Warum Lehrabgänger mehr verdienen als Studierte

Ein Studium lohnt sich nur, wenn man Chef wird. Absolventen der Berufsschule haben als Kader deutlich höhere Löhne als Akademiker ohne Karriereweg.

6502 Franken beträgt der Schweizer Meidanlohn fürs Jahr 2016: Gleich viele Personen verdienten also mehr respektive weniger. Video: Tamedia

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Das Beispiel stammt aus der Steuerberatung. Sabrina aus Solothurn hat die KV-Lehre abgeschlossen. Mit 32 tritt sie eine Stelle im mittleren Kader einer grösseren Firma an. Dort verdient sie 8300 Franken monatlich brutto. Dieser Lohn ist für ihr Alter, ihr Geschlecht und ihre Ausbildung normal, ein sogenannter mittlerer Lohn für 40 Stunden pro Woche Vollzeit und 13. Monatslohn.

Anders ihre gleichaltrige Kollegin Diana. Sie hat an der Uni Betriebswirtschaft studiert, sie ist nicht im Kader. Sie kommt auf 7200 Franken. Sehr viel höher steigt ihr Lohn als Spezialistin nicht. Mit 50 kann sie mit 8200 Franken rechnen, während der Lohn der Kaderfrau Sabrina, die «nur» das KV abschloss, auf 9600 Franken ansteigt. Man muss also nicht studiert haben, um einen schönen Zapfen zu haben.

Wer diese Unterschiede für seine Branche und seinen Beruf herausfinden will, der gehe auf die Internetseite «Salarium» des Bundesamtes für Statistik (BFS). Als Grundlage dient die zweijährliche Lohnstrukturerhebung, sie stützt sich ab auf 1,7 Millionen Löhnen von 37'000 Unternehmen. Die neusten Zahlen für 2016 sind gestern in Bern vorgestellt worden. Ob sich die Lohnverhältnisse Studierte/Nichtstudierte akzen­tuiert haben, konnte das BFS nicht sagen. Doch ihr Chefstatistiker Löhne hob den Befund speziell hervor. Er steht im Kontrast zum Ehrgeiz vieler Eltern, die ihre Kinder durchs Gymi und an die Universität bringen wollen, wohl mit der Vorstellung, dass ein Uniabschluss sie finanziell besserstelle. Doch dies gilt nur, wenn Uniabgänger auch funktionsmässig aufsteigen.

Lohnende Weiterbildung

Arbeitsmarktprofessor Georg Sheldon erklärt dies mit einem statistischen Effekt und einem ökonomischen Grund. Erstens rentiert nicht jedes Hochschulstudium. Ein Werkstoffingenieur oder eine Betriebswirtschafterin verdienen tendenziell mehr als ein Soziologe oder eine Lehrerin. Die Löhne ersterer Berufe liegen über dem mittleren Lohn (Medianlohn) der Uniabschlüsse, letztere darunter bei sonst identischen Bedingungen. Zweitens bezahlen Arbeitgeber mehr, je ertragreicher eine Stelle ist. Dies gelte speziell für Kaderstellen. Je besser die Führung, desto höher der Erfolg. «Da muss ein absolviertes Studium nicht notwendigerweise eine Rolle spielen», sagt Sheldon. Er bringt das Beispiel des Microsoft-Gründers Bill Gates. «Dieser hatte nicht einmal einen Bachelorabschluss. Seine berufliche Rolle war aber sehr ertragreich.»


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Eingeschränkt gilt, dass für gewisse Berufe ein Studium vorausgesetzt wird. Ein Wirtschaftsprüfer wird nur gut verdienender Partner einer Beratungsfirma, wenn er nach der Lehre eine ­höhere Berufsausbildung oder Fachhochschule absolviert hat. Mit 32 Jahren schafft er so einen Monatslohn von 9500 Franken brutto.

Die finanziell «richtige Wahl»

Wer die Lohnperspektive als Richtschnur seines beruflichen Aufstiegs oder dem seiner Kinder nehmen will, sollte laut Statistik noch andere Punkte beachten. Hier sind die wichtigsten:

Die «richtige» Branche: Die Pharma- und die Finanzbranche zahlen die höchsten Saläre. Sie liegen dort um 9800 Franken. Gut zahlt man auch in Informatik, Telecom, Forschung und Entwicklung, Energieversorgung und den freien Be­rufen (Anwältin, Arzt, Architektin etc.). Eine schlechte Idee sind etwa Coiffeuse, Kellner, Rezeptionist, Reiseagentin oder Sicherheitsdienste.

Keine Teilzeitstelle: Teilzeitstellen sind im Trend, etwa zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber Leute mit weniger als einem 80-Prozent-Pensum haben einen kleineren Stundenlohn als jene mit Vollzeitstellen.

In der «richtigen» Region arbeiten: Angestellte in den Grossregionen Zürich oder Basel verdienen mehrere Hundert Franken mehr monatlich als solche in Bern, St. Gallen oder Lugano. Die höheren mittleren Löhne sind auf Finanz- und Pharmabranche zurückzuführen.

Und immer noch hat das Geschlecht Einfluss auf die Bezahlung. Am Beispiel der 32-jährigen Steuerberaterin Sabrina (KV, mittleres Kader) gezeigt: Der mittlere Lohn eines Mannes mit gleichen Merkmalen beträgt 9300 Franken – 1000 Franken mehr als bei ihr. Und im Fall von Diana (32, Uniabschluss, kein Kader) käme ein Mann auf 8100 Franken (900 Franken mehr). Das Lohn­gefälle zwischen den Geschlechtern nimmt zwar ab, verschwunden ist es aber noch lange nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 09:24 Uhr

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Mehr als ein Jahreslohn

Davon können Normalverdiener nur träumen: Obere Bankkader erhalten einen mittleren Bonus von 100 651 Franken jährlich. Das sind rund 15'000 Franken mehr als der mittlere Jahreslohn eines Angestellten in der Schweiz. Bei Versicherern beträgt dieser Kaderbonus 98'000 Franken, in der Pharmabranche 69 000 Franken. Viel tiefer sind dagegen die Boni ihrer Angestellten. Sie kommen bei Versicherern auf 9100 Franken, in der Pharma auf 8000 Franken und bei Banken auf 6300. Dies zeigt die gestern publizierte Lohnstrukturerhebung für das Jahr 2016. Sie wird alle zwei Jahre durchgeführt basierend auf 1,7 Millionen Löhnen in allen Branchen.

Einen Bonus, das heisst ein Arbeitsentgelt in unregelmässiger Höhe, erhält gemäss Statistik jeder Dritte. Die Boni waren vor der Krise 2008 höher, als sie heute sind. Die Sonderzahlungen betrugen damals im Schnitt 11'700 Franken, sanken in der Krise auf 8000 Franken und sind zuletzt auf 9000 Franken gestiegen. Der Gewerkschaftsbund kritisiert diese Entwicklung, weil gemäss Statistik «die Männer mehr als doppelt so hohe Boni erhalten wie die Frauen» und weil Boni «in der Regel die ungleiche Verteilung der Löhne» verstärken.

Dies zeigt sich auch im Vergleich der Boni der obersten Kader und Normalangestellten im Bau und im Detailhandel. Die Chefs der Bauunternehmen zahlten sich im Schnitt 24'000 Franken Erfolgsprämie aus, während Normalangestellte 2265 Franken erhielten – zehnmal weniger. Die Chefs einer Ladenkette kassierten rund 15'000 Franken Bonus, während ihre Angestellten rund 1763 Franken erhielten – neunmal weniger.

Die sogenannte Lohnschere, das heisst die Differenz zwischen den tiefsten und höchsten Löhnen, hat aber seit dem Referenzjahr 2008 nicht zugenommen. Im Gegenteil, sie habe sich leicht verringert. Die tiefsten 10 Prozent der Löhne stiegen um 9,9 Prozentpunkte auf, die Löhne des Mittelstands stiegen um 6,9 Prozent und die der obersten Löhne um 6,3 Prozent. In absoluten Zahlen entwickelten sich die obersten Löhne aber am stärksten, weil 6,3 Prozent von 11'000 Franken Monatslohn 700 Franken mehr sind, während 9,9 Prozent von 4000 Franken bloss 400 Franken ausmachen. (val)

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