Bob Geldof setzt auf die Steueroase Afrikas

Die Pop-Ikone profitiert mit seiner Investmentfirma von einem Steuermodell, das Afrika schadet.

Live-Aid-Begründer Bob Geldof kann durch seine Offshore-Konstruktionen Steuern sparen. Foto: AP/Keystone

Live-Aid-Begründer Bob Geldof kann durch seine Offshore-Konstruktionen Steuern sparen. Foto: AP/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war eine TV-Dokumentation, die den Musiker Bob Geldof ­erschütterte: Eine 1984 ausgestrahlte BBC-Produktion zeigte den Hunger in Äthiopien, die kranken Erwachsenen und die sterbenden Kinder. Genau gegen dieses Leid wollte Geldof etwas tun. Zusammen mit befreundeten Weltstars wie Sting schrieb er den Benefizsong «Do they know it’s Christmas?», er ­startete das Wohltätigkeitskonzert Live Aid und spielte Millionen ein – Millionen für Afrika.

Geldof, der Philanthrop, der Megastar, der Gutes tut – das ist die bekannte Seite des Musikers, der einst mit der irischen New-Wave-Band «The Boomtown Rats» weltbekannt wurde. Die weit weniger bekannte Seite ist die von Bob Geldof, dem Unternehmer, der in Afrika Geschäfte macht: Geschäfte in einer Steueroase, zulasten anderer afrikanischer Länder.

2008, mehr als zwei Jahr­zehnte nach dem ersten Live-Aid-Konzert, gründete Geldof in London die Investmentfirma 8 Miles LLP. Ihr erklärtes Ziel sind «bessere Ergebnisse in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance bei der Gründung marktführender afrikanischer Unternehmen». 8 Miles LLP hat unter anderem in eine äthiopische Weinfirma, eine ugandische Bank und eine ugandische ­Hühnerfarm investiert – und zwar über Fonds und eine Firma, beide angesiedelt auf Mauritius, einer Steueroase.

Dies geht aus internen Unterlagen des Finanzdienstleisters Conyers Dill & Pearman hervor, die dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) zugespielt worden sind. Das ICIJ hat die etwa 200'000 Dokumente, die von den Neunzigerjahren bis ins Jahr 2017 reichen, zusammen mit der «Süddeutschen Zeitung» und etwa 50 Journalisten aus insgesamt 18 Ländern ausgewertet und veröffentlicht die Ergebnisse unter dem Titel «Mauritius-Leaks». Conyers Dill & Pearman erklärte dazu, sich «strikt an die Gesetze aller Rechtsordnungen, in denen wir tätig sind», zu halten.

Dem Beispiel Schweiz gefolgt

Die einstige französische Kolonie Mauritius liegt 2000 Kilometer östlich des afrikanischen Kontinents im Indischen Ozean. Über Jahrhunderte hinweg lebte die Insel vom Export von Zuckerrohr, nach der Unabhängigkeit im Jahr 1968 aber sollten neue Einnahmequellen her. In den Neunzigerjahren sah der damalige Finanzminister Rama Sithanen, wie Luxemburg, die Schweiz und Hongkong mit niedrigen Steuern und undurchsichtigen Firmenkonstruktionen Investoren aus aller Welt anlocken – und wollte diesem Beispiel folgen. «Es besteht das Potenzial, neue Wege zu gehen und nach neuen Märkten zu suchen», argumentierte er und brachte ein Gesetz auf den Weg, das null Prozent Steuern auf Gewinne vorsah und die Gründung von Briefkastenfirmen ermöglichte.

Bis heute werden Dividenden oder Lizenzen auf der Insel – wenn überhaupt – nur marginal mit einer Quellensteuer belastet. Gleiches gilt für Kapitalertragssteuern. Dazu kommt: Mauritius hat kein öffentliches Firmenregister, in dem man online herausfinden könnte, wem eine ­Firma gehört. Ausserdem hat der Inselstaat allerlei – zumindest für Anleger – vorteilhafte Steuerabkommen geschlossen.

Mauritius wurde per Gesetz zur Steueroase. Davon profitiert auch Bob Geldof: Jener Mann, der sich selbst als Afrika-Freund und Kämpfer gegen die Ungleichheit inszeniert, kann durch seine Offshore-Konstruktionen auf Mauritius jede Menge Steuern sparen. Ein Unternehmenssprecher erklärte dazu: «Die Unternehmen, in die wir investieren, zahlen alle Steuern in ihrem afri­kanischen Heimatland.» Bob Geldof selbst wollte sich auf ICIJ-Anfrage nicht äussern.

Der Schaden, der in Afrika durch legale – aber damit noch längst nicht legitime – Steuervermeidung und illegale Steuerhinterziehung entsteht, ist immens: Jedes Jahr verlieren Entwicklungsländer mehr Geld durch Steuervermeidung, Geldwäsche und Korruption, als sie im selben Zeitraum an Hilfsgeldern bekommen. Was die Folgen für den afrikanischen Kontinent angeht, so sei Mauritius eine der schädlichsten Steueroasen, kritisiert die Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network.

Auch Unternehmen und Banken nutzen die Steueroase Mauritius. Sie gründen dort Firmen oder vergeben Kredite dahin, ­investieren in Fonds oder holen sich rechtliche Ratschläge ein. Die Deutsche Bank etwa verwaltete über viele Jahre hinweg ­etliche Mauritiusfirmen, für einige stellte sie sogar Direktoren und berief Treffen von Anteilseignern ein. Das Bankhaus erklärte dazu, dass es sich um «standardisierte administrative Bankdienstleistungen» gehandelt habe. Ausserdem sei das Mauritius-Geschäft 2018 verkauft worden.

Der Versicherungskonzern ­Allianz war über eine Investmentgesellschaft an der Verwaltung von mindestens einem Fonds auf Mauritius beteiligt. Die Firma erklärte, dass sowohl ihre Kunden als auch sie selbst ihre Einkünfte in den jeweiligen ­Heimatländern versteuerten und ­daher «keine steuerlichen Vorteile» aus der Wahl des Standorts Mauritius erzielen würden.

Volkswagen und Porsche gründeten 2014 auf Mauritius zusammen mit einem französischen Unternehmen eine Firma, um Autos nach Malawi, Kenia, Zimbabwe, Sambia und in weitere ­afrikanische Länder zu exportieren. Steuerliche Aspekte haben dabei nach Angaben des Volkswagen-Konzerns «keine Rolle gespielt».

Angst vor Brandmarkung

Dass eine Firma auf Mauritius gegründet wird, um in anderen Ländern Afrikas zu investieren, ist tatsächlich keine Seltenheit. «Ein erheblicher Teil ausländischer Investitionen in zahlreiche Staaten südlich der Sahara wird über Mauritius geleitet», sagt Jan Loeprick von der Weltbank. «Unternehmen, die zum Beispiel in Europa, Nordamerika oder China ansässig sind, lassen die Investitionen von einer Firma auf Mauritius ausführen. Dadurch kann für Erträge, die über Mauritius zurückfliessen, eine erhebliche Reduzierung der Steuerlast oder Steuerbefreiung erreicht werden.» Schätzungsweise 30 bis 60 Millionen Dollar fliessen pro Jahr auf die Insel.

Damit die Geschäfte weiter florieren, will die Insel verhindern, als notorische Steueroase gebrandmarkt zu werden und auf einer schwarzen Liste der Steuerparadiese zu stehen. Auch deshalb trat Mauritius 2017 einem Aktionsplan von OECD und G-20 bei, der sich gegen die Verschiebungen von Gewinnen von Hoch- in Niedrigsteuerländer richtet. Doch das fällt Mauritius leicht: «Zwei wesentliche Massnahmen sind in dem Aktionsplan aussen vor gelassen», sagt Sebastian Beer vom Internationalen Währungsfonds, der zu den Auswirkungen der Steuerpraktiken von Niedrigsteuerländern wie Mauritius auf die Staaten südlich der Sahara forscht. «Mauritius kann nach wie vor niedrige Quellensteuern und geringe Körperschaftssteuern anbieten.» Das Geschäftsmodell der Insel bleibt also bestehen.

Erstellt: 28.07.2019, 18:43 Uhr

Artikel zum Thema

Das Problem der Migros mit ihren ewigen Regionalfürsten

Die Migros Neuenburg-Freiburg hat Strafanzeige gegen ihren VR-Präsidenten eingereicht. Das ist aussergewöhnlich. Doch die Organisation des orangen Riesen begünstigt Seilschaften. Mehr...

Der UBS rennen die Aktionäre davon

CEO Sergio Ermotti kann sie trotz guter Zahlen nicht mehr halten. Mehr...

Auch eine persönliche Niederlage für Sergio Ermotti

Kommentar Das Bundesgerichts-Urteil im Frankreich-Fall könnte Folgen haben für den Finanzplatz. Und es schwächt die Position des UBS-Chefs. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...