Bei den Lavaux-Winzern herrscht Katerstimmung

In Vevey wird gerade gross der Wein gefeiert – doch die Rebbauern müssen die Produktion drosseln, um den Preiszerfall zu stoppen.

Bedeutendes Weinanbaugebiet und Weltkulturerbe: Das Lavaux bekommt die Weinkrise mit voller Wucht zu spüren. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Bedeutendes Weinanbaugebiet und Weltkulturerbe: Das Lavaux bekommt die Weinkrise mit voller Wucht zu spüren. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

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Seit letzter Woche herrscht in Vevey Ausnahmezustand. Zwischen 800'000 und einer Million Besucher werden am vierwöchigen Winzerfest Fête des Vignerons erwartet. Sie feiern den Wein und dessen Produzenten. Doch so ausgelassen die Stimmung der Besucher sein wird – die Winzer der Region sind nicht in Feierlaune. Die Atmosphäre ist angespannt, viele Weinproduzenten bangen um ihre Existenz.

Es gibt zu viel Wein auf dem Markt, und er verkauft sich schlecht. Die Branche muss daher handeln. In diesem Jahr wird die Weissweinproduktion des Anbaugebiets Lavaux um 15 Prozent reduziert. Das bedeutet eine Million Kilo weniger Chasselas und damit den grössten Rückgang seit 2007.

So hoffen die Winzer, einen Preisverfall aufgrund überhöhter Lagerbestände zu vermeiden. Auch wenn die Entscheidung bei einem Treffen der Winzer und Händler Ende April nicht leicht gefallen war. «Die Situation war etwas angespannt», sagt Blaise ­Duboux, ein Bio-Winzer aus Epesses, der das Treffen leitete. Die Frage sei, ob sich durch die Reduktion wirklich verhindern lasse, dass die Preise massiv sinken.

Wenn Schweizer trinken, dann Wein aus dem Ausland

Bisher unveröffentlichte Zahlen aus dem Kanton Waadt zeigen, wie gross die Probleme sind. Zwischen 2017 und 2018 sank der Konsum von Lavaux blanc um 15 Prozent, die Vorräte stiegen um diesen Wert an. Sie liegen heute bei gut 8 Millionen Litern. «Im Lavaux übersteigt die Ernte seit 2016 den Verbrauch, was die Lagerbestände für Weissweine immer mehr erhöht», sagt Alexandre Mondoux, Direktor des Swiss Wine Market Observatory, der die Daten für den Kanton zusammengestellt hat.

Das Problem: Die Ernte im Jahr 2018 fiel aussergewöhnlich gut aus. Im Kanton Waadt resultierte ein Plus von 11,6 Prozent bei Rot- und Weisswein. Das heisst, die drastische Kürzung der Produktionsrechte in diesem Frühjahr dürfte gerade ausreichen, um einen weiteren Anstieg der Bestände zu verhindern. Dass der Wein sich schlechter verkauft, hat mehrere Gründe: Die Schweizer trinken weniger. Und wenn sie trinken, dann eher Wein aus dem Ausland. «Die aktuelle Umsatzsituation ist sehr schwierig», sagt Basile Monachon, Präsident der Sektion Lavaux des Waadtländer Winzerverbands. «Auf dem Markt gibt es eine Fülle von Weinen aus der Schweiz und der ganzen Welt, und das zu fast jedem Preis.»

Er war ebenfalls anwesend, als der Entscheid zur Produktionskürzung fiel. «Einige im Raum waren anderer Meinung. Aber ich sagte: «Was machen wir mit dem Wein, leeren wir ihn im See aus?», erinnert er sich. Am Ende sei die Entscheidung zur Reduktion dann fast einstimmig gefallen.

Aber: Sie kommt zu spät. Laut drei grossen Weinhändlern im ­Lavaux hätten die Produktionsquoten bereits 2018 reduziert werden müssen. «Wir hätten uns gewünscht, dass es bereits für den Jahrgang 2018 eine Reduzierung der Quoten gegeben hätte», erklärt André Fuchs, Direktor von Schenk, einem der grössten Schweizer Weinproduzenten und -händler. Doch im vergangenen Jahr hätten die Winzer aus dem Lavaux ihre vom Frost betroffenen Konkurrenten im Wallis schlagen wollen, indem sie die Produktion auf hohem Niveau hielten und Marktanteile zu gewinnen hofften. Die Warnungen der Händler über die Schwierigkeiten beim Verkauf seien nicht gehört worden. Der Kanton Waadt, der für die Festlegung der Produktionsrechte zuständig ist, hat für 2018 nur einen minimalen Rückgang von 4 Prozent beschlossen.

Auch das Tiefpreissegment ist gesättigt

Dass die jetzige Kürzung zu spät kam, zeigt ein Blick auf die Preise. Die Weine der Gemeinde Bourg-en-Lavaux (Cully, Grandvaux, Epesses, Riex und Villette) haben sich seit 2015 halbiert, wie Dokumente auf der Website des Brokers André Linherr zeigen, einem Spezialisten für die Weine der Region. Im Herbst hatte der Weinsektor des Lavaux die Richtpreise, die als Massstab für die Vermarktung von Weinen dienen sollen, bereits um mehr als 10 Prozent gesenkt.

Viele Winzer sind daher inzwischen finanziell angeschlagen. Gilles Cornut, Präsident des Waadtländer Winzerverbands, spricht von «Liquiditätsproblemen». Konkretes Beispiel: Cave Vevey-Montreux, eine Winzervereinigung im Lavaux, musste die Zahlung an ihre Lieferanten um vier Monate verzögern, nachdem Coop und andere Grossverteiler den Kauf von Wein bei ihr zwischen Juli und ­Dezember 2018 praktisch eingestellt hatten.

Nun herrscht Sorge, dass Produzenten aus Not beginnen, Wein als Massenware zu verkaufen. Das hilft vielen Winzern, zu überleben. Solcher Wein wird in Tanks von Tausenden von Litern gelagert. Supermärkte füllen ihn dann beispielsweise in eigene Flaschen, die mit mehr oder weniger fantasievollen Etiketten versehen werden. Im Lavaux verkaufen einige Winzer teilweise mehr als die Hälfte ihrer Ernte so. Doch auch dieses eher niedrige oder mittlere Segment ist inzwischen gesättigt.

Das Lavaux erlebt ein unschönes Erwachen. Der berühmte Weinberg wurde lange Zeit von den Problemen verschont, die andere Schweizer Weinbaugebiete heimsuchten. «Es gab Zeiten, da konnte man vor dem Keller warten, samstags kam dann der Kunde aus Zürich oder Bern, nahm drei bis vier Kisten und fuhr wieder heim», fasst es Philippe Leuba zusammen, dessen Familie im Lavaux seit Generationen im Weinbau tätig ist. «Diese Zeit ist vorbei. Heute muss man seine Weine aktiv vertreiben.» Es sei wichtig, seine Marke zu etablieren, Spezialprodukte zu entwickeln, bio zu produzieren. Vor allem für konservative Winzer ist das schwierig.

Protektionismus kommt für den Bund nicht infrage

Auch die nationale Politik beschäftigt sich mit dem Thema. Ende Juni traf sich eine Delegation unabhängiger Winzer mit Bundesrat Guy Parmelin in Bern, um ihn auf die enorme Menge der noch zu verkaufenden Bestände im Vorfeld der Ernte hinzuweisen. Der waadtländische Minister und ehemalige Weinbauer nahm zur Kenntnis, «dass die Situation für einige Winzer schwierig ist», so sein Sprecher.

Protektionistische Massnahmen oder eine Übernahme der Weinbestände durch den Bund kämen jedoch nicht infrage. Parmelin ziehe es vor, dass die Winzer gemeinsam mit dem Bundesamt für Landwirtschaft daran arbeiten, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Vor allem die Idee einer Klimareserve gewinnt an Boden. Dabei geht es darum, einen Teil der Überschussproduktion in guten Jahren zu lagern, um sie bei geringer Ernte wieder auf den Markt zu bringen. Dieses System, das eine gesetzliche Lockerung erfordert, würde es auch ermöglichen, den überschüssigen Wein nach drei Jahren in Form von lokalem Wein oder Industriewein für Cornichons oder Fondue zu nutzen.

Aber dass allein die Politik das Problem lösen kann, glaubt niemand. Die entscheidende Schlacht, so der Konsens, werde mit deutschsprachigen Konsumenten ausgetragen. «Ich rate den Winzern, ihren Keller zu verlassen und in die Deutschschweiz zu gehen, um den Weinverkauf voranzutreiben», sagt André Fuchs von Schenk. Andernfalls könnte die nächste Fête des Vignerons in etwa zwanzig Jahren vor der Kulisse eines unbepflanzten Weinbergs stattfinden.

Erstellt: 29.07.2019, 20:27 Uhr

Ein geheimer Zirkel steuert die Weinpreise

Im Lavaux hat ein diskreter Winzerclub entscheidenden Einfluss auf die Trauben- und Weinpreise. Diese Gruppe von Sammlern, Händlern und Hauptkäufern hat elf Mitglieder. Einmal im Jahr trifft man sich, um die Mindestpreise für die Ernte festzulegen. In diesem Jahr werden es 6.50 Franken pro Liter für Lutry, 11 Franken für Dézaley sein. Diese Preise werden mit dem Verband besprochen und dann per Post an die Winzer verschickt.

Was am Zirkel auffällt: Er ist extrem unauffällig - keine Website, keine Erwähnung in der Presse, keine Kommunikation. Seine eher vagen Statuten beziehen sich nicht auf die Weinpreise. Und das aus gutem Grund: Nach dem Bundeskartellgesetz sind Vereinbarungen zwischen Unternehmen, «die direkt oder indirekt Preise festlegen», verboten. In der Landwirtschaft haben die Berufsverbände jedoch das Recht, Preisempfehlungen zu veröffentlichen. Dies ist bei den Weinpreisen der Fall. (SB)

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