Wofür sind 0.01-Rappen-Aktien?

Das Parlament will Aktien von weniger als einem Rappen Nennwert erlauben. Über das wahre Motiv wird spekuliert.

«Mehr Flexibilität»: Der Bundesrat will Aktien mit einem Nennwert unter einem Rappen erlauben. Bild: Keystone

«Mehr Flexibilität»: Der Bundesrat will Aktien mit einem Nennwert unter einem Rappen erlauben. Bild: Keystone

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Die Bank zahlt dir eine Dividende von 1000 Franken. An den Satz dieser Monopoly-Spielkarte erinnern sich viele. Wer Aktien einer florierenden Firma besitzt, wird am Gewinn beteiligt und versteuert Dividenden als Einkommen. Doch diese Wahrheit löst sich zunehmend auf.

Steueroptimierer haben Wege gefunden, Dividenden zu umgehen und trotzdem Gewinnanteile auszuschütten. So zahlen private Aktionäre dafür keine Steuern mehr. Dies funktioniert, solange Firmen jährlich Kapital aufnehmen, Gewinne einbehalten und diese als Kapitalrückzahlung laufend erstatten. Gewisse Aktionärsgruppen umgehen so auf lange Zeit ihre Steuerpflicht. In Investorenbriefings kotierter Firmen, vor allem im angelsächsischen Raum, wird damit als «taxfree dividend» geworben. Die umstrittene Unternehmenssteuerreform von 2011 schaffte die Voraussetzung.

Die laufende Aktienrechtsreform könnte diese Steueroptimierung befeuern. Eine Gesetzesänderung steht heute in der Rechtskommission des Nationalrats zur Debatte. Der Nennwert der Aktie soll «auf einen beliebigen Bruchteil eines Rappens» reduziert werden, etwa auf 0.00001 Rappen. Heute gilt 1 Rappen als Minimum. Es gehe um «mehr Flexibilität», schreibt der Bundesrat in der Botschaft. In «speziellen Situationen» könne sich selbst die 1-Rappen-Aktie als «nicht optimal erweisen», so etwa, wenn eine Firma Aktien aufteilt oder das Kapital herabsetzt.

«Ich hoffe immer noch, von der Verwaltung konkrete Angaben zu den steuerlichen Folgen zu erhalten.»Susanne Leutenegger Oberholzer

Diese Senkung erhöht das mögliche Aufgeld, das heisst die Differenz zwischen Nenn- und Marktwert. Ein Beispiel: Ist eine Aktie 100 Franken wert bei einem Nennwert von 10 Franken, sind 90 Franken das Aufgeld, das als Kapitalreserve verbucht und später steuerfrei ausgeschüttet wird. Senkt die Firma den Nennwert von 10 auf 1 Franken, erhöht sich das Aufgeld um 9 Franken. Millionenfach multipliziert, gibt dies einen hohen Betrag. So haben etwa Nestlé oder Novartis 2 bis 3 Milliarden Aktien.

Die SP-Wirtschaftspolitikerin Susanne Leutenegger Oberholzer glaubt, das Vorhaben sei «vor allem steuerpolitisch motiviert». «Fachkreise und Unternehmen, die sich dafür einsetzen, wollen vor allem die Kapitalreserven erhöhen und Aktionären helfen, die Dividendenbesteuerung zu umgehen.» Das Potenzial kann sie mangels Daten nicht beziffern. «Ich hoffe immer noch, von der Verwaltung konkrete Angaben zu den steuerlichen Folgen zu erhalten.»

Das zuständige Bundesamt für Justiz will sich dazu nicht äussern. Ein Steuerexperte von Grossfirmen sagte, dass diese Herabsetzung «keinesfalls der Steueroptimierung» diene. Wie häufig eine 0.01-Rappen-Aktie zum Einsatz käme, konnte er nicht sagen. Einst mussten Aktien bei der Einlage mindestens 100 Franken wert sein, später 10 Franken, und seit 2001 ist es 1 Rappen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 21:14 Uhr

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