Erste ZKB-Kunden zahlen Strafzins ab 100'000 Franken

Die grösste Kantonalbank der Schweiz erhebt Negativzinsen auf gewisse Barvermögen. Für Sparer wird es enger – auch bei der Konkurrenz.

Wer viel Barvermögen hat, zahlt bei der Zürcher Kantonalbank bereits ab 100'000 Franken Strafzinsen.

Wer viel Barvermögen hat, zahlt bei der Zürcher Kantonalbank bereits ab 100'000 Franken Strafzinsen.

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Ende November bekommt Walter Schmidt (Name geändert) von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) dicke Post: Ab dem 10. Dezember werden Schmidts Barguthaben auf seinem Konto bei der ZKB oberhalb von 100'000 Franken mit einem «Negativzins von derzeit 0,75 Prozent» pro Jahr belastet. Bei Schmidts zweitem Konto werden Strafzinsen bereits ab dem ersten Franken fällig, sprich, hier gibt es keinen Freibetrag, wie die ZKB mitteilt. Der Freibetrag gilt also pro Kunde, nicht je Konto.

Verlangt die Kantonalbank, die im Staatsbesitz ist, nun von ihren Privatkunden bereits ab 100'000 Franken Strafzinsen? Die ZKB versucht zu beruhigen: «Die Zürcher Kantonalbank hat keinen fixen Betrag definiert, ab welchem Negativzinsen zwingend erhoben werden», erklärt ein Sprecher. Der Freibetrag werde weiterhin für jeden Kunden individuell und in Abhängigkeit von der bestehenden Kundenbeziehung festgelegt. Sprich, je mehr die Bank mit einem Kunden verdient, umso höher liegt die Freigrenze.

Es gelte aber auch: «Kleinsparer und Kleinunternehmen entrichten keine Negativzinsen», betont die ZKB.

Die ZKB räumt indes ein, dass sie «den individuellen Freibetrag in der Tendenz zurückgenommen» habe. Sprich: Die grösste Kantonalbank der Schweiz verlangt früher Strafzinsen.

Ende November bekommt Walter Schmidt (Name geändert) von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) dicke Post: Das Schreiben.

Als Grund führt die ZKB das dauerhaft tiefe Zinsumfeld an. Wie stark die Freigrenze im Schnitt sinkt und wie viele Kunden Strafzinsen zahlen, dazu macht die Bank keine Angaben. «Es handelt sich um eine kleine Minderheit», sagt ein Sprecher lediglich.

Die Einschläge für Kleinsparer kommen damit immer näher. Auch wenn bislang die Schweizer Banken betonen, Menschen mit geringen Sparguthaben von Strafzinsen zu verschonen, so ist der Schritt der ZKB ein Signal. Das sieht auch Benjamin Manz so, Bankenspezialist vom Vergleichsdienst Moneyland: «Die Freigrenze von 100'000 Franken ist im Konkurrenzvergleich recht tief», sagt der Experte. Er kritisiert zudem, dass die ZKB keine klaren Grenzen kommuniziert, ab der Strafzinsen fällig werden, wie das andere Banken tun. «Das Vorgehen ist sehr intransparent.»

Mit der Senkung der Strafzinsschwelle liegt die ZKB im Trend: Erst Anfang November teilte die Postfinance mit, per Dezember die Freigrenze bei Sparkonten von bisher 500'000 Franken auf 250'000 Franken zu senken. Dies gelte aber nur für Kunden, die ausser einem Sparkonto keine weiteren Dienstleistungen bei Postfinance in Anspruch nähmen, hatte das Institut erklärt. Für Kunden mit mehr Produkten gelte weiterhin die seit zwei Jahren geltende Schwelle von 500'000 Franken. Darüber hinausgehende Beträge werden mit einem Strafzins von sogar 1 Prozent belastet.

Die Grossbanken UBS und Credit Suisse haben angekündigt, bei Barvermögen von mehr als zwei Millionen Franken den Negativzins von 0,75 Prozent den Kunden in Rechnung zu stellen. UBS-Chef Sergio Ermotti sagte laut «Bloomberg» im November, dass die Grossbank womöglich «keine andere Wahl» habe, als vermehrt Negativzinsen weiterzureichen. Sogenannte Retailkunden – also einfache Filialkunden ohne Vermögensverwaltung – wolle die Bank aber weiterhin in jedem Fall verschonen.

Raiffeisen-Kunde mit böser Überraschung

Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident Guy Lachappelle erteilte im Interview mit dieser Zeitung Negativzinsen eine klare Absage: «Ich kann mir das nicht vorstellen.» Es gebe keine Schwelle für Privatkunden. Aber die Bank achte darauf, dass Kunden nicht einfach ihr Geld von Banken mit Negativzinsen einzahlen würden.

«Raiffeisen Schweiz empfiehlt, ihren Privatkunden keine Negativzinsen zu verrechnen.»Raiffaisen-Zentrale

Dass aber auch bei Raiffeisen unter Umständen Negativzinsen zum Thema werden können, hat ein Innerschweizer Kunde der Bank erlebt. Er wollte sein Vermögen von einer anderen Bank zu Raiffeisen überweisen, wo er schon Kunde war. Dort wurde ihm aber erklärt, dass bei der Eröffnung eines zusätzlichen Kontos ab 100'000 Franken Negativzinsen verrechnet werden würden.

In der St. Galler Zentrale heisst es dazu: «Raiffeisen Schweiz empfiehlt den Raiffeisenbanken und den Niederlassungen von Raiffeisen Schweiz, ihren Privatkunden keine Negativzinsen zu verrechnen.» Die Banken und Niederlassungen seien aber autonom und daher frei in der Umsetzung dieser Empfehlung, sagt eine Sprecherin.

Droht eine Flucht von den Banken?

Die Frage ist: Wie genau wird ein Retailkunde definiert? Moneyland-Experte Manz sieht die Grenze bei Barvermögen von 50'000 Franken. Seiner Ansicht nach werden Banken nicht wagen, diese Kleinkunden zur Kasse zu bitten, denn «damit schneiden sie sich ins eigene Fleisch», weil dann eine breite Kundenflucht drohe.

Das belegt eine Umfrage des Finanzportals «Cash». 92 Prozent von 4000 Umfrageteilnehmern erklärten, dass sie ihre Bareinlagen ganz oder teilweise abziehen würden, sollten sie Negativzinsen auf ihr Geld zahlen müssen.

Banken sind damit in einer Zwickmühle: Möglichkeiten, Kundeneinlagen als Kredite weiterzureichen, werden rarer. So ist der Immobilienmarkt bereits heissgelaufen. Überschüssige Liquidität bei der Notenbank zu parken, ist aber teuer. Laut Bankiervereinigung haben die Schweizer Banken alleine in diesem Jahr bereits zwei Milliarden Franken Negativzinsen an die SNB bezahlt, das sind fast neun Prozent des Bruttogewinns.

Barvermögen ist toxisch

Neue Kundengelder, die nur bar in der Bilanz liegen, wollen Banken daher vermeiden. Der Chef einer mittelgrossen Privatbank berichtete jüngst, dass er einen Kunden mit zehn Millionen Franken Vermögen wieder herausgeworfen habe, weil dieser sich trotz gegenteiliger Versprechen weigerte, mehr als nur eine Million zu investieren. «Es gibt Kunden mit Millionen Franken Barvermögen, die verzweifelt nach einer Bank suchen, die die Gelder noch nimmt», bestätigt ein anderer Privatebanker. Doch in Zeiten von Negativzinsen ist Bargeld toxisch.

Erstellt: 05.12.2019, 06:30 Uhr

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