Auszug aus dem gelobten Land

Die Vereinigten Staaten und Mexiko streiten sich zunehmend um billige Arbeitskräfte. Dies beschleunigt die Mechanisierung der Landwirtschaft.

Ein mexikanischer Gastarbeiter bei der Zwiebelernte im US-Bundesstaat Giorgia. Foto: David Goldman (AP, Keystone)

Ein mexikanischer Gastarbeiter bei der Zwiebelernte im US-Bundesstaat Giorgia. Foto: David Goldman (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ohne Saisonarbeiter aus Mexiko kommt Kalifornien zum sofortigen und totalen Stillstand. Die Landwirtschaft, das Gastgewerbe und die Bauindustrie sind von den tief bezahlten Arbeitern abhängig. Doch der oft illegale Nachschub droht unwiederbringlich auszutrocknen. Die Wende hängt mit einem tiefgreifenden sozialen Wandel in Mexiko zusammen: Eine sinkende Geburtenrate, eine bessere Schulbildung sowie bessere Jobs machen die Arbeit auf den Feldern ­weniger attraktiv. Deshalb ist nun selbst Mexiko auf Zuwanderer aus dem Süden angewiesen.

«Mexiko ist zusätzlich zu einem ­Exporteur auch zu einem Importeur von Landwirtschaftsarbeitern geworden», fasst Edward Taylor, Ökonomiepro­fessor an der Universität von Kalifornien in Davis, zusammen. Um den eigenen Bedarf zu decken, rekrutiert Mexiko ­inzwischen Arbeitskräfte in Guatemala, exakt so, wie die USA «Braceros» aus ­Mexiko einstellt. Taylor hat die Zahlen der Wanderarbeiter, die Geburtenrate sowie die Einkommensverhältnisse in Mexiko untersucht und mit dem Arbeitsmarkt in Kalifornien und weiteren von Wanderarbeitern abhängigen US-Staaten verglichen. Rund 70 Prozent der in der Landwirtschaft tätigen Arbeiter kommen aus Mexiko. Parallel mit der sinkenden Zuwanderung seit dem Jahr 2000 ist auch die Zahl der Saisonarbeiter zurückgegangen. Die Politik macht dafür in der Regel die verschärften Grenzkontrollen sowie die Drogen­kriminalität verantwortlich.

Wandel schwappt auf USA über

Doch die grenzüberschreitende Analyse zeigt ein anderes Bild: Was die USA zunehmend in Bedrängnis bringt, ist der Wandel von Mexiko von einem Entwicklungs- zu einem wirtschaftlich erstarkenden Schwellenland. Wie in anderen vergleichbaren Staaten hat dies zur Folge, dass die Geburtenrate sinkt; im Fall von Mexiko auf 2,05 Kinder pro ­Mutter und damit fast auf die Rate von 1,95 in den USA. So müssen Familien weniger Münder ernähren, und der Druck, in den USA Zusatzeinkommen zu beschaffen, nimmt ab. Zugleich hat die Qualität der Grundschulen in Nordmexiko zugenommen, sagt Taylor. «Nichts holt die Kinder schneller von den Feldern als ein wenig zusätzliche Schule.»

Striktere Grenzkontrollen und die Drogenmafia wirken zwar abschreckend auf die Wanderarbeiter, zeigt die Analyse, doch entscheidend ist der soziale Wandel im ländlichen Mexiko. So zeigt sich, dass nach der Rezession von 2008 die Zahl der «Braceros» markant deut­licher sank als die Zahl der Wanderarbeiter im Gast- und Baugewerbe. Vor der Rezession mussten sie in den USA oft um Arbeit betteln und waren bereit, für jeden Lohn zu arbeiten. Diese an Ausbeutung grenzende Lage hat sich fundamental verändert, bestätigen Weinbauern in Kalifornien. Die meisten Arbeiter hätten heute ein Smartphone und informierten sich gegenseitig über die Bedingungen und Löhne auf ihren Betrieben. Die Folge: Arbeiter ziehen während der Ernte ab und wechseln in einen anderen Betrieb.

Das gelobte Land sei eben nicht mehr so gesucht wie früher, sagt Rayne Pegg von der California Farm Bureau Fede­ration. Heute meldeten 61 Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe einen Mangel an Arbeitskräften, vorzugsweise im aufwendigen, kräftezehrenden Wein- und Gemüsebau. Ohne eine grosse Immigrationsreform werde dieser Mangel nicht zu beheben sein, sagt sie – und verweist darauf, dass der Kongress seit Jahren in dieser Frage blockiert ist. Ungewöhnlich: Traditionell republikanisch wählende Grossbauern drohen damit, der reformunwilligen eigenen Partei ihre Spenden vorzuenthalten.

Stark betroffen ist der Weinbau, der auf mehrere 10'000 saisonal abrufbare Arbeiter angewiesen ist. Die Branche hat in den letzten drei Jahren – die durchwegs Rekordernten brachten – versucht, mit höheren Löhnen Arbeiter zu ge­winnen. Dies indessen hat nur den ­Abwerbekampf verschärft.

Zwang zur Mechanisierung

Deshalb setzt die Weinindustrie auf die beschleunigte Mechanisierung der Ernte, wie Steve Sangiacomo sagt. Der Weinbauer in der dritten Generation ­italienischer Einwanderer in Sonoma sieht keinen anderen Ausweg. «Der Arbeitsmarkt ist so stark angespannt, dass wir auf jede erdenkliche Weise mecha­nisieren müssen.»

Sangiacomos Betrieb hat erst 15 Prozent der Reben auf die maschinelle Ernte umgestellt. Dies dürfte nicht reichen, bearbeiten doch die zwei Grossen der Sonoma-Region, Gallo und Kendall Jackson, schon die Mehrheit der Rebberge mit Maschinen. Dies spart Arbeitskräfte, erfordert aber hohe Investitionen und begünstigt die kapitalkräftigen Konzerne. Doch die Mechanisierung sei nicht zu umgehen, sagt Professor Taylor. «Hoffentlich führt sie auch zu höheren Löhnen und erlaubt, den Landarbeitern und ihren Familien, über die Armutsgrenze zu klettern.» Ein Viertel der Landarbeiter in den USA lebt heute noch unter der Armutsgrenze.

Erstellt: 10.03.2015, 22:43 Uhr

Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Mamablog Zur Erholung ins Büro?

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...