Joint Venture zwischen Kuoni und TUI. Die Deutschen hielten fortan 51 Prozent der Aktien, Kuoni 49. Die bisherigen Teilhaber Jelmoli/Imholz und Vögele wurden ausbezahlt. Nach einer schlaflosen Nacht sagte ich zu.

Was traf der neue Chef an?
ITV schrieb jährlich über dreissig Millionen Franken Defizit. Es gab keine Firmenkultur, ein unübersichtliches Markensortiment und gewaltige Probleme in IT und Administration.

Wie kam es dann zur Übernahme der gesamten Firma durch TUI?
2004 stieg Kuoni aus. Also legte ich meinen Chefs in Hannover ein Konzept vor, TUI Suisse im Alleingang in die Gewinnzone zu bringen.

Ihre Strategie?
Ich ersetzte den ITV-Markensalat durch die TUI-Brands und führte erstmals deutsche Preise in der Schweiz ein. TUI Suisse profitierte von einer viel besseren Kostenstruktur als die Mitbewerber und dank den Möglichkeiten der internationalen Mutter von ungleich günstigeren Einkaufskonditionen. Und wir waren nur noch für Marketing und Vertrieb der Pauschalreisen zuständig.

Was beschäftigte Sie in den zwanzig Jahren als CEO am meisten?
Wir arbeiten zwar immer noch mit der gleichen Geschäftsidee im Tourismus, aber das Geschäftsmodell hat sich total gewandelt, die Digitalisierung den Markt umgewälzt. Vor zwanzig Jahren kannte man noch keine Smartphones. Heute schaue ich am Morgen zuerst auf die Online-Umsätze. Internetbuchungen waren vor zwanzig Jahren noch kaum ein Thema.

Was hat sich sonst verändert?
Die Margen sanken. Es gab Ende der 90er noch kein Europroblem und kaum Crossborder-Shopping.

Wie hat sich das Produkt entwickelt?
Der Kunde schätzt weiterhin die Sicherheit einer Pauschalreise, das Angebot ist aber viel individualisierter. Ein Hotel, das nur Zimmer und Strand anbietet, genügt höheren Ansprüchen nicht mehr.

Erstaunt es Sie, in diesem schwierigen Business zwanzig Jahre überlebt zu haben?
Ich durfte von unternehmerischen Freiheiten profitieren, habe stets die geforderten Zahlen geliefert und mich proaktiv auf Veränderungen eingelassen. Aber vielleicht das Wichtigste: Ich habe meine Leute auf diese rasante Reise mitgenommen.

Werden Sie TUI-Chef bleiben bis zur Pensionierung in sieben Jahren?
Keine Ahnung. Ich habe noch nie Karriereplanung betrieben. Ich stehe jeden Morgen auf und fahre mit Freude ins Büro.

Was lieben Sie an Ihrem Job besonders?
Ich kommuniziere fleissig und arbeite gern mit Leuten zusammen, die Probleme kreativ und aus verschiedenen Perspektiven lösen. Natürlich bin ich ehrgeizig, erreiche die Ziele aber am liebsten im Team.

Was treibt Sie derzeit am meisten an?
Wir wollen die Zusammenarbeit zwischen unseren Reisebüros und dem Hauptsitz verändern. Im Headquarter sollen Ressourcen eher abgebaut, an der Front hingegen Kompetenzen aufgebaut werden. Die einzelnen Reisebüros sollen viel mehr Freiheiten geniessen, Probleme selbstständig und ohne viele Rücksprachen mit der Zentrale lösen.

Ein Beispiel?
Ein Kunde reklamiert im Reisebüro, weil irgendetwas in seinen Ferien schiefgelaufen ist. Kann passieren. Statt langwierig mit dem Kundendienst zu kommunizieren, regelt der Mitarbeitende an der Front den Fall selber. Die digitale Welt ermöglicht uns ausserdem, Beratungskompetenz jederzeit abzurufen. Wir haben absolute Destinationsspezialisten oder Sportfreaks in unseren Reisebüros, die warten darauf, mit den Kunden vernetzt zu werden.

Der Zweck hinter der Übung?
Wir müssen schneller werden, um mit den Buchungsplattformen wie Expedia oder Ebookers mithalten zu können. Deshalb spielt es für mich auch keine Rolle, ob ein Kunde bei uns im Reisebüro oder online bucht. In Ordnung, wenn er sich am Freitag in unserem Reisebüro beraten lässt, die Buchung aber am Samstag zu Hause selber online vornimmt. Es gibt für uns keine Offline- oder Online-Welt mehr, sondern nur noch eine einzige TUI-Welt.

Werden Sie die 63 TUI-Reisebüros in der Schweiz halten?
Statt drei kleinen Reisebüros sehe ich lieber einen grossen TUI-Store. Die Anzahl der Büros wird sich tendenziell reduzieren. Laufen Sie mal durch die Fussgängerzone einer Schweizer Kleinstadt. Das Lädelisterben verschont leider auch unsere Branche nicht.

Wie reagieren Sie auf die zunehmende Kritik an Flugreisen?
TUI fördert seit 1999 Nachhaltigkeit. Wir nehmen die Thematik extrem ernst und küren seit Jahren unsere Umweltchampions – die Hotels mit dem günstigsten ökologischen Fussabdruck. Aber man muss auch relativieren. Die viel kritisierten Kreuzfahrten machen knapp zwei Prozent des globalen Schiffsverkehrs aus, die Fliegerei ist für drei Prozent des CO2-Ausstosses verantwortlich.

Ist Reisen per se nicht ökologisch bedenklich?
Wir wollen unseren Kunden das Reisen nicht verbieten oder Ferien künstlich verteuern. Als Veranstalter investieren wir in Nachhaltigkeit: in die Technologie unserer Flugzeugflotte und Kreuzfahrtschiffe, an den Destinationen in eine möglichst umweltschonende Bauweise unserer Hotels sowie in soziale Engagements für die Mitarbeitenden. Was wir an den Ferienzielen bewirken, sehen die Gäste, wenn sie ein Projekt der TUI Care Foundation besuchen.

Traumreisen – Die Übersicht

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Dominikanische Republik: Zwischen Traum und Albtraum
Martin Wittwer: Der TUI-Suisse-Chef im Interview
Roman Obrist: Der Kapitän fährt zu den Pinguinen
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Uganda: Auf Tuchfühlung mit den wilden Affen
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Erstellt: 19.09.2019, 21:09 Uhr

«Die Anzahl der Reisebüros wird sich tendenziell reduzieren»: TUI-Chef Martin Wittwer. Foto: Tom Egli

Gefürchteter Antritt

Vor zwei Tagen feierte Martin Wittwer den 58. Geburtstag. Während in den Chefetagen anderer grosser Schweizer Reiseveranstalter oft ein munteres Kommen und Gehen herrschte, führt Wittwer seit zwanzig Jahren die umsatzmässige Nummer 3 der Branche, die TUI Suisse Ltd. Martin Wittwer ist verheiratet, hat zwei Kinder und treibt in der Freizeit eifrig Sport. Der Berner Oberländer surft leidenschaftlich gern, und sein Antritt am Berg ist bei Velokollegen gefürchtet.

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