Wo Aktionäre Druck aufsetzen können

An den GVs der Schweizer Unternehmen winken Aktionäre oft sämtliche Anträge durch. Doch der Schein trügt: Bei den Bonussystemen für Topmanager üben die Investoren viel Kritik.

Elektronisches Abstimmgerät an der Novartis-GV in Basel im Februar dieses Jahres.<br />Foto: Christian Beutler (Keystone)

Elektronisches Abstimmgerät an der Novartis-GV in Basel im Februar dieses Jahres.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Oft kommt es zu Abstimmungsresul­taten wie zu Zeiten des Kommunismus. Wer sich die Voten der diesjährigen ­Generalversammlungen ansieht, hat meist das Gefühl, dass die Aktionäre gegenüber ihren Unternehmen sehr unkritisch eingestellt sind. Selbst bei den Abstimmungen über die Managerlöhne ist dies nicht anders: Während sich die Öffentlichkeit über die hohen Löhne bei CS, UBS, Roche oder Novartis ärgert, werden die Vergütungsberichte in vielen Fällen mit über 90 Prozent der Stimmen gutgeheissen.

Die Aktionärsdemokratie lässt sich aber nicht mit der direkten Demokratie vergleichen. Der Grund: Viele Aktionäre lassen sich gar nicht ins Aktienregister der entsprechenden Firmen eintragen, womit sie nicht stimmberechtigt sind. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Aktionäre, die von ihrem Stimmrecht nicht Gebrauch machen. In diesem Jahr haben bisher im Schnitt lediglich 69 Prozent aller Aktionäre an den Generalversammlungen teilgenommen. Dies zeigt eine wöchentlich aktualisierte Auswertung des Strategie- und Vergütungsberaters HCM International.

Grafik: Managerlöhne stossen auf wenig Ablehnung Zum Vergrössern klicken.

Gerade bei Unternehmen, deren Aktionariat von einer Gründerfamilie dominiert wird, stellt sich die Frage nach der Interpretation der Resultate besonders. Müsste man den Stimmanteil der Familie herausrechnen, weil diese ohnehin im Verwaltungsrat vertreten ist und die Lohnpolitik der Firma bereits abgesegnet hat? Die Frage kann man unterschiedlich beantworten, allerdings zeigt sich, dass an Generalversammlungen andere Gradmesser für den Erfolg gelten als in der Politik.

Zumindest Experten wie Stephan Hostettler, Geschäftsführer von HCM International, sind der Meinung, dass ein Unternehmen bei einer Zustimmungsrate von unter 80 Prozent bei der Lohnpolitik über die Bücher gehen sollte. Hostettler spricht von einem Warnschuss für den Verwaltungsrat, der die eigenen Löhne und jener der Konzernleitung festlegt.

Tiefe Zustimmungsraten

Immerhin bei 14 Firmen lag der Wert bei der konsultativen Abstimmung über den Vergütungsbericht unter 80 Prozent. Beim Immobilienunternehmen Swiss Prime Site wurde der Bericht sogar abgelehnt. Stimmrechtsberater wie Ethos kritisieren etwa den hohen Lohn des inzwischen abgetretenen Konzernchefs Markus Graf. Tiefe Zustimmungsraten erhielten auch Gategroup (58 Prozent), Georg Fischer (64 Prozent) und Partners Group (67 Prozent). Von den ganz grossen Firmen lagen die Abstimmungsresultate von ABB und Credit Suisse unter 80 Prozent.

Die Kritik der Stimmrechtsberater und Aktionäre zielt gerade bei den Managerlöhnen oft auf die gleichen Themen:

  • Wie die breite Öffentlichkeit beurteilen auch Experten die absolute Höhe der Managerlöhne bisweilen als exzessiv. Verglichen werden dazu die Lohnsummen mit jenen ähnlich grosser Konzerne. Aussagekräftig ist aber auch das Verhältnis zwischen dem Fixlohn und den möglichen Boni sowie der Vergleich der Löhne der Topmanager innerhalb der jeweiligen Firma. So beträgt der Lohn von Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz mehr als das Zehnfache des durchschnittlichen Honorars der übrigen Verwaltungsräte. Die Vergütung für den exekutiven Präsident des Bankensoftwareherstellers Temenos, Andreas Andreades, bewegt sich mit 4,6 Millionen Franken in Sphären, die sonst bei globalen Grosskonzernen bezahlt werden.
  • Die Lohnsysteme sind äusserst komplex. Die Firmen passen diese zwar regelmässig an, oft werden sie dadurch nicht einfacher, sondern noch komplizierter. So hat Ethos etwa den Aktionären zahlreiche Vergütungsberichte zur Ablehnung empfohlen, weil die gelieferten Informationen ungenügend waren, so etwa bei Swiss Re, Sulzer, Zurich, Julius Bär, Lindt & Sprüngli oder Adecco.
  • Oft kritisieren Stimmrechtsberater wie Ethos, dass die Leistungskriterien zur Festlegung der Boni nicht offengelegt werden. Zudem sind die Bonussysteme vielfach nicht konsistent. Gerade bei den bindenden Abstimmungen über die Managerlöhne ist dies der Fall. Zahlreiche Unternehmen lassen sich an der GV einen Maximalbetrag für das nächste Jahr bewilligen, mit dem sie das Topmanagement und den Verwaltungsrat bezahlen können. Dabei ist es möglich, dass die auszubezahlende Summe höher ist als der genehmigte Maximalbetrag. So passiert etwa bei Nestlé und Swiss Re.
  • Die Boni sind manchmal nur an die Kennzahlen eines einzelnen Geschäftsjahres geknüpft, wie etwa bei Swiss Prime Site, oder sie fliessen selbst dann noch üppig, wenn die Leistungsziele nicht erreicht werden, wie bei Nestlé.

Die Managerlöhne sind jedoch nicht der einzige Zankapfel. Für Diskussionen sorgt auch die Zusammensetzung der Verwaltungsräte:

  • Zahlreiche Schweizer Firmen werden von den Gründerfamilien dominiert. Die Frage stellt sich, wie stark diese im Verwaltungsrat vertreten sein sollen. Oft sind die Anker- oder Mehrheitsaktionäre im obersten Gremium zu stark ver­treten. Laut den Regeln der guten Unternehmensführung ist es jedoch wichtig, dass dank unabhängigen Verwaltungs­räten auch die Interessen der Minderheitsaktionäre ausreichend gewahrt werden. Bei Lindt & Sprüngli etwa waren letztes Jahr nur zwei von fünf Verwaltungsratsmitgliedern unabhängig, dieses Jahr wurde noch eine weitere als unabhängig geltende Person gewählt. Zu wenige unabhängige Verwaltungsräte haben aber gemäss Aktionärsschützern auch Swatch, Kühne + Nagel, DKSH oder LafargeHolcim.
  • Verschiedene Meinungen gibt es zur Zahl von zusätzlichen Mandaten der Verwaltungsräte. Tatsache ist, dass in den obersten Führungsgremien diverser Unternehmen Personen sitzen, die noch eine Fülle anderer Ämter bekleiden. Zu viele, finden Stimmrechtsberater bisweilen. So ist etwa der diesen Frühling beim Industriekonzern ABB neu gewählte Verwaltungsrat Frederico Curado Konzernchef des brasilianischen Flugzeugbauers Embraer, Verwaltungsrat des Ölförderdienstleisters Transocean und des Räder- und Fahrzeugkomponentenherstellers Iochpe-Maxion. In diversen Unternehmen gibt es Verwaltungsräte, die in den Aufsichtsgremien von über einem Dutzend anderer Unternehmen und Organisationen sitzen. Zudem sind Konzernchefs von Grossfirmen gleichzeitig Verwaltungsräte anderer börsenkotierter Gesellschaften. So sitzt etwa Roche-Chef Severin Schwan im Verwaltungsrat der CS. Und bei Georg Fischer gehören dem ­Verwaltungsrat mit Riet Cadonau und Jasmin Staiblin die Chefs des Schliesssystemherstellers Dorma + Kaba sowie des Energiekonzerns Alpiq an.
  • Lange Zeit sorgten Doppelmandate, also die Kombination von Konzernchef und VR-Präsident in einer Person, für hitzige Debatten. Prominentes Beispiel von früher ist der ehemalige Novartis-Übervater Daniel Vasella. Heute trifft man das Doppelmandat nur noch sehr selten an, etwa bei Lindt & Sprüngli. Die Firma wurde während Jahren dafür kritisiert. Anfang Monat hat Tanner nun aber bekannt gegeben, dass er sich per Ende Jahr aufs Präsidium konzentrieren wird. Einer der wenigen Sonderfälle ist zudem der Baumaterialhersteller AFG. Dort übt Alexander von Witzleben derzeit beide Ämter aus. Konzernchef ist er offiziell nur interimistisch, dies jedoch schon seit letztem Sommer und ohne dass ein Nachfolger in Sicht wäre.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2016, 23:57 Uhr

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