Die Schweizer Industrie kriselt

Die Chefeinkäufer von Schweizer Unternehmen schätzen die Aussichten ihrer Unternehmen zunehmend negativ ein – wie ihre Kollegen in Deutschland.

Rückläufige Produktionszahlen: Scharnierverstärkungen in einem Werk des Industriekonzerns Georg Fischer. Foto: GF Corporate

Rückläufige Produktionszahlen: Scharnierverstärkungen in einem Werk des Industriekonzerns Georg Fischer. Foto: GF Corporate

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Ein Euro war diese Woche kurz weniger als 1.09 Franken wert – so wenig wie seit 2017 nicht mehr. Einer der Hauptverantwortlichen für den harten Franken ist Amerikas Präsident. Wenn Donald Trump ankündigt, ab September würden sämtliche Güterimporte aus China mit Zöllen belegt, und kurz darauf Peking als «Währungsmanipulator» beschimpft, fördert er die Flucht in sichere Häfen wie den Franken. Trumps aggressive Handelspolitik verunsichert indes auch zunehmend die Kundschaft von Schweizer Exporteuren.

Die Spannungen wirken sich inzwischen auf die Zahlen exportorientierter Unternehmen aus. Komax ist dafür ein gutes Beispiel. Der Umsatz des Herstellers von Kabelverarbeitungsmaschinen in Dierikon LU ging im ersten Halbjahr 14 Prozent zurück, die Bestellungen brachen gar 19 Prozent ein. Auslöser sei die derzeitige «Schwächephase» der Autoindustrie, mit der Komax 80 Prozent des Umsatzes macht. Die Kunden seien bei Bestellungen «mehrheitlich zurückhaltend und verschieben Investitionsprojekte», so Komax gestern.

Deutliche Abschwächung

Der Industriekonzern Oerlikon gab gestern eine Abnahme von fast 6 Prozent bei den Aufträgen bekannt. Verantwortlich sei eine Abschwächung «in fast allen Endmärkten» im Bereich Oberflächenbeschichtung, von der Autobranche über das Werkzeuggeschäft bis hin zur allgemeinen Industrie. Die Folge seien «Investitionszurückhaltung und Verschiebungen bei Projekten». Georg Fischer kündigte vor drei Wochen «sofortige Massnahmen» an, da das Geschäft mit Komponenten unter den «stark rückläufigen Produktionszahlen der westeuropäischen und chinesischen Autoindustrie» leide.

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Wie düster die Chefeinkäufer Hunderter von Schweizer Industriefirmen deren Aussichten einschätzen, zeigt der Index, den Credit Suisse und der Fachverband für Einkauf erheben. Der Index ist mehr als nur ein Stimmungsbarometer, die Einkäufer geben Auskunft über Auftragseingang, Produktion, Beschäftigung, Lieferungen und Lagerbestand. Werte über 50 deuten auf steigende, Werte unter 50 auf fallende Umsätze hin. Der Index sank im Juli auf 44,7 Punkte – den tiefsten Wert seit 2009, als die Schweiz wegen der Finanzkrise in einer Rezession steckte. Beim Auftragsbestand der Industrie fiel der Index gar auf 40 Punkte, ein Anzeichen für eine Kontraktion der Produktion. «Die Industrie sieht rot», fasste «Finanz und Wirtschaft» jüngst die Entwicklung zusammen. Auch im Dienstleistungssektor, der neben dem Konsum noch die Schweizer Konjunktur stützt, gibt es Hinweise auf eine Abschwächung. Dort sank der Index im Juli auf 48,2 Punkte.

Wenig Gutes zeigen die jüngsten Exportzahlen. Der Zuwachs von 1,4 Prozent ist zur Hauptsache der Pharma- und Chemieindustrie zu verdanken, die 2,4 Prozent zulegte. Die Exporte der erfolgsgewohnten Uhrenbranche dagegen stagnierten im zweiten Quartal; bei Präzisionsinstrumenten, Schmuck, Elektronik und Nahrungsmitteln war die Ausfuhr zwischen April und Juni rückläufig. Der Export von Maschinen geht seit Anfang Jahr zurück, bei Stahl und anderen Metallen nimmt die Ausfuhr gar seit letztem Herbst ab.

Abhängig von Deutschland

Speziell die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie bekommt ihre starke Abhängigkeit von Deutschland zu spüren, das laut dem Branchenverband Swissmem 26 Prozent ihrer Exporte abnimmt. Zumal diese Branche auch in Deutschland den Rückwärtsgang eingelegt hat. Der Verband der deutschen Maschinenindustrie VDMA ging im Winter davon aus, dass die Branche 2019 ein Prozent wächst. Nach einem Bestellungseinbruch von 9 Prozent im ersten Halbjahr rechnet die Branche 2019 mit einem Einbruch von zwei Prozent in der Produktion. Es gebe wenig Hoffnung auf eine «versöhnliche zweite Jahreshälfte», glaubt der deutsche Industrieverband DIHK. «Unsicherheit ist Gift für das Investitionsklima», sagte dazu der deutsche Konjunkturexperte Olaf Wortmann der Nachrichtenagentur DPA.

Wie Chefeinkäufer die Aussichten ihrer Unternehmen einschätzen, bilden die meisten Länder in einem eigenen Index ab. In den Ländern der Eurozone notieren die meisten Indizes unter 50 Punkten, was auf eine Kontraktion hindeutet. Das Schlusslicht ist auch hier Deutschland mit einem Indexstand von 43,2 Punkten. Der Index der Weltwirtschaft, der aus Einkäuferindizes vieler Länder hochgerechnet wird, liegt seit April ebenfalls unter 50 Punkten.

Erstellt: 06.08.2019, 22:17 Uhr

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