Der jähe Absturz des Opiat-Herstellers

Der US-Schmerzmittelproduzent Purdue büsst schwer für die Medikamenten-Epidemie im ländlichen Amerika.

Eltern von Schmerzmittel-Opfern demonstrieren gegen die Besitzerfamilie Sackler. Foto: Josh Reynolds (AP)

Eltern von Schmerzmittel-Opfern demonstrieren gegen die Besitzerfamilie Sackler. Foto: Josh Reynolds (AP)

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Oxycontin stand 1996 am Anfang einer Suchtwelle, die das weisse, ländliche Amerika in den folgenden Jahren in nie erwarteter Brutalität überrollen sollte. Dabei wusste Purdue Pharma, der Hersteller, früh schon um die Risiken. Die Besitzerfamilie Sackler verschloss die Augen, trieb das Marketing des Schmerzmittels voran und schöpfte Milliardengewinne ab.

Nun nähert sich für Purdue die Zeit der Abrechnung. Der Umsatz mit Oxycontin ist eingebrochen. Mehr als 1800 Strafverfahren laufen gegen das Unternehmen, und die Besitzerfamilie steht im Verdacht, das Unternehmen ausgeraubt und versucht zu haben, Wiedergutmachungsforderungen zu unterlaufen. Ein Bankrott ist wahrscheinlich. Es wäre der Ausweg, der den Sacklers erlauben könnte, die Klagen in einem einzigen grosse Aufwasch beilegen zu können.

Gratismuster für Kunden

Nach Jahren des Schweigens und Vertuschens versuchen es die Sacklers vorderhand noch mit einer Schadenbegrenzung. Sie sehen Purdue zu Unrecht in die Rolle des Sündenbocks gedrängt und argumentieren, dass andere Pharmakonzerne, namentlich Johnson & Johnson, ebenso potente und süchtig machende Schmerzmittel vermarktet und mehr Umsatz damit gemacht hätten.

Das Problem sei letztlich eines der Wahrnehmung, meint David Sackler, Nachkomme der Gründer in der dritten Generation. «Wir haben es nicht geschafft, unsere Sicht der Geschichte zu erzählen. Es tut uns leid, dass wir nicht von Anfang sagten, wie viel Mitgefühl wir für die Opfer haben. Wir fühlen uns schrecklich, doch werden die Fakten beweisen, dass nicht wir die Krise verursacht haben», erklärte Sackler in einem Interview mit «Vanity Fair».

Die Familie setzte allerdings von Anfang an voll auf die Karte Oxycontin als Wachstumsmotor des mittelgrossen Unternehmens. Obwohl die Wissenschaft schon früh die enorme Marketingmaschine für das angeblich unproblematische Schmerzmittel hinterfragte, lehnten die Sacklers die Diversifizierung in andere Forschungsbereiche ab und investierten voll in das Opioid.

In den besten Zeiten schickte Purdue Pharma mehr als 600 Verkäuferinnen und Verkäufer auf die Piste, schulte mehr als 5000 Ärzte, Apotheker und Krankenschwestern und verteilte Gratismuster für 30 Tage an Patienten. Das Marketing wurde auf jene Ärzte zugeschnitten, die die höchsten Dosen verschrieben. Der Erfolg war durchschlagend – und verheerend. 2008 konsumierten die USA mehr als 80 Prozent der global verkauften opiathaltigen Schmerzmittel, und dies mit nur 5 Prozent der Weltbevölkerung.

«Purdue richtet den grössten Schaden an, weil sie das Verschreiben der Opioide leicht machte.»Andrew Kolodny, Co-Direktor des Opioid Policy Research Collaborative an der Brandeis Universität

In Windeseile wurde Oxycontin zur Droge Nummer eins im ländlichen Amerika, angekurbelt durch sorglose Ärzte und den ­illegalen Handel mit den teils von Drogenkartellen betriebenen Verteilzentren in Florida.

«Purdue richtet den grössten Schaden an, weil sie das Verschreiben der Opioide leicht machte und den Menschen suggerierte, dass ohne das Schmerzmittel unnötiges Leiden ent­stehe», sagte Andrew Kolodny, Co-Direktor des Opioid Policy Research Collaborative an der Brandeis Universität, an einem Kongress-Hearing.

Zwar machte das Schmerzmittel Oxycontin nie mehr als vier Prozent der verschriebenen Opioide aus, aber wegen des Suchtpotenzials war Purdue gemäss Experten neben Johnson & Johnson dennoch zur Haupt­sache für eine Epidemie verantwortlich, die über 400'000 Menschen abhängig machte und mehr als 200'000 Tote forderte. Purdue wird auch vorgehalten, den Boden für das noch weit stärkere, illegal aus China importieren Fentanyl gelegt zu haben, das die Suchtwelle bis heute fortsetzt. Die Musiker Tom Petty und Prince hatten bei ihrem Tod hohe Fentanyl-Dosen in ihrem Körper.

Verdacht auf Finanzbetrug

Purdue musste wegen irreführender Werbepraktiken schon 2007 eine Busse von 643 Millionen Dollar zahlen, ohne aber den Kurs zu ändern. Doch dieses Jahr ist der Umsatz von Oxycontin von einst über drei auf unter eine Milliarde Dollar eingebrochen, berichtet das «Wall Street Journal». Die Moral des Personals sei am Boden; noch 500 von früher 1700 Angestellten bleiben übrig.

Derweil schaffte die Familie gemäss Strafanzeigen der Bundesstaaten New York und Massachusetts viel Geld auf die Seite. Mehr als vier Milliarden Dollar wurden zwischen 2008 und 2016 abgezogen und in Dutzenden von Tarn- und Offshore-Firmen versteckt, heisst es in den Klagen.

Die Familie habe sehr wohl gewusst, dass das Unternehmen finanziell ausgelaugt sei, und habe die Mittel präventiv und illegal entwendet, um die anstehenden Schadenersatzforderungen zu unterlaufen. Der Vorwurf des Finanzbetrugs wiegt schwer; acht Familienmitgliedern drohen Haftstrafen.

Solche Verdachtsmomente wischt David Sackler beiseite. Es handle sich um «krasse Übertreibungen», sagt er. Die Familie sei es leid, einer «endlosen Quälerei» ausgesetzt zu sein. Zwar habe man die Risiken von Oxycontin zu Beginn zu tief eingeschätzt, aber das Gleiche gelte auch für die Wissenschaft und die Zulassungsbehörden. Kürzlich schloss Purdue mit Oklahoma einen ersten Vergleich von 270 Millionen Dollar ab. Eingeschlossen ist die Errichtung eines nationalen Suchmittel-Präventionszentrums.

Erstellt: 04.07.2019, 11:15 Uhr

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