Das sind die Profiteure von Trumps Handelskrieg

Wenn Washington und Peking sich streiten, freuen sich Dritte: Wohin die Handelsströme zwischen den USA und China umgeleitet werden dürften.

Schneidet er sich mit den Schutzzöllen ins eigene Fleisch? Der US-Präsident Donald Trump.

Schneidet er sich mit den Schutzzöllen ins eigene Fleisch? Der US-Präsident Donald Trump. Bild: Reuters

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Die Konturen von US-Präsident Donald Trumps Handelsstrategie werden immer klarer. Amerikas Handelspartner sehen sich dramatischen Bedrohungen ausgesetzt. Doch wie die Neugestaltung des US-koreanischen Freihandelsabkommens sowie die «Reform» und die Umbenennung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta) zeigen, müssen die meisten Länder nur geringe Konzessionen anbieten, um Trump zu besänftigen. Das einzige Land, das ihm wirklich wichtig ist – sein «Staatsfeind Nummer eins» –, ist China.

Damit ist die Bühne bereit für einen chinesisch-amerikanischen Showdown mit all seinen gewichtigen und unvorhersehbaren geostrategischen Auswirkungen. Doch für die übrige Welt ist das möglicherweise gar keine so schlechte Nachricht. Tatsächlich legt die Wirtschaftstheorie nahe, dass an dem alten Sprichwort «Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte» etwas dran ist.

Präferenzielle Abkommen

Bis vor kurzem diente die Handelspolitik in erster Linie der Liberalisierung. Von den Sechziger- bis in die Neunzigerjahre wurde dieser Prozess primär durch allgemeine Zollsenkungen vorangetrieben – unter der Federführung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) und der ihm nachfolgenden Welthandelsorganisation (WTO). Doch der jüngste Versuch allgemeiner Zollsenkungen – die Doha-Runde – wurde nie umgesetzt, und zwar vor allem, weil Indien (nicht China) sich der Öffnung einiger seiner Schlüsselmärkte widersetzte.

In gewissem Umfang trugen regionale Handelsabkommen – normalerweise zwischen ähnlich denkenden, bereits stark integrierten Volkswirtschaften – dazu bei, die Liberalisierungsdynamik aufrechtzuerhalten. Doch die Ökonomen stehen derartigen Vereinbarungen traditionell skeptisch gegenüber, weil sie per se präferenzieller Art sind. Wenn für die wenigen an der regionalen Vereinbarung beteiligten Handelspartner die Handelsschranken gesenkt werden, tendieren die Produzenten in diesen Ländern dazu, ihre Aufmerksamkeit auf diese Partner zu verlagern, was zu einem Rückgang der Importe aus anderen Ländern führt.

Bilder: China wappnet sich für einen Handelskrieg

Statt insgesamt den Handel anzuregen, lenken regionale Vereinbarungen ihn in erster Linie wohl um. Zwischen den teilnehmenden Ländern nimmt der Handel zu, wovon sie profitieren, aber in Bezug auf Dritte, denen dadurch (geringe) Kosten entstehen, schrumpft er. Ein riesiges Korpus an empirischer Literatur über bestehende präferenzielle Handelsabkommen unterstützt diese Schlussfolgerung.

Dies legt nahe, dass, wenn eine Gruppe wichtiger Handel treibender Länder das Gegenteil tut – also Zölle nur gegenüber einander anhebt –, Dritte profitieren werden. Sollten also andere Länder, von Europa bis Asien, das negative präferenzielle Handelsabkommen begrüssen, gemäss dem die USA und China de facto operieren?

Angesichts der von den USA verhängten höheren Zölle auf chinesische Waren werden die europäischen Hersteller auf dem US-Markt einen Wettbewerbsvorteil gegenüber chinesischen Produzenten geniessen. Genauso werden auf dem chinesischen Markt europäische wie auch asiatische Hersteller einen Wettbewerbsvorteil gegenüber US-Herstellern haben.

EU dürfte stark profitieren

Ein wesentlicher Anteil des Handels zwischen den USA und China dürfte nach Europa, Japan und in andere asiatische Volkswirtschaften mit engen Beziehungen zum chinesischen Markt umgeleitet werden. Insbesondere die EU dürfte hiervon stark profitieren, weil sie einer der grössten Handelspartner sowohl der USA als auch Chinas bleibt und weil die europäischen Hersteller häufig die stärksten Konkurrenten der US-Unternehmen sind.

Während praktisch jedes negative präferenzielle Handelsabkommen Dritten gewisse Vorteile bringt, dürften diese im Falle eines «Abkommens» zwischen den USA und China besonders gross sein. Die Umleitung von Handelsströmen wurde bisher oft als theoretisches Konstrukt mit geringer Bedeutung für die reale Welt betrachtet, weil die meisten an präferenziellen Handelsabkommen beteiligten Volkswirtschaften ohnehin relativ niedrige Zölle aufwiesen. Infolgedessen war jede Änderung – und damit ihre allgemeinere Auswirkung auf den Handel – gering.


Video: USA verhängen Zölle gegen EU

Donald Trump macht Ernst: Die USA verhängen Strafzölle auf Stahl und Aluminium. (Video: Reuters)


Beim chinesisch-amerikanischen Handelskrieg sieht das anders aus, weil die beiden Volkswirtschaften, die sich zuvor relativ offen gegenüberstanden, nun hohe Handelsbarrieren errichten. Schon jetzt erheben die USA einen Zoll von 10 Prozent – viermal so hoch wie der US-Durchschnitt – auf chinesische Waren im Wert von mehr als 200 Milliarden Dollar. Im kommenden Jahr könnte dieser Zoll auf 25 Prozent erhöht und auf ein breiteres Spektrum von Importgütern ausgeweitet werden. Dies legt eine Umleitung von Handelsströmen in beträchtlichem Umfang nahe.

Natürlich könnte der hohe Integrationsgrad der transatlantischen Volkswirtschaft mildernd wirken. So könnte etwa Airbus Boeing auf dem riesigen chinesischen Markt verdrängen, doch mehr als ein Drittel der Wertschöpfung eines Airbus-Flugzeugs wird durch die USA beigesteuert. Dies ist einer der Gründe, warum Trump sich entscheiden könnte, den im Juli mit der EU vereinbarten «Waffenstillstand» zu verlängern.

Die USA als Leidtragende

Letztendlich jedoch ist es wahrscheinlich, dass die chinesisch-amerikanische Konfrontation zu beträchtlichen Verlagerungen im Welthandel führen wird. Es ist möglich, dass die meisten Volkswirtschaften weltweit davon profitieren, doch zugleich wird es ernste Folgen für die USA und China haben: Auf importierte Maschinen angewiesene Verbraucher und Unternehmen werden mehr bezahlen müssen.

Die Verluste dürften für die USA grösser sein als für China, weil die chinesischen Importe aus den USA einen höheren Anteil an Agrarprodukten umfassen, für die sich relativ leicht alternative Lieferanten finden lassen. So kann China beispielsweise Sojabohnen aus Brasilien statt aus den USA importieren, ohne dass dadurch wesentlich höhere Kosten entstehen. Zudem waren die chinesischen Gegenmassnahmen bisher moderater; es besteht kaum Aussicht auf einen pauschalen Zoll von 25 Prozent auf US-Importe.

Alles in allem könnte der chinesisch-amerikanische Handelskrieg für China zu gewissen Verlusten führen, doch dürften sie sich im Vergleich zu den Kosten, die den USA selbst entstehen, als verschwindend gering erweisen. In der Zwischenzeit könnte die übrige Welt allen Grund haben, beiden Seiten einen langen Konflikt zu wünschen.

© Project Syndicate


Das Project Syndicate ist eine internationale Non-Profit-Organisation mit Sitz in Prag, in der zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften zusammengeschlossen sind. Das Syndikat verbreitet jährlich weltweit Hunderte von Kommentaren, die von massgeblichen Publizisten, Wissenschaftlern, Politikern und politischen Aktivisten verfasst worden sind.

Erstellt: 16.10.2018, 18:32 Uhr

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