Youtube avanciert zur Gewinnmaschine

Youtube ist zur wichtigsten Suchmaschine der Jungen geworden. Das Mutterhaus Google dürfte mit der Videoplattform bereits 6 Milliarden Dollar umsetzen.

Wird weltweit wiedererkannt: Das Youtube-Logo. Foto: Dado Ruvic (Reuters)

Wird weltweit wiedererkannt: Das Youtube-Logo. Foto: Dado Ruvic (Reuters)

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Die Geschichte hat die amerikanische Werbewirtschaft aufgeschreckt. Exakt vor einem Jahr ­berichtete das Hollywoodmagazin ­«Variety» über eine Umfrage unter ­Teenagern, die keinen der gängigen Namen von Fernseh-, Film- oder Musikstars nannten. Ihre Idole sind Entertainer, Komiker und Models auf der ­Videoplattform Youtube, die seit 2006 zu Google gehört. Für die Werbe­abteilung des US-Internetkonzerns war dies ein Schlüsselerlebnis. Die Marketingleute realisierten auf einen Schlag, wie weit sie sich vom Publikum ent­fremdet hatten, das sie eigentlich ansprechen wollten.

Youtube ist kein Einzelfall. Eine rasch wachsende Zahl von Videoplattformen im Internet erreicht heute bereits mehr jüngere Zuschauer als jeder Kabelfernsehsender in den USA. Die Zahl der ­Unternehmen, die auf Youtube mit Online­videos werben, ist in einem Jahr um 40 Prozent gestiegen. Ihre Ausgaben kletterten gar um 60 Prozent. Zielpublikum ist die Generation der Millennials. Der Begriff meint jene Bevölkerungsgruppe, deren Mitglieder zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Dank den Millennials dürfte sich Youtube in den nächsten fünf Jahren von einer Verlustquelle zu einer Gewinnmaschine von Google entwickeln.

Zwar weist der US-Konzern keine gesonderten Umsatz- und Gewinnzahlen zu Youtube aus. Bei der Publikation der letzten Geschäftszahlen rückte die ­Videosite indes in den Vordergrund. Erstmals seit der Übernahme bekam die Plattform einen prominenten Platz in der Präsentation. Werbeagenturchefin Tara Walpert Levy, räumte ein, seit 2006 in einem «Aufhol- und Wartemodus» verbracht zu haben. Doch nun sei die Wende erreicht. Der Artikel im Magazin «Variety» sei ein Schlüsselerlebnis gewesen, sagte sie. Die Werbung realisierte, dass sie von den meisten der Youtube-Stars noch nie gehört hatte. Google setzte in Kürze eine massive Kampagne in Gang und konnte innerhalb eines Jahres die Einschaltzeit der Nutzer auf Youtube um 60 Prozent auf mehr als 40 Minuten pro Sitzung anheben.

Junge stehen auf Infotainment

«Branded Content» heisst die Zauberformel, mit der Google die jungen Nutzer an sich ziehen will. Videowerbefilme von Markennamen wie Estée Lauder, Johnson & Johnson oder Sony schlagen gross ein. Sie stossen auf immer weniger Vorbehalte der 18- bis 34-Jährigen. Im Gegenteil: Viele Nutzer klicken solche als Infotainment gestalteten Werbespots gezielt an. Letztes Jahr wurden vier der zehn am meisten besuchten Youtube-Beiträge von Grossfirmen hergestellt und bezahlt.

Youtube ist zur wichtigsten Suchmaschine der Millennials geworden. Sie holen Schönheits- und Ausgehtipps ab, erforschen neue Mode und lassen sich von Komikern und Künstlern unterhalten, die ihre Karriere einzig und allein auf Youtube gemacht haben. Stars wie ­Michelle Phan, Smosh, The Fine Bro­thers und PewDiePie sind beliebter als die etablierten Katy Perry, Jennifer Law­rence oder Eminem. Youtube gibt dieser Generation eine Chance, sich direkt mit Gleichaltrigen auszutauschen. «Millennials erwarten, dass sie auf alle Fragen ein Onlinevideo finden», schreibt der britische Werbefachmann Julian Saunders. «Deshalb ist eine neue Generation von Stars entstanden. Sie machen dank ihrer technischen Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeiten eine Karriere. Die Millennials vertrauen ihnen mehr als den älteren Autoritätsfiguren.»

Sicher fühlen kann sich Google nicht. Facebook wittert ebenfalls eine Chance, mit den Millennials Umsatz und Gewinn zu steigern. Zu diesem Zweck lancierte die Firma letztes Jahr auf Instagram Videowerbespots. Die Nachfrage sei enorm, wird versichert, das Interesse der Unternehmen «enthusiastisch». Anders als die Google-Plattform, welche die Nutzung mithilfe von Cookies auswertet, will Facebook die Werbung mit einer «identitätsbasierten» Kontrolle der Nutzer steuern. ­Alter, Geschlecht, Vorlieben und Kontakte der jungen Nutzer sollen an die Werbeindustrie weitergegeben werden, um den Wirkungsgrad der Spots noch zu steigern.

Google konterte vor zehn Tagen mit der Anstellung von Susanne Daniels, der Programmchefin des Musiksenders MTV. Ihre Aufgabe ist es, Youtube-Stars wie The Fine Brothers und Prank zu ­einer grösseren Reichweite zu ver­helfen. Sie sind Teil einer ersten Reihe von ­Onlinekünstlern, die Google mit ­höheren Budgets ausstatten will. «Susanne ist eine Managerin mit einem ­unglaublichen Spürsinn. Dies erlaubte ihr, immer wieder Popkulturhits zu schaffen, die das Publikum fesselten», schreibt Google.

Satte Gewinne erwartet

Die erwartete Beschleunigung soll in Kürze erstmals messbare Resultate ­zeigen. Die Grossbank Credit Suisse hat die Zahlen der letzten zehn Jahre ­analysiert und glaubt, dass der Video­kanal bis vor fünf Jahren weniger als fünf Prozent zum Bruttoumsatz des Konzerns beisteuerte und rote Zahlen schrieb. Google hatte Youtube seinerzeit für 1,65 Milliarden Dollar erworben. Treibende Kraft war Susan Wojcicki ­gewesen, die Schwester der Ex-Frau von Google-Mitgründer Sergey Brin. Wojcicki ist heute die Chefin von Youtube und damit die «wichtigste Person der Werbe­wirtschaft» überhaupt, urteilt das Fachmagazin «Adweek».

Nach Ansicht der Credit-Suisse-Analysten wird Youtube pro Jahr um rund 35 Prozent wachsen und in Kürze die ­Gewinnschwelle erreichen. Der Umsatz in diesem Jahr wird auf 6 Milliarden ­Dollar geschätzt. 2020 würde Youtube demnach (zusammen mit Google Play) bereits ein Viertel zum Konzernumsatz beisteuern. Youtube sei unterbewertet, schreibt die Credit Suisse, doch werde Google dies mit einer ­aggressiven, auf Smartphones mit ­grösseren Bildschirmen ausgerichteten Verkaufsstrategie rasch ändern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2015, 04:46 Uhr

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