Zuger Apartment beschäftigt Ungarn

Ein Budapester Anwalt kauft in Zug eine Luxuswohnung. Das Geld dafür könnte aus undurchsichtigen Geschäften der ungarischen Regierungspartei stammen, vermuten Insider.

In Zug hat sich der ungarische Anwalt Balazs Kertesz ein neues Zuhause gekauft. Foto: Urs Jaudas

In Zug hat sich der ungarische Anwalt Balazs Kertesz ein neues Zuhause gekauft. Foto: Urs Jaudas

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Exklusives Wohnen, verkehrsgünstige Lage, fantastische Seesicht! So wurden vor fünf Jahren neue Apartments in Zug angepriesen. Die Exklusivität hat ihren Preis: Verkauft wurden die Wohnungen ab 10'000 Franken pro Quadratmeter. Für den ungarischen Anwalt Balazs ­Kertesz war das offenbar kein Problem. Kertesz kaufte das grösste aller Apartments. Für 207 Quadratmeter muss er mindestens 2 Millionen Franken gezahlt haben, vielleicht auch mehr. Woher der Mitarbeiter der Budapester Anwaltskanzlei Kosik so viel Geld nahm, darüber rätselt Ungarn, seit die Rechercheplattform Atlatszo.hu dieses Wochenende ­zusammen mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Schweizer Immobilienbesitz aufgedeckt hat.

In ungarischen Medien taucht der Name des Anwalts in diesen Tagen besonders häufig auf. Balazs Kertesz steht im Mittelpunkt einer Affäre um vermutete Korruption, die nahe an Ministerpräsident Viktor Orban heranreicht. Kertesz soll die finanziellen Geschäfte von Kanzleramtsminister Antal Rogan erledigt haben, der im Kabinett Orban für politische Koordination und Kommunikation verantwortlich ist. Unter anderem war Rogan für die extrem hetzerische Kampagne für das letztlich gescheiterte Volksbegehren gegen Asylbewerber zuständig. Ausserdem wird ihm vorgeworfen, bei öffentlichen Aufträgen hohe Summen zu Offshorefirmen auf Malta verschoben zu haben. Rogan dementierte bisher alle Vorwürfe. In der Hierarchie der Regierungspartei Fidesz ist er nach wie vor die Nummer drei.

Firma in Pfäffikon taucht auf

Kertesz und Rogan sollen in vergangenen Jahren gemeinsam Milliarden Forint durch Bestechung und manipulierte Immobiliengeschäfte zur Seite geschafft haben. Das Geld dürfte nicht nur in die Zuger Immobilie investiert worden, sondern auch auf dem Konto einer in Pfäffikon ansässigen Firma namens Bergavest gelandet sein. Das behaupten zumindest die Journalisten von Atlatszo und der Internetplattform Index.hu, welche die Geschäfte rund um das Duo recherchierten. Laut Index ist Bergavest Mitbesitzerin einer Villa in einem Budapester Nobelquartier. Der Fall wurde vergangene Woche sogar im Budapester Parlament diskutiert. Die Opposition wollte vom Ministerpräsidenten wissen, was an den Vorwürfen dran sei. Viktor Orban stellte sich schützend vor seinen Freund: Die Attacken seien ein «politischer Bluff» und würden nur Rogans Position in der Regierung stärken. Orbans Gegner bezweifeln, dass Geldgeschäfte im Umfeld des Ministerpräsidenten ohne dessen Wissen ablaufen können.

Der 44-jährige Antal Rogan ist eine der umstrittensten Figuren in einer von Korruptionsvorwürfen ständig begleiteten Regierung. Vor rund einem Monat deckte die unabhängige Tageszeitung «Nepszabadsag» einen teuren Helikopterflug von Rogan und seiner Familie auf, ausgerechnet am Tag des Asyl-Referendums. Kurz nach der Enthüllung wurde «Nepszabadsag» geschlossen und an einen Freund Orbans verkauft.

Rogan und den Apartmenteigentümer Kertesz verbindet eine lange Freundschaft. Kertesz studierte Recht in Budapest und schrieb seine Abschlussarbeit über «Geldwäsche». Als Rogan Bürgermeister des 5. Budapester Bezirks wurde, ging Kertesz ins Bezirksparlament und kümmerte sich dort um die ­Finanzen. Atlatszo und Index wollen Beweise gefunden haben, dass die beiden Politiker aus Orbans Partei Fidesz kommunale Wohnbauten weit unter dem Marktpreis an befreundete Unternehmer verkauften. Rogan und Kertesz ­sollen über ein Firmengeflecht und Mittelsmänner hohe Kickback-Zahlungen erhalten haben.

Eine weitere Einnahmequelle sei das heftig kritisierte ungarische Programm «Aufenthaltstitel für Geld». Die Regierung Orban gibt Unsummen aus, um Flüchtlinge und Migranten von Ungarn fernzuhalten. Gleichzeitig bietet sie reichen Ausländern Aufenthaltstitel für die EU, wenn diese Staatsanleihen im Wert von mindestens 300'000 Dollar kaufen. Von dem Angebot machten bis jetzt über 4000 EU-Ausländer Gebrauch, vor allem aus Russland, China und Saudiarabien. Erfunden hat das Programm Antal ­Rogan. Abgewickelt wird es über seine Anwaltskanzlei. Sie soll für die Bearbeitung jedes Antrags etwa 5000 Euro verlangen. Ungarische Medien schreiben zudem von Offshorefirmen, über die Kertesz und Rogan zusätzlich zu den Gebühren hohe Kickback-Zahlungen für die Zulassung von Aufenthaltsanträgen bekommen hätten. Tagesanzeiger.ch/Newsnet bat Kertesz schriftlich um eine Stellungnahme, bekam aber keine Antwort.

Schweizer Staatsbürger?

Die Zeitung «Vasarnapi Hirek» (Sonntagsnachrichten) schreibt in ihrer gestrigen Ausgabe, dass Kertesz im April 2016 in den Dokumenten der ungarischen Firma Opal (wo er Geschäftsführer ist) seine Wohnadresse auf das Schweizer Apartment in Zug ändern liess.

«Vasarnapi Hirek» vermutet zudem, dass Kertesz die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten habe. Einen Beweis dafür liefert die Zeitung aber nicht. Kertesz nahm auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet auch dazu keine Stellung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2016, 22:29 Uhr

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